Debatte Wie sinnvoll ist die Corona-Impfung für Kinder?

Sollen nur geimpfte Kinder ab Herbst in die Schule dürfen oder auch ungeimpfte? Im Moment kochen die Emotionen hoch. Hintergrund war die Empfehlung des 124. Deutschen Ärztetages Anfang Mai, der einen Schulbesuch und eine so wörtlich "gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe" nur von "Familien mit geimpften Kindern" empfahl. Befürchtet wird ein erneuter Lockdown von Schulen und Kitas mit entsprechenden Auswirkungen auf die Kinder. Ein Schulbesuch also nur für geimpfte Kinder?

Die Diskussion um das flächendeckende Impfen von Kindern und Jugendlichen gegen Corona dauert an. Viele Bundesländer bereiten sich darauf vor, mit der möglichen Zulassung ab Juni auch für Schüler ab 12 Jahren Impfangebote zu machen. Die Bundesärztekammer hat eine entsprechende Empfehlung ausgesprochen. Allerdings warnen viele Mediziner, vor allem Kinderärzte, vor überstürzten Maßnahmen. Sind Massenimpfungen für Kinder und Jugendliche tatsächlich so dringend und sind sie tatsächlich sinnvoll? Prof. Johannes Hübner, Vorsitzender der Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie und Leiter des Kinderhospitals am Uniklinikum München, sagt im Gespräch mit MDR WISSEN, kein Mensch habe jemals einen richtigen Superspreader Event in einer Schule gesehen, Superspreader-Events wie das Beispiel Tönnies. Nach den Meldedaten des Robert Koch-Instituts sagt die Einrichtung klar, in Schulen komme es eher selten zu Übertragungen.

Wenn es zu Übertragungen kommt, sind es Einzelfälle. Die meisten Schulübertragungen, die das Robert Koch-Institut zusammengestellt hat, sind zwei oder drei Fälle maximal in einer Schule.

Prof. Johannes Hübner

Schulen keine Pandemie-Treiber-Orte

Die Schulen sind Johannes Hübner zufolge also offenbar keine Treiber der Pandemie. Er sagt das nicht ins Blaue, sondern er hat Fakten: Über den Herbst, vor Weihnachten, aber auch während der sogenannten dritten Welle habe es in Schulen Untersuchungen gegeben. "Da haben wir haben sicher zehn- bis fünfzehntausend Kinder und Lehrer abgestrichen und in diesen Schulen wirklich immer nur Einzelfälle gefunden." Zu bestimmten Zeitpunkten habe es gar keine Fälle gegeben und in keinem einzigen Fall einen Hinweis darauf, dass es innerhalb der Schule von einem Kind auf ein anderes oder von einem Kind auf einen Lehrer zu einer Übertragung gekommen sei.

Deshalb sei es unverantwortlich, pauschal draufloszuimpfen, meint Dr. Steffen Rabe, Kinderarzt und Gründungsmitglied des "Vereins Ärzte für individuelle Impfentscheidungen e.V.". Er sagt, die Impfung selber, gerade auch als flächendeckende Impfung, habe für Kinder und Jugendliche überhaupt keinen individuellen Nutzen. Sie seien durch schwere Verläufe von Covid-19 so gut wie nicht gefährdet. Darüber seien sich Kinderärzte und kinderärztlichen Berufs- und Fachverbände einig. Rabes Kritik:

Hier wird letztendlich eine Forderung nach einer medizinischen Maßnahme, die möglicherweise für die Kinder noch gravierende Nebenwirkungen haben kann, verknüpft mit einem Grundrecht, das überhaupt nicht zur Diskussion stehen darf. Und das aber, obwohl es nicht zur Diskussion stehen darf, schon viel zu lange entzogen wird.

Dr. Steffen Rabe

Kritikpunkt: Impfung mit Recht auf Bildung verknüpfen

Gemeint ist das Recht auf Bildung und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, das an die Impfung geknüpft werden soll, so die Empfehlung des 124. Deutschen Ärztetages Anfang Mai. Gegen eine Impfung an sich sind auch die Ärzte Johannes Hübner und Steffen Rabe nicht, aber eben gegen eine pauschale, wie Hübner erläutert.

Wir sind sehr froh, dass es den Impfstoff für Kinder gibt, und dass es die Zulassung gibt. Ich kriege tagtäglich Anfragen von Eltern von Kindern mit chronischen Erkrankungen, die ihre Kinder gern impfen würden. Wir raten bei einer fehlenden Zulassung von einer Offlabel-Impfung ab, das ist rechtlich eine ganz schwierige Situation.

Johannes Hübner

In dem Moment, wo der Impfstoff zugelassen ist, könne jeder Kinderarzt ein gefährdetes Kind impfen, sagt Hübner. Das sei wichtig, da es eine ganze Reihe von Kindern mit Grunderkrankungen gebe, die erhöhte Risiken trügen.

Die würden wir sehr, sehr gerne impfen. Die haben durch jede Infektion, auch durch Corona, eine zusätzliche Gefährdung.

Johannes Hübner

Mit einer Zulassung der Covid-Impfung für Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren wird schon bald, spätestens im Juni gerechnet.

Nicht pauschal impfen, sondern überlegt

Dr. Steffen Rabe würde sich wünschen, dass überlegt geimpft werde. Viel an Sicherheit könne man derzeit noch nicht geben, weil man vieles noch nicht wisse. Umso wichtiger sei es, Vertrauen zu schaffen, indem den Eltern das Nichtwissen auch offen kommuniziert werden, anstelle ihre Sorgen und Ängste einfach hinwegzubügeln.

Wir müssen den Menschen zuhören und ehrlich und ergebnisoffen mit ihnen reden. Dann kommt eine Impfberatungssituation zustande, die diesen Namen wirklich verdient und die in der ärztlichen Praxis in Deutschland leider viel zu selten ist.

Dr. Steffen Rabe

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