Lern-Forschung Action-Videospiel verbessert Lesefähigkeit von Kindern

Man kann die Eltern schon seufzen hören: Ein Videospiel, das die Lesefähigkeit trainiert? Na danke, dabei wollen wir doch, dass das Kind nicht so viel vorm Bildschirm hängt ... Allerdings sind die Nebenwirkungen eines Spiels der Unis Genf und Trient verblüffend und sogar langandauernd.

Junge spielt ein Videospiel
Action-Spiele können Lesefähigkeit ums Siebenfache steigern. Allerdings nicht alle. Bildrechte: imago images/Cavan Images

Eltern stellen sich bei diesem Studienergebnis vermutlich alle Nackenhaare auf: Action-Videospiele helfen Kindern beim Lesen-Lernen (zumindest bei den Eltern, deren Nachwuchs gerne daddelt). Doch was genau steckt hinter dieser Aussage? Ein Videospiel, das eigens dazu entwickelt wurde, bestimmte Mechanismen, die wir beim Lesen unbewusst nutzen, zu trainieren. Oder wie Daphné Bavelier erklärt, Professorin für Psychologie und Erziehungswissenschaften an der Universität Genf (Schweiz): "Lesen erfordert verschiedene wichtige Mechanismen, über die wir normalerweise nicht nachdenken, z. B. darüber, wie wir unsere Augen auf der Seite bewegen oder unser Arbeitsgedächtnis nutzen, um aus Wörtern einen zusammenhängenden Satz zu bilden." Und genau das lässt sich mit einem Action-Videospiel trainieren.

Planeten retten, Ressourcen sammeln

Was ist das für ein Spiel? Es findet in einer fiktiven Welt statt. Das Kind muss zusammen mit "Raku", einem fliegenden Wesen, bestimmte Aufgaben erfüllen, zum Beispiel Planeten retten. So fliegen sie durch einen Meteoritenschauer, dessen Meteoriten sie ausweichen oder auf die sie zielen müssen, um Einschläge abzuschwächen. Dabei werden zeitgleich nützliche Ressourcen für den Rest des Spiels gesammelt, ähnlich wie in anderen Action-Videospielen. Außerdem gibt es pro Aufgabe bestimmte Zeitlimits, und die Kinder müssen sich Symbolfolgen merken oder auf spezielle Geräusche von Raku reagieren. Und genau wie in "normalen" Videospielen steigt der Schwierigkeitsgrad ständig.

Prof. Martin Geisler auf Schaukel, leicht verpixelt 8 min
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150 italienische Schulkinder im Alter von acht bis zwölf Jahren wurden für das Projekt ausgewählt und in zwei Gruppen aufgeteilt. Forscherin Bavelier erklärt, wie der Trainingseffekt nachgewiesen wurde. "Zuerst haben wir die Fähigkeit der Kinder getestet, Wörter, Nichtwörter und Absätze zu lesen. Und wir haben auch einen Aufmerksamkeitstest durchgeführt, der die Aufmerksamkeitskontrolle des Kindes misst, eine Fähigkeit, von der wir wissen, dass sie durch Action-Videospiele trainiert wird." Dann trainierten die Kinder sechs Wochen lang zwei Stunden pro Woche unter Aufsicht in der Schule mit dem Action-Videospiel. Die Kontrollgruppe spielte zeitgleich ein anderes Spiel, das Planung, logisches Denken und Problemlösungen erfordert.

Leseleistung und Lesegenauigkeit war verbessert

Kurz nach den sechs Wochen testeten die Forschenden beide Kindergruppen: "Wir fanden eine siebenfache Verbesserung der Aufmerksamkeitskontrolle bei den Kindern, die das Action-Videospiel spielten, im Vergleich zur Kontrollgruppe", sagt Studien-Erstautorin Angela Pasqualotto, Doktorandin in der Psychologie und Kognitionswissenschaft der Universität Trient (Italien). Und was am meisten verblüffte: Nicht nur die Leseleistung hatte sich bedeutend verbessert, sondern auch die Lesegenauigkeit und zwar ohne, dass in dem Spiel gelesen werden musste. "Und zwar nicht nur kurz nach der Studie, sondern auch sechs, zwölf und 18 Monate nach dem Training," erläutert Forscherin Angela Pasqualotto. Zudem verbesserten sich die Italienischnoten der trainierten Kinder im Laufe der Zeit signifikant, Anzeichen also für eine Verbesserung der Lernfähigkeit. In der Kontrollgruppe wurden dagegen keine Verbesserungen festgestellt.

Übersetzung ins Deutsche, Englische und Französische

Ob das für alle Sprachen funktioniert, wird jetzt weiter erforscht mit Sprachversionen des Spiels in Deutsch, Französisch und Englisch. "Beim Lesen ist die Entschlüsselung je nach Sprache mehr oder weniger schwierig", so Irene Altarelli (Co-Autorin der Studie und Forscherin an der Universität Paris). "Italienisch zum Beispiel ist sehr transparent, hier wird einfach jeder Buchstabe ausgesprochen. Dagegen sind Französisch und Englisch eher undurchsichtig, das erfordert dann andere Lernanforderungen, zum Beispiel die Fähigkeit, Ausnahmen zu lernen." Es wird also noch ein wenig dauern, bis Eltern in Deutschland die Lesefähigkeit ihrer mit Videospielen trainieren.

Hier lesen Sie die Studie im Original.

(lfw)

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