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Buchtipp der Woche Quallen altern rückwärts. Was wir von der Natur über ein langes Leben lernen können

Carsten Dufner
Bildrechte: Tobias Thiergen

Jung zu bleiben, nicht zu altern – es gibt wenig, nach denen sich Menschen in den Wohlstandsgesellschaften stärker sehnen, für das sie bereit sind, viel Geld auszugeben. Und doch steckt die Forschung noch vor vielen ungelösten Fragen, wie ein junger dänischer Wissenschaftler in seinem ersten Buch beschreibt. MDR WISSEN-Redakteur Carsten Dufner hat es gelesen. Und findet: "Das Großartige an diesem Buch ist das Miteinander komplexester Forschung mit alltäglichen Erfahrungen."

Das Cover ist ein Aquarell eines Querschnitts durch die Meeresoberfläche. Im Meer eine lila-blaue Qualle, darüber Titel des Buchs und der Verlag. Oberhalb des Meeres steht auf weißem Grund der Name des Autors.
Unsere Buchempfehlung zur Altersforschung Bildrechte: Eichborn Verlag

Eine Person betrachtet das Gemälde "Der Jungbrunnen".
Als alter Mensch hinein, als junger Mensch heraus - der "Jungbrunnen" von Lucas Cranach d. Ä. fasziniert nicht nur durch seine künstlerischen Qualitäten. Bildrechte: dpa

Jungbrunnen oder Eselsmilch?

Ein Spoiler vorab: Um Quallen geht es in diesem Buch nur kurz am Anfang. Wer also mehr über Medusen lernen möchte, sollte lieber zu anderen Büchern greifen. Das hier ist nicht einmal ein Tierbuch, auch wenn Tiere immer mal wieder darin vorkommen. Hier geht’s ums Altern. Oder vielmehr um die Frage, wie wir das Altern verlangsamen oder sogar aufhalten können. Und da das – man denke nur an all die Versuche mit Jungbrunnen oder Eselsmilchbädern – ein nicht gerade leichtes Unterfangen ist (und man auch viel Zeit mitbringen muss), trifft es sich gut, dass der Wissenschaftler, der dieses Buch geschrieben hat, gerade einmal 26 Jahre alt ist und noch viel vorhat.

Nicklas Brendborg ist Däne und Postdokorand für Molekularbiologie an der Uni in Kopenhagen und von daher der ideale Mann, über ein solches Thema zu schreiben. Das Ziel der Forschung mit seinen Worten: "jung zu sterben, und das so spät wie möglich". Dazu sammelt Brendborg die "Antworten der Wissenschaft auf die Frage, wie wir so lange wie möglich ein gesundes Leben führen können", fasst den aktuellen Forschungsstand zusammen und übersetzt ihn in einer Weise, dass jede*r, der oder die sich für das Thema interessiert, ihm auch folgen kann.

Junger Mann in einem schwarzen Sweater mit kurzen dunkelbraunen Haaren.
Autor Nicklas Brendborg Bildrechte: Les Kaner / Eichborn Verlag

Der Blick nach links und rechts

Die Forschung nach der Verlangsamung des Alterns, neudänisch "Anti-Aging", hat – das wird bei Lektüre dieses Buches schnell klar – deutlich Fahrt aufgenommen; die Lebenserwartung steigt rapide und, wer weiß, sagt Brendborg: "Wenn wir irgendwann an einem Punkt ankommen, an dem Wissenschaft das durchschnittliche Leben schneller verlängert, als die chronologische Zeit abläuft – zum Beispiel jedes Jahr um anderthalb Jahre, dann könnte man argumentieren, dass das eine Art Unsterblichkeit ist". Gleichzeitig macht er aber auch deutlich, wie schwierig gerade auf diesem Gebiet die Forschung ist: wann und wodurch wissen wir, welche Maßnahme, welcher Eingriff wirklich zum Erfolg führt? Müssen wir Jahrzehnte warten, bis wir das Ergebnis von Studien kennen? Oder schaffen wir es, eine Art von biologischer Uhr zu entschlüsseln, anhand derer wir in der Lage sind, die Folgen von Eingriffen zeitnah abzulesen?

