Covid-19 Welche Kennzahlen helfen in der jetzigen Pandemie-Phase weiter?

Die Inzidenzen sind niedrig, deshalb schwankt der R-Wert schnell. Brauchen wir also neue Kennziffern, wie die Zahl täglicher Krankenhausneuaufnahmen? Forscher haben hier wichtige Hinweise für die Politik.

Die Notaufnahme des Diakonissenkrankenhaus Dresden
Die Notaufnahme des Diakonissenkrankenhaus Dresden (Symbolfoto): Sächsische Krankenhäuser müssen bereits regelmäßig die Zahl aller durch Covid-Patienten belegten Krankenhausbetten melden. Für Deutschland wird nun die Einführung einer Meldepflicht bei Krankenhausaufnahme diskutiert. Bildrechte: IMAGO / Max Stein

Die Impfquote steigt, während die Zahl der Corona-Neuinfektionen aktuell noch niedrig ist. Dass sich das dank Delta-Variante aber wahrscheinlich sehr bald ändern wird, zeigen die Entwicklungen unter anderem in Großbritannien und Frankreich. Aber wären steigende Fallzahlen jetzt noch ein ebenso großes Problem wie im Winter, als die Hochrisikogruppen noch nicht geimpft waren? Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) glaubt, dass jetzt neue epidemiologische Kennzahlen erhoben werden müssen, die die Auslastung der Krankenhäuser und damit die Belastung des Gesundheitssystems durch die Pandemie zeigt.

Wie viele Menschen werden aktuell stationär behandelt?

Unter Wissenschaftlern und Gesundheitsexperten fallen die Meinungen zu diesem Vorstoß gemischt aus. Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin, begrüßt die Erweiterung der Berichtspflichten für Krankenhäuser. Die Kliniken sollten künftig mitteilen, wie viele Covid-Patienten an einem Tag neu stationär aufgenommen werden. Bisher galt das nur für Patienten, die auf die Intensivstationen gekommen sind. Allerdings fürchtet Busse, dass die Berichtspflicht nicht weit genug geht. Denn die Kliniken müssten nicht überall mitteilen, wie viele Patienten bereits auf der Station behandelt werden. "Für eine Übersicht zu den genutzten Kapazitäten werden auch weiterhin die Informationen fehlen", glaubt er. In Sachsen werden diese Informationen im "Bettenindikator" erhoben.

Das steigert aktuell den Arbeitsaufwand für die Kliniken etwas, ist aber für weitergehende Fragen wichtig. Zu denen zählen laut Busse etwa, "'um wie viel länger bleiben ältere Patienten im Vergleich zu jüngeren stationär?' oder 'werden nicht geimpfte Personen häufiger intensivpflichtig?'". Das sei auch künftig in den meisten Fällen nicht zeitnah beantwortbar. "Hier wird eine echte Reformchance vertan", kritisiert er. Wie wichtig solche Daten seien, zeigten Auswertungen seines Instituts. Demnach sei die Quote der Klinikaufenthalte unter positiv Getesteten seit Beginn 2021 gestiegen, wenngleich die Sterblichkeit abgenommen habe. "Hier wären jederzeit zeitnahe Daten extrem wertvoll. Wie sie sonst zur Lagebeurteilung dienen sollen, erschließt sich zumindest mir nicht."

Nebenerkrankungen und Krankschreibungen

Auch Gérard Krause, leitender Epidemiologe am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig, fordert zusätzlich zur Zahl der Krankenhauseinweisungen weitere Daten. "Die Hospitalisierung ist ein wertvoller zusätzlicher Indikator, aber wiederum auch nicht der einzige", sagt er. Erfasst werden müsse unter anderem, ob Patienten auch noch andere Erkrankungen mitbringen. Denn anders als bei der Verlegung in eine Intensivstation sei nicht notwendigerweise klar, ob eine Covid-19 der alleinige Grund für die Aufnahme in eine Klinik war.

Außerdem wären schnellere Daten zu den covidbedingten Krankmeldungen aus seiner Sicht wünschenswert. "Wir sollten diese Unterschiede als Gesamtbild bewerten und sie stratifiziert nach Alter, Berufsgruppen und bestimmten Expositionen und Risikofaktoren betrachten, sodass wir unsere Maßnahmen ebenfalls entsprechend gezielt angelegen können."

Besser Datensysteme notwendig

Christian Karagiannidis, Lungenmediziner und Oberarzt am Klinikum Köln-Merheim, weist darauf hin, dass auch eine bessere Datenverarbeitung und Übermittlung hilfreich wäre. Bislang müssten Krankenhäuser die angefragten Informationen manuell an die Gesundheitsbehörden melden. "Die Datenerfassung erfolgt im Moment leider noch nicht automatisiert, das sollte aber unser Top-Ziel für die kommenden Monate sein. Die Innovationskraft der deutschen Medizintechnik ist gefragt, ad hoc Schnittstellen zu entwickeln, um Daten automatisiert aus Krankenhausinformationssystemen auszuleiten."

Wichtig sei dabei, auch den Impfstatus von Patienten zu übermitteln, um besser überwachen zu können, wie viele Patienten keinen ausreichenden Immunschutz entwickelt hätten, sagt Karagiannidis. Dieser Forderung schließt sich auch Clemens Wendtner, Tropenmediziner an der München Klinik Schwabing an. "Auf diese Weise würde man wichtige Hinweise für die Steuerung von Drittimpfungen beziehungsweise Booster-Impfungen ziehen können."

Übergang zur Sentinel Surveillance möglicherweise sinnvoll

Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen hält die aktuelle Überwachung von Neuinfektionen weiterhin für notwendig. Sinke die Zahl schwerer Verläufe weiter, könnten frei werdende Kapazitäten genutzt werden, um eine tiefergehende Stichprobenüberwachung zu beginnen, eine sogenannte Sentinel-Surveillance. Dabei könne "unter klar definierten Bedingungen in ausgewählten Gruppen nach Infektionen gesucht und gegebenenfalls dann auch sequenziert werden, um einen Überblick über Varianten zu behalten."

(smc/ens)

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