Faktencheck Corona: Warum der Rückgang der CO2-Emissionen noch nicht in der Atmosphäre angekommen ist

Gibt es keinen menschgemachten Klimawandel? AfD-Chef Jörg Meuthen behauptet das, weil die CO2-Verringerung infolge der Corona-Krise keine Wirkung in der Atmosphäre zeigen würde. MDR Wissen hat Meuthens Aussagen einem Fakten-Check unterzogen. Fazit: Aus den teilweise richtigen Fakten werden die falschen Schlussfolgerungen gezogen.

Schild an Umwelt-Radweg wirbt für Kohlenstoffdioxid-Neutralität
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Meuthen schreibt dazu in einem Post bei Facebook: "Das Klima unseres Planeten wandelt sich seit Jahrmillionen, aber jetzt auf einmal sollen wir Menschen dafür verantwortlich sein aufgrund der CO2-Emissionen, die durch unsere Art zu leben entstehen." Als Beleg für den stetigen Klimawandel zieht der AfD-Chef u.a. den MDR-Wissen-Artikel "Mitteldeutschland schon 100.000 Jahre eher von Eis bedeckt" heran.

Dies setzt der Politiker in Bezug zu den CO2-Emissionen, die im Zuge des Corona-Lockdowns weltweit stark zurückgingen, sowie mit aktuellen Messungen in der Atmosphäre, bei denen noch keine Verringerung der CO2-Konzentration festgestellt werden konnte. Letztlich kommt Meuthen zu dem Schluss, dass die "CO2-Jünger" genauso wenig wie normale Bürger darüber wüssten, warum sich das Klima auf der Erde wandelt.

Beweisführung wissenschaftlich nicht stichhaltig

MDR Wissen hat daraufhin das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) um eine Einschätzung der Aussagen Meuthens gebeten. Der Tenor des Fakten-Checks: Die Beweisführung des AfD-Chefs ist wissenschaftlich nicht stichhaltig.

Das Argument, dass sich das Klima schon immer gewandelt habe, sei völlig korrekt, erklärt Georg Feulner, der stellvertretende Leiter der Abteilung Erdsystemanalyse am PIK. Jedoch verschweige Meuthen, dass die Klimaforscher die natürlichen Ursachen für vergangene Klimaänderungen gut verstehen. Es sei wissenschaftlich bestens belegt, dass die aktuelle globale Erwärmung vornehmlich durch Kohlendioxid-Emissionen bewirkt wird, die vom Menschen verursacht sind.

Aus dem Auftreten von natürlichen Klimaänderungen in der Vergangenheit folgt natürlich nicht, dass die derzeitige Erwärmung nicht vom Menschen verursacht sein kann, genauso wenig wie aus dem Auftreten natürlicher, von Blitzschlägen ausgelöster Feuer folgt, dass es keine Brandstiftung durch den Menschen geben kann.

Dr. Georg Feulner, Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Dr. Georg Feulner vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK)
Dr. Georg Feulner vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) Bildrechte: PIK

Auswirkungen der Corona-Krise noch nicht in der Atmosphäre messbar

Auch der Rückgang der vom Menschen verursachten CO2-Emissionen durch die Corona-Krise sei richtig, wobei Feulner darauf hinweist, dass auch für ihn als Klimaforscher dieser Rückgang nicht nur erfreulich ist, da er mit menschlichem Leid verbunden sei. Noch ist dabei unklar, wie es mit den Verringerungen weitergeht, die Internationale Energieagentur (IEA) geht in ersten Schätzungen beispielsweise von global acht Prozent niedrigeren Emissionen für 2020 aus.

Allerdings ist es laut Georg Feulner für Experten nicht überraschend, dass sich diese Reduktion noch nicht in präzisen Messungen der CO2-Konzentration in der Atmosphäre niedergeschlagen hat. "Etwa die Hälfte der vom Menschen verursachten CO2-Emissionen werden von natürlichen Senken aufgenommen, vor allem von den Ozeanen und den Landpflanzen", erklärt der Experte.

In der Atmosphäre seien derzeit rund 830 Mrd. Tonnen CO2 Tonnen enthalten, wie Prof. Andreas Huth vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in einem MDR-Wissen-Dossier zum Thema CO2 erklärte. Dazu kämen weiter 40.000 Mrd. Tonnen gebunden im Meer sowie 600 Mrd. Tonnen, die in der Vegetation als Kohlenstoff gespeichert sind. Außerdem befänden sich größere Mengen im Boden, wobei es hierzu nur Schätzungen gibt. Diese verschiedenen CO2-Pools können sich gegenseitig austauschen. Allein, wenn man die bekannten Zahlen zusammenrechnet (41.400 Gigatonnen) zeigt sich also, dass die Einsparung von 1 Milliarde Tonnen (also einer Gigatonne) weniger als ein Vierzigtausendstel ausmacht, ein Wert von 0,000024.

Nach einem Jahr werden wir Ergebnisse sehen

"Der Rückgang der Emissionen muss groß genug sein, um sich von der natürlichen CO2-Variabilität abzuheben, die durch die Reaktion von Pflanzen und Böden auf saisonale und jährliche Schwankungen von Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Bodenfeuchtigkeit usw. verursacht wird", schreiben die Forscher des Global Monitoring Laboratory, das zur NOAA gehört, der Wetter- und Ozeanografiebehörde der Vereinigten Staaten. Aus diesem Grund ist es auch unmöglich, die Auswirkungen der Corona-Krise schon nach wenigen Monaten zu messen. Im Rückblick auf 2020 wird die Abnahme aber deutlich sichtbar werden, ist sich PIK-Forscher Feulner sicher.

Insgesamt sind die Ausführungen von Herrn Meuthen, bei denen im übrigen der unsachliche Tonfall ('Kokolores', 'Klimareligion', 'Scharlatane') unangenehm auffällt, wissenschaftlich nicht stichhaltig und widerlegen nicht, dass der Klimawandel vom Menschen verursacht wird.

Dr. Georg Feulner

cdi

Wissen

Familie Döring aus Magdeburg: Jenny, Jakob, Charlotte und Thomas. Schrift: "Heute schon die Welt gerettet? Familie Döring macht das Klima besser." 45 min
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