Spannend ist dabei vor allem auch Brendborgs Blick nach links und rechts, dorthin, wo schon erfolgreich gealtert wird, zu Tieren, Pflanzen und besonders alten Menschen. Da erfahren wir, dass Menschen in Hongkong und Japan ihr Leben über drei Jahre länger genießen können (wenn sie es denn tun) als in Deutschland oder gar in Dänemark.

Buchseite mit einem Ausschnitt aus einer Tabelle mit Ländern und der jeweiligen Lebenserwartung ihrer Bewohner*innen.
Hongkong auf Platz 1, Deutschland auf 26. Bildrechte: Eichborn Verlag

Und dann kommen da auch die titelgebenden Quallen ins Spiel, in diesem Fall die nur fingernagelgroßen Turritopsis, die sich bei Gefahr zum Quallenbaby (oder, wissenschaftlicher, zum Polypen) zurückverwandeln, um dann wieder von vorn anzufangen. Ein biologisches Ende? Nicht bekannt! Allein diese Geschichten sind es wert, das Buch zu lesen!

Von Nacktmullen lernen, heißt siegen lernen

Die Wissenschaft blickt natürlich nicht nur auf die Quallen. Sie sieht sich Bakterien an, die unter Stress in einen Chill-Modus verfallen (in dem sie mehrere Millionen (!) Jahre verharren können), entdeckt, dass Nacktmulle trotz ihrer geringen Größe ganz schön alt werden können (normalerweise heißt "größer" immer auch "kann älter werden"), kennt eine Schildkröte, die James Cook 1777 der Königin von Tonga geschenkt hatte und die bis 1965 lebte und sieht sich auch die fünf "Blue Zones" an, in denen der Journalist Dan Buettner besonders viele alte Menschen gefunden hat. Die übrigens weniger lange leben, wenn sie von zuhause wegziehen.

All diese Beobachtungen führen zu Thesen über das Altern, und wir erleben dank dieses Buches, wie die Wissenschaft jeder auch nur annähernd erfolgversprechenden Theorie in dieser für uns allen buchstäblich lebenswichtigen Frage nachgeht: Müssen wir das Wachstum verlangsamen, um älter zu werden? Hilft Fasten? Warum gibt es bei den brasilianischen Yanomami keinen Bluthochdruck? Und, vor allem: was passiert in der Darmflora der im Südosten Afrikas lebenden Killifische? Die gehören zu den am kürzesten lebenden Wirbeltieren, haben aber eine ähnliche Darmstruktur wie wir Menschen. Und wenn wir wissen, ob die Abnahme der Bakterienvielfalt im Killifisch-Darm etwas mit der Alterung zu tun hat, können wir entsprechende Rückschlüsse auf uns und eine goldene Zukunft ziehen.

Das Cover ist ein Aquarell eines Querschnitts durch die Meeresoberfläche. Im Meer eine lila-blaue Qualle, darüber Titel des Buchs und der Verlag. Oberhalb des Meeres steht auf weißem Grund der Name des Autors.
Unsere Buchempfehlung zur Altersforschung Bildrechte: Eichborn Verlag

Die Daten zum Buch Nicklas Brendborg: Quallen altern rückwärts. Was wir von der Natur über ein langes Leben lernen können. Aus dem Dänischen übersetzt von Justus Carl. Eichborn Verlag 2022, 304 Seiten, 22 Euro (eBook 14,99 €, Hörbuch 19,99 €), ISBN 978-3-8479-0104-4

Natürlich wird es dann auch richtig wissenschaftlich

Spätestens jetzt in dieser Empfehlung wird deutlich, dass es bei "Quallen altern rückwärts" nicht nur um die Ansammlung mehr oder weniger kurioser Geschichten zum Altern in der Natur geht, sondern dass auch die aktuelle Forschung eine große Rolle spielt (inkl. eines umfangreichen Quellenverzeichnisses). Da werden die Bakterien Porphyromonas gingivalis und Chlamydophila pneumoniae und ihr Einfluss auf Alzheimer genauso berücksichtigt wie das Hormon Insulin-like growth factor 1 (IGF-1), das aus künstlich eingenommenen Wachstumshormonen in der Leber produziert wird und – anders als angenommen – eher das Gegenteil von einem längeren Leben zur Folge hat.

