Der Redakteur | 10.02.2022 Skianzug-Drama um Katharina Althaus: Wie kann das passieren?

Nach dem Drama im Mixed-Teamspringen: Wie kann es im Profibereich passieren, dass wegen eines nicht regelkonformen Skianzugs disqualifiziert wird? Das fragt sich Michael Naumann aus Gotha. Wir haben nachgefragt.

Skispringen, Katharina Althaus
Olympia-Sprung von Katharina Althaus: im Mixed-Teamwettbewerb wurde sie disqualifiziert. Bildrechte: imago images/GEPA pictures

Ralph Gebstedt ist Stützpunkttrainer der Skispringer in Oberhof und trainiert in Thüringen jene, die über den Verein und die Sportschule im professionellen Bereich angekommen sind. Um zunächst ein Gefühl für diesen Sport zu bekommen: Die Springer fliegen bei einem Sprung gewöhnlich in einer Höhe zwischen drei und vier Metern, das heißt, die "Hügellandschaft" unterhalb der eigentlichen Schanze ist quasi der Flugkurve angepasst.

Beim Skifliegen wird es mitunter richtig heftig, da können es auch schon einmal 15 Meter Höhe über Schnee werden. Nun gehört Skispringen zum Wintersport, das heißt: nackt zu springen oder in kurzen Höschen, verbietet sich schon des Wetters wegen. Sicher würde es auch bei Stürzen unangenehm, aber das sportlich Entscheidende ist: Man kann heutzutage ohne einen perfekten Anzug gleich zu Hause bleiben. Denn die Ausrüstung entscheidet auch beim Skispringen mit darüber, wer gewinnt.

Ausrüstung mitentscheidend für die Weite

Die Ski und das Wachsen sind die Basis. Spezielle Schuhe und der Hightech-Anzug sowie der Helm sollten auch kein aerodynamisches Hindernis sein. Ralph Gebstedt schätzt, dass zwischen zwei identischen Sprüngen - der eine mit einem Spitzenanzug durchgeführt, der andere nicht - zehn bis zwölf Meter Weite liegen können auf einer 130-Meter-Schanze. Kein Wunder, dass es sich lohnt, an den Anzügen zu tüfteln und kein Wunder auch, dass es dafür Regeln gibt, die aber auch kontrolliert werden müssen.

Der Anzug trägt dazu bei, dass der Springer wie ein Vogel fliegen kann.

Ralph Gebstedt, Stützpunkttrainer der Skispringer in Oberhof
Ralph Gebstedt, 1996 15 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 10.02.2022 16:40Uhr 15:28 min

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Angefangen hat alles im Vorfeld der Olympischen Spiele 1976 in Innsbruck. Damals kamen die Österreicher auf die Idee, ihren Anzug vorne luftdurchlässiger zu machen als hinten, was einen gewissen Balloneffekt ergab. Mehr Auftrieb war der Antrieb.

Die Medaillen holten damals auf beiden Schanzen nur Österreicher und - die Springer der DDR. Hans-Georg Aschenbach wurde auf der kleinen Schanze sogar Olympiasieger, Jochen Danneberg wurde zweiter und Henry Glas holte auf der großen Schanze die Bronzemedaille. Das aber ohne Hightech, allerdings mit dem eines DDR-Bürgers angeborenen Improvisationstalents.

Wir haben halt in den Rückenbereich Gummi geklebt. (…) Wir haben erst fürchterlich geschwitzt und dann gefroren.

Hans-Georg Aschenbach, Skisprunglegende aus Thüringen

Und dann Medaillen geholt. Wahrscheinlich war der Effekt auch gar nicht so gewaltig, sagt Aschenbach heute rückblickend. Die damalige Idee trägt bis heute die Skispringer, nämlich, dass der Anzugstoff vorn etwas mehr Luft reinlässt als hinten raus. Das Differenz-Volumen lässt sich in Litern messen und ist Teil des Regelwerks, das natürlich auch kontrolliert wird. Hinzu kommt die Passform des Anzugs, der nicht zu breit ausfallen darf. Er soll mit den Ski die perfekte Fläche bieten für den perfekten Flug.

Warum passt bei einem Wettkampf der Anzug und beim nächsten nicht?

Das ist ein Drama in mehreren Akten. Los geht es zu Saisonbeginn mit der Vermessung der Springer durch die Regelhüter des Internationalen Skiverbandes. Da geht es um die Körpergröße, das Schrittmaß - das ist quasi die Beinlänge auf der Innenseite gemessen - und dann kommt noch das Armmaß hinzu. Anschließend wird der Sportler von einer Anzugsfirma gescannt und es geht ans Eingemachte.

