Ohne Kinderimpfung Corona-Gefahr an Schulen: Auf die Erwachsenen kommt es an

Wird es ohne Kinderimpfungen und Luftfilter im Herbst zu Covid-Ausbrüchen in Schulen und Kitas kommen? Wissenschaftler sagen: Die bekannten Corona-Regeln helfen zwar, es kommt aber vor allem auf die Erwachsenen an.

Jugendlicher wird gegen Coronavirus geimpft
Jugendliche in einem Impfzentrum in den Niederlanden. Bildrechte: IMAGO / ANP

Regelmäßig alle Fenster eines Klassenzimmers öffnen wäre wohl die hilfreichste Maßnahme, um Schülerinnen und Schüler vor einer Infektion mit dem Sars-Coronavirus-2 und anderen Krankheitserregern zu schützen. Da sind sich nahezu alle Experten einig. Am besten kann die Luft von einer Seite zur anderen durch das Schulgebäude hindurchziehen und ausgeatmete Viren mitreißen. Nebenbei steigt der Sauerstoffgehalt und Schülerinnen und Schülern können sich wieder richtig konzentrieren. Teure Luftfilter wären dann überflüssig.

Wechselunterricht und feste Gruppen werden notwendig bleiben

Wer den Alltag an Schulen kennt, weiß aber: Ist es draußen kalt oder liegt eine dicht befahrende Straße oder eine laute Baustelle vor dem Klassenzimmer, dann bleiben die Fenster länger geschlossen, als für den Infektionsschutz gut wäre. Das Coronavirus wird für Schulen spätestens ab Herbst also ein Problem.

Eva Rehfuess, Professorin für Public Health an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, hat eine zentrale Leitlinie mit Maßnahmen zur Verhinderung der Corona-Ausbreitung an Schulen mitverfasst. Die meisten davon sind lang bekannt: Abstand halten, Maske tragen, Lüften und Händewaschen. Um Infektionen wirklich eindämmen zu können, wäre die Einhaltung all dieser Vorschläge wichtig. Da im Schulalltag aber nicht alle funktionieren, könnten Wechselunterricht und geschlossene Schülergruppen unverzichtbar bleiben.

Pooltestungen: Günstig und zuverlässig

Neu hinzukommen könnte ab Herbst aber eine veränderte Teststrategie: Sogenannte Pooltestungen mit der PCR-Methode. Professor Florian Klein und sein Team vom Universitätsklinikum in Köln haben das Prinzip in den vergangenen Monaten an Kölner Kitas und später auch an Berufs- und Förderschulen von Nordrhein-Westfalen ausprobiert. "Das wurde sehr gut akzeptiert an den Kindertagesstätten in Köln, wo die Teilnahme freiwillig war", sagt Klein. Die Lollimethode, bei der die Kinder etwa 30 Sekunden an einem Testwattestäbchen lutschen, sei sehr leicht durchzuführen.

Anschließend werden die Proben einer ganzen Schulklasse zusammengefasst, in ein Labor geschickt und dort zusammen in einem PCR-Test untersucht. Fällt das Ergebnis negativ aus, weiß die Klasse, dass alle Kinder zum Testzeitpunkt nicht ansteckend waren. Ist es positiv, müssen die Kinder einzeln durchgetestet werden, um die Infektion zu finden. Vorteil der Pooltestung gegenüber dem Antigenschnelltest: Mehr Kinder können auf einmal mit einer PCR getestet werden, die Infektionen etwas zuverlässiger erkennt, beziehungsweise seltener falsch positive Resultate bringt. Zugleich spart das Verfahren durch die Zusammenlegung vieler Tests Geld.

Seit April haben Klein und seine Kollegen etwa 50.000 Pooltestungen in Kitas durchgeführt und dabei 89 Infektionen bei Kindern und Erziehern entdeckt. "Wir haben dabei oft gesehen: Die Rate positiver Ergebnisse war am höchsten als wie angefangen haben zu testen und hat dann kontinuierlich abgenommen." Fällt ein Ergebnis allerdings positiv aus, dann ist der logistische Aufwand groß: In einer Klasse müssen dann rasch neue Proben genommen und wieder ins Labor gebracht werden, um die Ansteckungsquelle ausfindig zu machen.

Kein klares Ja zur Kinderimpfung

Beim Thema Impfen bleiben die Ansichten gespalten. Während einige Forscher wie die Virologin Melanie Brinkmann vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung eine Impfung von Jugendlichen vorbehaltlos begrüßen, bleiben Thomas Mertens und seine Kollegen von der ständigen Impfkommission (Stiko) bei der eingeschränkten Empfehlung. "Wenn das Risiko durch eine Infektion für Kinder sehr gering ist, können wir dann den Impfstoff für alle gesunden Kinder empfehlen, ohne ein Risiko zu haben, dass es zu schweren Nebenwirkungen kommt." Entgegen anderslautender Aussagen gebe es bislang keine gesicherten Hinweise, dass Kinder durch die Deltavariante schwerer erkranken als bisher. "Im Gegenteil, es gibt eher Hinweise, dass die Pathogenität ein kleines bisschen geringer sein könnte."

Was die Nebenwirkungen angeht, so seien in der Zulassungsstudie mit nur 1130 Teilnehmern eindeutig zu wenig Jugendliche untersucht worden, um seltene Nebenwirkungen zu entdecken. Auch in den USA, wo Jugendliche bereits geimpft werden, gebe es bislang keine aufgearbeiteten Zahlen, die Zusammenhänge zwischen Impfungen und gemeldeten Problemen wie Herzmuskelentzündungen (Myokarditis) klar belegen. "Wir hoffen, dass wir in den nächsten Wochen verwertbare Daten aus den USA bekommen", sagt Mertens. Bis dahin bleibt es dabei, dass die Stiko die Impfung nur für solche Jugendlichen empfehlen könne, die durch eine Infektion mit Sars-CoV-2 in besonderer Weise gefährdet seien.

Schulen sollten Priorität vor Fußball und Diskos haben

Klar gebe es mehr Infektionen bei Kindern, wenn man sie nicht impfe. Abseits davon, wie groß die gesundheitlichen Risiken einer Infektion für sie seien, stelle sich natürlich auch die Frage, wie viele zusätzliche Infektionen es dann bei den Erwachsenen gebe. Mathematisch zeige sich aber eindeutig: "Je mehr Erwachsene geimpft sind, desto geringer wird die Relevanz der Kinderimpfung." Es sei also vor allem das Verhalten der Erwachsenen, dass den Fortgang der Pandemie beeinflusse. Mertens verweist auf Studien zur Ursache von Infektionen bei Kindern. "Rund 75 Prozent haben sich zuhause angesteckt, bei ihren Eltern, nicht in der Schule."

Insofern findet es Gesundheitsforscherin Rehfuess fatal, wenn nun der gesamte Bereich der Freizeitangebote für Erwachsene geöffnet werde und die Infektionszahlen in der Folge wieder in die Höhe schnellen. "Schulen sollten Priorität vor Fußball und Diskos haben", sagt sie.

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