Das alles geschieht nun nicht in einer abgehobenen Fachsprache, sondern kommt locker und nachvollziehbar daher, scheut weder Witz noch Vereinfachung – natürlich nur, solange die Fakten dahinter weiterhin stimmen. Sätze wie "Für eine Theorie ist es nie gut, wenn praktische Experimente ihr widersprechen" oder "Im Fall von Vitamin D müssten wir uns wirklich eine knallpinke Brille aufsetzen, um einen lebensverlängernden Vorteil aufzuspüren" sorgen dafür, dass man auch bei komplexer Materie gern dranbleibt. Zumal es Brendborg immer wieder gelingt, wissenschaftliches Vokabular durch Begriffe zu ersetzen, die hängenbleiben. "Zombizelle" ist so ein Beispiel. Gemeint sind seneszente, also alt werdende Zellen, die in einer Art Zwischenzustand zwischen Leben und Tod verharren. Na, welches Wort kann man sich leichter merken?

Vier Ratschläge, wie geringe Mengen an Stress positive Wirkungen haben können.
Ein Beispiel für die Verbindung von Wissenschaft und praktischen Tipps: die Hormesis frei nach Paracelsus: geringe Dosen von etwas Schlechtem können etwas Gutes bewirken. Bildrechte: Eichborn Verlag

Praktische Ratschläge

Das Großartige an diesem Buch ist das Miteinander komplexester Forschung mit alltäglichen Erfahrungen. Brendborg greift sogar all die Ratschläge und Tipps auf, die einem regelmäßig in der Gesellschaft, in sozialen Netzwerken, der Werbung und der ganzen Ratgeber-Literatur feilgeboten werden. Oder die ganz alte Hausrezepte sind: Geißraute oder Bockskraut z.B., ein schon im Mittelalter bekanntes und gegen Durst, Ermattung und häufiges Wasserlassen eingesetztes Heilkraut, enthält, wie wir heute wissen, den Inhaltsstoff Metformin. Der gehört heute zu den besten Medikamenten gegen Diabetes und hat in einer Studie Hinweise auf eine lebensverlängernde Wirkung gegeben. Anders die Omega-3-Fettsäuren. Hier gibt es nur auf den ersten Blick ein Zusammenhang mit längerem Leben. Auf den zweiten zeigt sich, dass das eher mit dem Lebensstil der Fischessenden zu tun hat als mit dem Fisch selbst. Und auf den dritten stellt sich dann auch noch heraus, dass nicht alle Nahrungsergänzungsmittel mit Fischöl wirklich genug Omega-3-Fettsäuren enthalten, dafür aber einige Giftstoffe. "Es wird viel betrogen da draußen", schreibt Niklas Brendborg. Gut, dass er sich viele der bekannten "Therapien" vornimmt und sie kritisch hinterfragt.

"Quallen altern rückwärts" liefert einen tiefen Einblick in das, was Menschen tun (und zu tun bereit sind), um das Altern aufzuhalten. Wer wissen möchte, wie weit die Wissenschaft in dieser Frage ist und sich, ganz nebenbei, auch noch praktische Tipps fürs eigene Jungbleiben holen will, ist mit diesem Buch bestens bedient. Nicklas Brendborg ist sich übrigens sicher: "Vorausgesetzt wir können unsere Erkenntnisse in der medizinischen Wissenschaft fortsetzen, besteht kein Zweifel daran, dass wir das Altern schließlich besiegen werden. Die Frage ist nur, wann."

Carsten Dufner schaut freundlich in die Kamera.
Carsten Dufner Bildrechte: Tobias Thiergen

Der Rezensent Carsten Dufner hat sich die Neugier seiner Kindheit erhalten, schätzt aber am Älterwerden die größere Gelassenheit. Bei MDR Wissen betreut er nicht nur diese Rubrik mit Buchempfehlungen, sondern ist auch Ansprechpartner für die Wissenschaftseinrichtungen im Land, für öffentliche Veranstaltungen der Redaktion und ist immer auf der Suche nach neuen Impulsen für Bildungsprojekte, Dokus und Podcasts.

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