Zoonose Kann das Bornavirus zur Pandemie werden?

Bei Pferden, Schafen und Säugetieren in Mitteleuropa ist das Bornavirus lange bekannt. Doch auch dem Menschen kann es gefährlich werden, denn es kann schwere Gehirnentzündungen verursachen. Aber kann sich das Virus auch pandemisch von Mensch zu Mensch ausbreiten?

Gartenspitzmaus (Crocidura suaveolens)
Spitzmäuse, im Garten als Insektenfresser unterwegs. Sie können das Bornavirus übertragen. Bildrechte: imago/imagebroker

  • Eine Übertragung des Bornavirus von einem Menschen auf einen anderen ist beinahe ausgeschlossen.

  • Das Bornavirus ist sehr stabil und ändert sich verglichen mit anderen Zoonosen kaum.

  • Die Inkubationszeit ist sehr lang und Übertragungswege können dadurch nachverfolgt werden.

"Das Bornavirus kommt in Deutschland vor allem in der östlichen Hälfte, vor allem bei Spitzmäusen vor", sagt Fachtierarzt Dr. Dennis Rubbenstroth vom Institut für Virusdiagnostik am Friedrich-Löffler-Institut im Gespräch mit dem MDR AKTUELL. Er führt aus: "Bei den Spitzmäusen verursacht es nicht unbedingt Erkrankungen, wird aber gelegentlich auf Haussäugetiere übertragen, vor allen Dingen auf Pferd und Schaf, und manchmal auch auf Menschen." Bei den Wirten, an die das Virus nicht angepasst sei, komme es zu schweren Gehirnentzündungen, die oftmals zum Tod führten. Wie viele derartige Fälle sind in Deutschland bekannt? Die Datenlage ist dem Mediziner zufolge nicht ganz klar: "Wenn man alle Fälle zusammenzieht, die es seit der Meldepflicht im März 2020 gab und ältere Fällen aus der wissenschaftlichen Literatur, dann kommen wir auf 40 Fälle."

Dr. Dennis Rubbenstroth
Dr. Dennis Rubbenstroth vom Institut für Virusdiagnostik am Friedrich-Löffler-Institut Bildrechte: Friedrich-Loefller-Institut

Der jüngste bekannte Fall ist der einer Frau aus dem Landkreis Anhalt-Bitterfeld in Sachsen-Anhalt. Sie ist seit Dezember 2020 so schwer erkrankt, dass sie inzwischen in einem Pflegeheim betreut wird. Wie kommt es zu solchen Infektionen? "Die genauen Übertragungswege kennen wir noch nicht, weder für die Tiere noch für den Menschen," sagt Dr. Dennis Rubbenstroth. Der Grund dafür: "Die Inkubationszeit ist sehr lang, mehrere Wochen bis Monate", erläutert der Forscher. "Deshalb ist oft nicht mehr herauszubekommen, wie sich die Patienten oder auch die Tiere angesteckt haben. Wir gehen davon aus, dass es in allen Fällen in irgendeiner Form einen direkten oder indirekten Kontakt zu infizierten Spitzmäusen oder deren Ausscheidungen gegeben haben muss."

Bornavirus-Infektion von Mensch zu Mensch?

Ist die Infektion von Mensch zu Mensch möglich? "Nach allem was man bisher weiß, ist weder die Infektion von Mensch zu Menschen noch von Haustier zu Haustier möglich."

Denn das Virus ist an diese Spezies nicht gut angepasst, erklärt der Virologe: "Das heißt, es muss sich verstecken und das tut es im Gehirn." Weil es von dort schlecht oder gar nicht ausgeschieden werden könne, lasse sich das Virus von infizierten Menschen oder Tieren auch nicht in deren Ausscheidungen nachweisen. Bis auf einen Sonderfall, an den der Mediziner erinnert, ist also keine Mensch-Mensch-Übertragung möglich: "Eine Ausnahme ist die Übertragung durch eine Transplantation. Es hat in der Vergangenheit einen Fall gegeben, bei dem das Virus von einem Spender auf drei Empfänger übertragen wurde."

Wie veränderlich ist das Bornavirus?

Und wie groß ist die Gefahr, dass sich das Virus verändert, wenn es einmal beim Menschen angekommen ist und sich weiterverbreitet? "Die ist sehr sehr klein, wenn man es mit anderen Zoonosen vergleicht wie dem Coronavirus", antwortet Rubbenstroth. Das Bornavirus sei genetisch sehr stabil, es verändere sich sehr wenig, auch wenn es von einem Wirt auf den anderen springe: "Das heißt, so ein epidemischer oder pandemischer Ausbruch in der menschlichen Population ist bei diesem Virus praktisch ausgeschlossen."

#MDRklärt So wird das Bornavirus auf Menschen übertragen

Lange Zeit wurde angenommen, dass das Bornavirus nur Nutztiere befällt. Den ersten Fall in Sachsen-Anhalt gibt es nun im Landkreis Anhalt-Bitterfeld. #MDRklärt zeigt, was es mit dem Bornavirus auf sich hat.

So wird das Bornavirus auf Menschen übertragen
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So wird das Bornavirus auf Menschen übertragen
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In Sachsen-Anhalt wurde erstmals eine Infektion mit dem sogenannten Borna Disease Virus 1 nachgewiesen. Das Robert Koch-Institut gehe von einer bestätigten Diagnose bei einer 58 Jahre alten Frau aus dem Landkreis Anhalt-Bitterfeld aus.
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Eigentlich befällt das Virus Nutztiere. Bei Pferden, Schafen und Säugetieren in Mitteleuropa ist das Virus schon lange bekannt. Beim Menschen kann das Virus schwere Gehirn-Entzündungen verursachen.
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Zwar sind dem RKI zufolge Erkrankungen bei Menschen selten, endeten jedoch überwiegend tödlich. Die Frau aus Anhalt-Bitterfeld ist der dritte Fall nördlich von Bayern.
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Wie eine Infektionskette aussieht ist unklar. In Deutschland gelten Spitzmäuse als natürliche Überträger. Die Viren werden vermutlich über deren Speichel, Urin und Kot ausgeschieden.
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Der Mensch könne sich wahrscheinlich sowohl über den direkten Kontakt mit der Spitzmaus oder ihren Ausscheidungen als auch über verunreinigte Lebensmittel, Wasser oder das Einatmen kontaminierten Staubs infizieren.
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Eventuell können aber auch Hauskatzen, die Freigänger sind, eine Rolle spielen. Eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung sei unwahrscheinlich, ebenso eine Übertragung durch infizierte Pferde, Schafe und andere Haus- und Heimtiere.
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MDR/Maximilian Fürstenberg

Dieses Thema im Programm:
MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir am 11. Oktober 2021 | 14:00 Uhr
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