Wissen, was wir lesen Der Frauenatlas. Ungleichheit verstehen.

Porträtaufnahme einer weißen Frau mit zurückgebundenen Haaren, einer großen Brille und grüner Bluse
Bildrechte: Tobias Thiergen

Ein Atlas ist ja eine Sammlung von Landkarten. Und "Der Frauenatlas" von Geografie-Professorin Joni Seager ist ganz genau das: Eine Sammlung von Landkarten der Ungleichheit von Frauen. Und das ist durchaus im wahrsten Sinne zu verstehen, denn mithilfe von Karten und Infografiken mit ergänzenden Erklärtexten zeichnet sie ein umfassendes Bild über die Situation und Benachteiligung von Frauen weltweit – ansprechend gestaltet und verständlich erklärt.

Cover Der Frauenatlas
Bildrechte: Carl Hanser Verlag

Worum geht es?

In "Der Frauenatlas" wird in 164 Karten und Infografiken die Lage der Frauen weltweit umfassend dargestellt. Dabei nimmt die Autorin insbesondere die Frage der Gleichstellung der Geschlechter in den Fokus und widmet sich frauenspezifischen Problematiken. Sie würdigt die Entwicklungen und Fortschritte der vergangenen Jahre und Jahrzehnte, zeichnet aber auch ein deutliches Bild der noch immer bestehenden Problematiken - große wie kleine "Baustellen" – und der Rückschritte, die es zweifelsohne ebenfalls gegeben hat. Das Buch dokumentiert also den langen feministischen Kampf und skizziert gleichzeitig die bestehenden Fronten.

Dies ist nicht nur ein Atlas über Frauen. Es ist eine feministische Neukartierung der Welt, bei der die Erfahrungen von Frauen näher betrachtet und ernst genommen werden.

Joni Seager

Die Autorin hat erstaunlich viele Daten und Fakten aus zahlreichen Quellen zusammengetragen, darunter unter anderem die Vereinten Nationen, die Weltbank, UNICEF oder die WHO. Alle Zahlen sind mit einer eindeutigen Quellenangabe belegt. Thematisch bietet das Buch einen Rundumschlag durch so ziemlich alle denkbaren Bereiche, in denen das patriarchale System für Ungleichheit sorgt: Arbeit und Bildung, Körperpolitik, Besitz und Armut, Macht oder gesellschaftliche Schranken.

Frauenatlas Geschäft mit der Schönheit
Nicht nur mit Karten, sondern auch in Infografiken werden zahlreiche "Frauen-spezifische" Daten anschaulich aufgearbeitet. Bildrechte: Carl Hanser Verlag

Die aufwändige grafische Gestaltung navigiert die Leserinnen und Leser durch die verschiedenen Teilaspekte der Themen. Zusätzlich sind alle Karten und Infografiken um Legenden und erläuternde Texte ergänzt. So wird teilweise auch bei Themen weltweite Vergleichbarkeit erreicht, für die es keine globalen Daten gibt.

Wie schafft es das Buch, mich zu fesseln?

Die Autorin verzichtet überwiegend auf Fließtext und kann die Atlanten-Anmutung so auch recht konsequent beibehalten. Das ist, gepaart mit der wirklich liebevollen und aufwändigen grafischen Umsetzung, eine erfrischende Abwechslung. Insbesondere, weil auch sehr schwere, ernste Themen wie etwa Kinderehe oder (sexuelle) Gewalt ausführlich behandelt werden. Es fällt mir als Leserin recht leicht, auch dazu einen für mich passenden Zugang zu finden. Wer von bestimmten Aspekten womöglich getriggert wird, muss sich so auch nicht durch einen Text kämpfen, sondern kann sich problemlos anderen Aspekten zuwenden. Das Buch kann durchaus als feministisches Werk – wie es die Autorin ja auch selbst einordnet – verstanden werden. Die wenigsten Bücher dieser Art dürften derart eindrucksvoll und übersichtlich gestaltet sein, sodass es auch einen niederschwelligen Zugang zur Problematik der Ungleichheit von Frauen in der Welt bietet.

Frauenatlas Frauen in Regierungen
Überraschende Erkenntnisse: Je mehr lila, desto mehr Frauen gibt es in der Regierung. Der Süden Afrikas widerspricht hier den Klischees. Bildrechte: Carl Hanser Verlag

Vor allem die Landkarten, die einen guten Überblick über globale Unterschiede bieten, sorgen immer wieder für Überraschungen, sodass sich vermeintlich bekannte Themen ganz neu entdecken lassen. Wussten Sie zum Beispiel, dass in Mosambik oder Bolivien deutlich mehr Frauen in der Regierung zu finden sind als in den USA? Liberia hatte schon 2005 das erste gewählte weibliche Staatsoberhaupt in Afrika. Ob überraschend oder nicht: Das Buch bietet in jedem Fall eine unkonventionelle Annäherung an komplexe Fragen und ist ein guter Einstieg in das Thema.

