Paläoarchäologie 41.500 Jahre alt: Erster Schmuck Europas lag in einer Höhle in Polen

Tonkrüge, Werkzeuge und Schmuck – dank solcher Fundstücke können Wissenschaftler sich ein Bild unserer Vorfahren machen. Ein elfenbeinerner Anhänger verrät nun, wann die Menschen in Europa begannen, Schmuck zu verzieren.

Der Stajnia-Anhänger ist mit einem Muster aus mindestens 50 Einstichen verziert, die eine unregelmäßige Schleife bilden.
Mindestens fünfzig kleine Löcher zieren den dünnen Anhänger und deuten auf große handwerkliche Fähigkeiten hin. Bildrechte: Antonino Vazzana - BONES Lab

  • Der älteste Schmuck Eurasiens ist über 41.500 Jahre alt und wurde in einer Höhle bei Katowice in Polen entdeckt.
  • Mithilfe von Radiokarbondatierung konnten die Forschenden seine Entstehungszeit ermittteln.
  • Somit ist der Anhänger aus der Stajnia-Höhle das älteste bisher bekannte mit Punkten dekorierte Ornament Eurasiens – und etwa 2.000 Jahre älter als andere vergleichbare Schmuckstücke.

Nach ihrer Ausbreitung in Mittel- und Westeuropa vor etwa 42.000 Jahren begannen Homo sapiens-Gruppen, Mammutstoßzähne für die Herstellung von Anhängern und Gegenständen wie geschnitzten Statuetten zu bearbeiten, die gelegentlich mit geometrischen Motiven verziert waren. Neben Linien, Kreuzen und Rauten tauchte bei einigen Ornamenten in Südwestfrankreich und Figuren aus der Schwäbischen Alb eine neue Verzierungsart auf: die Aneinanderreihung von Punkten.

Verbesserte Methode bei der Radiokohlenstoffdatierung

Für die Bestimmung des Alters dieses Schmuckstücks griffen die Forschenden auf die Methode der Radiokohlenstoffdatierung zurück. Sie ermöglichte die präzise Datierung und damit auch die kulturelle Zuordnung des Schmucks, sagte Sahra Talamo, Leiterin des Radiokarbonlabors der Universität Bologna, auf dessen Analysen die Einordnung der Funde zurückgehen.

"Wenn wir für die Debatte darüber, wann transportierbare Kunst in steinzeitlichen Homo sapiens-Gruppen erstmals aufkam, eine Lösung finden wollen, müssen wir diese Ornamente mit Hilfe dieser Methode datieren", erklärt Sahra Talamo. "Vor allem jene, die bei früheren Ausgrabungsarbeiten oder in komplexen stratigraphischen Sequenzen, also innerhalb sehr diverser Gesteinsschichten, gefunden wurden." Das Verfahren sei mittlerweile so ausgeklügelt, so die Chemie-Professorin, die auch am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig forscht, dass sich Funde wie dieser nur noch mit einem sehr kleinen Unsicherheitsfaktor zeitlich eingrenzen lassen.

Luftaufnahme der Stajnia-Höhle in Polen.
Die Stajnia-Höhlen wurden bisher aufgrund von Funden des Neandertalers zu einer bekannten Ausgrabungsstätte. Bildrechte: Marcin Żarski

Der Anhänger wurde zusammen mit einer Ahle, einem knöchernen Werkzeug mit dem die Löcher gebohrt wurden, gefunden. Er wurde zusätzlich zur Datierung mit digitalen Methoden untersucht. Dazu wurden mikrotomographische Scans der Funde erstellt. Mikrotomographie ist ein bildgebendes Verfahren, das unter anderem auch in der Medizin in abgewandelter Form zum Einsatz kommt. Anschließend wurde mit Hilfe von 3D-Modellierungstechniken weitergearbeitet. "Wir haben die Funde virtuell rekonstruiert und den Anhänger entsprechend restauriert, was uns detaillierte Messungen ermöglichte und die Beschreibung der Verzierungen vereinfachte", erklärt der Paläoanthropologe Stefano Benazzi, ebenfalls von der Universität Bologna.

Schmuck zeigt große Kunstfertigkeit

Archäologische Fundstücke aus der Höhle lassen vermuten, dass die Höhle Neandertalern und Homo sapiens-Gruppen für kurze Zeit als Aufenthaltsort diente. Der Anhänger ging möglicherweise zu Bruch, als die Gruppe in der Hochebene nahe des heutigen Krakau auf der Jagd war, und wurde anschließend in der Höhle hinterlassen, wo Archäologen ihn 2010 zwischen Tierknochen und einigen Steinwerkzeugen bei Ausgrabungsarbeiten entdeckten.

Beim Schnitzen der Punkte und der Tragelöcher des Anhängers wurde mit einer erstaunlichen Präzision vorgegangen. Denn das Schmuckstück ist nur rund 4 Millimeter dick. Möglicherweise handelt es sich bei den eingravierten Punkten um eine Zählung der erlegten Tiere. Die Bearbeitungsweise kann als Trend dieser Zeit verstanden werden. "Es ist faszinierend, dass ähnliche Verzierungen unabhängig voneinander in ganz Europa auftraten", erklärt Adam Nadachowski, der von Seiten der Polnischen Akademie der Wissenschaften an der Untersuchung beteiligt war.

Neue Erkenntnisse über Homo sapiens-Gruppen in Europa

Der Schmuck erlaubt den Forschenden das Bild, das sie bisher von Homo sapiens-Gruppen hatten, auf einen neuen Stand zu bringen. In groß angelegten Szenarien über die früheste Ausbreitung des Homo sapiens in Europa wurde das Gebiet des heutigen Polens bisher oft ausgeklammert, was darauf hindeutete, dass es nach dem Aussterben der Neandertaler mehrere Jahrtausende lang unbesiedelt blieb.

Das Alter des Elfenbeinanhängers und der Knochenahle, die in der Stajnia-Höhle gefunden wurden, belegt nun hingegen, dass die Ausbreitung des Homo sapiens im heutigen Polen zu einem genauso frühen Zeitpunkt stattgefunden hat wie in Mittel- und Westeuropa. Um diese Schlüsse zu ziehen arbeiteten Wissenschaftler aus drei europäischen Ländern unterschiedlicher Fachdisziplinen zusammen. Die Forschenden kündigten weitere Analysen aus der Stajnia-Höhle und anderen Fundorten in Polen an, die versprechen bald mehr über die Herstellung von Schmuckgegenständen in Mittelosteuropa zu erfahren.

Link zur Studie

Die Studie Sahra Talamo et al. A 41,500 year‑old decorated ivory pendant from Stajnia Cave (Poland) ist in Scientific Reports erschienen.

kf

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