Genomuntersuchungen Das Affenpockenvirus mutiert derzeit stark – aber zunächst kein Anlass zur Beunruhigung

Eine kolorierte transmissionselektronenmikroskopische Aufnahme von Partikeln des Affenpockenvirus (rot) in einer infizierten Zelle (blau)
Das Affenpockenvirus (rot eingefärbt) in einer infizierten Zelle (blau eingefärbt). Forschende haben herausgefunden, dass das Virus stärker mutiert als zunächst vermutet. Bildrechte: dpa

Im Mai 2022 erreichten die Affenpocken erstmals Deutschland – und auch in unseren Nachbarländern breiteten sie sich aus. Bereits im Juni konstatierten Forschende, dass das Virus deutlich schneller mutiert als zunächst vermutet. Damals stellte eine Arbeitsgruppe um João Paulo Gomes vom portugiesischen nationalen Gesundheitsinstitut in einer Studie über die Genomdaten, die im Wissenschaftsmagazin "Nature" veröffentlicht worden ist, fest: Die Erreger dieses ersten großen Ausbruchs außerhalb von Afrika sind bereits eine klare Mutante.

"Der Virusstamm, der im Mai 2022 sequenziert wurde und mit dem aktuellen Ausbruch in Europa in Verbindung gebracht wird, ist ein klar abweichender Zweig von den Affenpockenviren des Ausbruchs 2018/19 in den Ländern Afrikas", heißt es in der Studie.

Affenpocken Affenpocken sind eine seltene Infektionskrankheit, die sich zwischen verschiedenen Arten, auch von Tieren auf Menschen, ausbreitet. Sie wird durch das Affenpockenvirus (MPXV) aus der Gattung der Orthopoxviren (zu ihnen gehört auch das Pockenvirus) verursacht. Die Affenpocken traten bislang vor allem örtlich begrenzt in den west- und zentralafrikanischen Ländern auf, seltene Berichte über Fälle außerhalb dieser Regionen werden mit der Einfuhr aus diesen Ländern in Verbindung gebracht. Das galt bis zum Frühjahr 2022: Erstmals breiteten sich die Affenpocken-Viren länderübergreifend aus – auch in Europa. Weltweit wurden mehr als 3.000 Fälle bestätigt. (Stand: 24. Juni).  

Nun bestätigt sich die Mutationsfähigkeit des Affenpocken-Virus in einer weiteren Untersuchung: Forschende des Minnesota Department of Health in St. Paul stellten in ihren Proben ebenfalls fest, dass ein großer Teil des Affenpocken-Genoms fehlte, ein anderer Teil war an eine völlig andere Stelle der Sequenz gezogen. Die Daten sammelten sie in einem Bericht, der jedoch noch nicht wissenschaftlich begutachtet wurde.

Kein Grund zur Beunruhigung

Grund zur Beunruhigung sei das noch nicht, versichern die Forschenden. Man beobachte die Entwicklung des Virus aber genau. Das Affenpockenvirus gehört als Pockenvirus zu den DNA-Viren. Diese Viren entwickeln sich deutlich langsamer als RNA-Viren, wie beispielsweise das Coronavirus. Dennoch müsse man auch davon ausgehen, dass sich eben auch Pockenviren mit der Zeit verändern können, betont Elliot Lefkowitz, Computervirologe an der Universität von Alabama in Birmingham. Je mehr das Affenpockenvirus zwischen Menschen übertragen werde, desto mehr werde es die Möglichkeit haben, sich zu entwickeln. Derzeit sei es aber noch zu früh, um zu sagen, ob die aktuell festgestellten Mutationen vorteilhaft, neutral oder schädlich für das Virus sind.

Das vom Institute of Tropical Medicine Antwerp zur Verfügung gestellte Foto zeigt Hautsymptome von Affenpocken-Patienten
So sehen Affenpocken auf der Haut aus, Bild vom Institute of Tropical Medicine Antwerp zur Verfügung gestellt. Bildrechte: dpa

So verläuft eine Affenpocken-Infektion

Menschen können sich durch den Kontakt mit infizierten Tieren oder deren Fleisch mit dem Affenpocken-Virus infizieren. Zwischen Menschen wird das Virus selten und lediglich bei engem Kontakt übertragen – beispielsweise durch Kontakt mit Körperflüssigkeiten beim Sex. In der Frühphase kann die Krankheit möglicherweise auch Face-to-face durch ausgeschiedene Atemwegssekrete übertragen werden. Die Inkubationszeit für Affenpocken beträgt zwischen sieben und 21 Tagen. Erste Symptome der Viruserkrankung sind Fieber, Kopf-, Muskel- und Rückenschmerzen sowie geschwollene Lymphknoten. Einige Tage später treten Pocken auf der Haut auf, die letztlich verkrusten und abfallen. Diese "Hauteffloreszenzen" beginnen häufig im Gesicht, aktuell wurden jedoch auch Fälle gemeldet, bei denen die Pocken zuerst im Genitalbereich auftraten.

Im Gegensatz zu den seit 1980 ausgerotteten Menschenpocken ist der Verlauf bei Affenpocken in der Regel deutlich milder, die meisten Menschen erholen sich innerhalb weniger Wochen.

Mutationen dieser Art sind typisch für Pockenviren

Für die Pockenviren-Expertin Eneida Hatcher, Virologin am National Center for Biotechnology Information in Bethesda, Maryland sind die starken Mutationen des Affenpockenvirus nicht überraschend. Sie zeigte 2015 als Co-Autorin einer Studie, dass derartige Mutationen bei Pockenviren häufig vorkommen und meist eher Gene betreffen, die sich in den Endregionen des Virus-Genoms befinden. Sie hoffe, dass die gestiegene Aufmerksamkeit für das Affenpocken-Virus dabei helfen könne, Pockenviren im Allgemeinen besser zu verstehen. Sie freue sich, dass der internationale Wissenschafts-Austausch über Genomsequenzen, den es bereits bei Covid-19 gegeben habe, nun fortgesetzt werde.

Antivirales Mittel Tecovirimat vermutlich weiterhin wirksam

Bislang betreffen die Mutationen des Affenpockenvirus laut Einschätzung der Forschenden nicht den Teil des Virus-Genoms, der von dem antiviralen Medikament Tecovirimat angegriffen wird. Dieses Medikament wird derzeit für den Einsatz gegen Affenpocken getestet und wäre von der aktuellen Mutation nicht in seiner Wirkung beinträchtig. Tecovirimat ist ein antiviraler Wirkstoff, der in den USA im Hinblick auf mögliche Bio-Angriffe mit Pockenviren entwickelt wurde. Der Wirkstoff bindet an ein Protein des Virus und hemmt es. 

Links/Studien

João Paulo Gomes, National Institute of Health Doutor Ricardo Jorge (INSA), Lisbon, Portugal
DOI10.1038/s41591-022-01907-y
Genomic deletions and rearrangements in monkeypox virus from the 2022 outbreak, USA:
Preprint-Studie auf dem bioRix-Server.

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