Wer hat's geschrieben?

Joni Seager ist Professorin für Global Studies an der Bentley University in Boston, USA. Die renommierte Geografin kann zahlreiche wissenschaftliche Publikationen vorweisen und hat zusätzlich bereits mehrere populärwissenschaftliche Bücher verfasst. Sie ist eine gefragte Expertin im Bereich globale Strategien – insbesondere in Hinblick auf weltweite Zusammenarbeit, globale Umweltpolitik und Geschlechtergerechtigkeit. Die US-Amerikanerin berät unter anderem die Vereinten Nationen. Selbst definiert sie sich als feministische Aktivistin, die sich aktiv für die Rechte der Frauen einsetzt. Seager sagt: Frauenrechte sind fragil und temporär. Deshalb müssen sie auch andauernd überwacht und geschützt werden.

Cover Der Frauenatlas
Bildrechte: Carl Hanser Verlag

Die Daten zum Buch Joni Seager: Der Frauenatlas. Ungleichheit verstehen. 164 Infografiken und Karten. Carl Hanser Verlag 2020, 208 Seiten, 22,00 €, ISBN 978-3-446-26829-6

Wie ist es geschrieben?

Das Buch besticht vor allem durch seine Übersichtlichkeit und die Grafiken. Die Texte und Erklärungen fallen also überwiegend recht kurz aus. Das ermöglicht einen einfachen und niederschwelligen Zugang zu vielen verschiedenen Aspekten in kurzer Zeit und gleichzeitig einen umfassenden Überblick über das Thema Ungleichheit von Frauen. Was allerdings auffällt: In der verwendeten Sprache an sich hat die Autorin nicht unbedingt auf Einfachheit geachtet. Insbesondere, wenn eine Textpassage mehr als nur eine Grafik erklärt, werden durchaus Fach- und Fremdwörter genutzt, sodass ein gewisses Bildungsniveau die Lektüre an diesen Stellen erleichtert. Trotzdem bleibt das Buch auch für die breite Masse verständlich und ist damit nicht nur für überzeugte Feminist:innen, sondern auch für Einsteiger in das Thema Gleichstellung und vor allem auch junge Erwachsene lesenswert.

Frauenatlas Sexhandel
Die Welt ist vernetzt: Das Buch betrachtet Phänomene nicht isoliert, sondern in seinen globalen Zusammenhängen - so werden Themen wie das Problem des Sexhandels in ihren Ausmaßen erst richtig greifbar. Bildrechte: Carl Hanser Verlag

Was bleibt hängen?

In allererster Linie bleibt eine ganze Menge Wissen hängen, das dank der anschaulichen, leicht verständlichen grafischen Darstellung fast wie von allein ins Gedächtnis wandert. Man nimmt tatsächlich auch eine Menge Fakten mit, die in der nächsten Diskussion, ob denn feministische Kämpfe in einer Zeit, in der bei uns Mann und Frau doch gleichgestellt wären, deutliche Argumente liefern – warum diese Überzeugung ein Trugschluss ist und wo die großen Baustellen bei der tatsächlichen Gleichstellung der Geschlechter noch liegen. Denn auch das wird deutlich: Es bleibt viel zu tun auf diesem Gebiet.

Frauenatlas Mord an Frauen
Die aufwändige grafische Gestaltung sorgt für einen neuen Zugang zu Themen. Bildrechte: Carl Hanser Verlag

Ein Punkt, den das Buch ebenfalls eindrücklich darstellt, sind die globalen Zusammenhänge und Unterschiede: Nur weil es zum Beispiel an einem Ort der Welt in einem bestimmten Aspekt besser um die Rechte der Frauen gestellt ist, gilt das nicht unbedingt für einen anderen Ort. Das erinnert daran, dass man stets über seinen eigenen Tellerrand schauen und solidarisch bleiben sollte. Insgesamt ist "Der Frauenatlas" ein ansprechend gestaltetes Überblickswerk zum Thema Gleichstellung der Frau, das sich auch gut zum Nachschlagen eignet – das hat das Buch definitiv mit dem bekannten Weltatlas aus der Geografie gemeinsam.

Porträtaufnahme einer weißen Frau mit zurückgebundenen Haaren, einer großen Brille und grüner Bluse
Bildrechte: Tobias Thiergen

Die Rezensentin Ist extrem neugierig und glaubt nicht, dass irgendetwas so kompliziert ist, dass es nicht alle verstehen können. Sie "übersetzt" deshalb im Radio, im Internet und auch mal im Bewegtbild – am liebsten Themen aus Naturwissenschaften, Technik, Psychologie und Medizin.

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