Die Dicke der Arme, der Beine, des Oberkörpers - alles wird genau gemessen und am Ende bekommen die Sportler quasi einen echten Maßanzug. Wobei "einer" nicht ganz richtig ist. Mindestens 15 sind es in einer Saison, denn nach 15 bis 20 Sprüngen ist für einen Anzug eine Grenze erreicht, weil das Material doch ganz schön beansprucht wird und sich auch ausdehnt durch die Kräfte, die da wirken. Und genau das ist das Fatale. Denn es sind nur wenige Zentimeter, die ein Sportler sozusagen "Spiel" haben darf in seinem Anzug. Wenn der Körper abnimmt und der Anzug zu, dann ist Feierabend.

Der Anzugsumfang darf an verschiedenen Stellen nur drei Zentimeter größer sein als der Umfang des Körpers.

Ralph Gebstedt, Stützpunkttrainer der Skispringer in Oberhof
Rodlerin rutscht nach Sturz bäuchlings durch die Eisbahn. 1 min
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MDR aktuell 17:45 Uhr Mo 07.02.2022 17:45Uhr 01:10 min

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Die Rolle der Kontrolleure im Skispringen

Nun ist das Abnehmen ungünstig, das Zunehmen aber irgendwie auch, weil dann der Drei-Zentimeter-Vorteil weiter schwindet, wenn der Anzug zu stramm sitzt. Auch das Verhältnis Körpergewicht/Skilänge spielt noch mit rein. Wer zu wenig auf die Waage bringt für seine Skilänge, der muss noch ein Fläschchen Wasser trinken vor dem Start. Dann kommen auch noch die Kontrolleure ins Spiel, die eigentlich die Sportler über das ganze Jahr begleiten, oder manchmal eben auch nicht. Je nachdem ob einer das Maßband vielleicht etwas lockerer oder fester hält als der andere, ist der eine Zentimeter zu viel (beim Anzug) oder zu wenig (beim Körper) - und daraus folgt die Disqualifikation.

Proteste sind zwar möglich, aber oft nicht zielführend. Letztlich kommt es immer auch auf das Fingerspitzengefühl, die Tagesform und auch ein bisschen auf den guten Willen des Kontrolleurs an. Das ist wie bei Schiedsrichterentscheidungen und diskutiert wird auch nicht anders. Im Falle unserer Mixed-Staffel war der Ärger groß. Deutschlands Sportlicher Leiter Horst Hüttel sagte: "Katha hatte das Gefühl, sie ist so lange durchgecheckt worden, bis etwas gefunden wurde."

"Geschmäckle" aus dem fernen Oberhof

Auch für Ralph Gebstedt hatte die Entscheidung aus dem fernen Oberhof gesehen ein Geschmäckle und auch Hans-Georg Aschenbach sieht bei dieser "objektiven Messung" immer noch einen subjektiven Teil, weil eben ein Mensch misst und keine Maschine. Aber letztlich ist das auch das Risiko, das Sportler eingehen, wenn sie sich ständig am Limit bewegen. Das muss man heutzutage, wenn man ganz oben aufs Treppchen will.

Trotzdem hebt an dieser Stelle Hans-Georg Aschenbach den Finger - und zwar gleich zweimal. Erstens als Sprunglegende und zweitens als Dr. med., der ein großer Kritiker des Magertrends bei den Skispringern ist. Zwar seien die ganz schlimmen Auswüchse aus den Zeiten von Sven Hannawald gestoppt, als die Sportler zum Teil einen extrem kritischen Bodymaßindex hatten, aber letztlich sei das Thema Körpergewicht die eigentliche Ursache für das Drama rund um Katharina Althaus. Aus seiner Sicht haben sich die Verantwortlichen verzockt. Man hätte wissen können und einkalkulieren müssen, dass bei Olympia Körpermasse verloren geht.

Das weiß man doch bei Olympischen Spielen, dass die Athleten zehren, dass die keinen Hunger haben, dass sie aufgeregt sind.

Hans-Georg Aschenbach, Skisprunglegende aus Thüringen
Hans Georg Aschenbach 2013 mit Goldmedaille 10 min
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Auch das exotische Essen mit viel Obst und Gemüse und nicht immer ausreichend Kohlehydraten kann eine Rolle spielen. Dann fehlen halt ein paar Gramm und es ist zu viel Luft zwischen Anzug und Hüfte, sagt Skilegende Aschenbach. Deshalb dürfe man die Anzüge am Anfang der Saison nicht auf die maximale Körpermasse anpassen, sondern auf die minimale.

Oder die Skispringer müssen verschiedene Anzüge mitnehmen, die sich sozusagen am Saisonverlauf des Körpers orientieren. Eine Weltcupsaison ist hart, der Reisestress, die verschiedenen Zeitzonen - all das zehrt und führt dazu, dass Sportler im Laufe der Monate an Gewicht verlieren.

Oma Luise weiß, dass das Mädchen im Laufe der Saison abnimmt. Darauf muss man achten und das muss man vorbereiten. Dafür gibt es ganz viele tolle, gut ausgebildete Trainer und Funktionäre.

Hans-Georg Aschenbach, Skisprunglegende aus Thüringen

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 10. Februar 2022 | 16:40 Uhr

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