Pandemie im Herbst Corona: Schulschließungen bedrohen Kindergesundheit stärker als Covid-19

Die Zahl der Neuinfektionen mit der Delta-Variante des Coronavirus steigt weiter an, besonders bei ungeimpften Kindern und Jugendlichen. Schulschließungen seien aber keine Option mehr, argumentieren Experten.

Hinweistafel für die Coronaschutzhygienevorschriften an einer Tür zum Flur mit Klassenräumen
Coronaregeln an einer Schule in Nordrhein-Westfalen. Bildrechte: imago images/Ralph Lueger

Vor dem Hintergrund steigender Zahlen neuer Ansteckungen mit dem Sars-Coronavirus-2 sorgen sich zahlreiche Eltern in Deutschland um die Gesundheit ihrer Kinder. Das Problem: Bisher sind nur etwa 20 Prozent der 12- bis 17-Jährigen geimpft. Für die jüngeren Kinder gibt es noch gar keinen zugelassenen Impfstoff. Also wird die Frage drängender: Wie gefährlich ist die deutlich stärker übertragbare und wahrscheinlich auch heftiger krankmachende Delta-Variante des Virus für junge Menschen? Und: Wie sicher ist angesichts dieser Voraussetzungen der Schulbetrieb?

Delta-Variante bei Kindern: Größere Übertragbarkeit entscheidend

Berit Lange ist Epidemiologin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig. Bei einem Pressegespräch mit dem Sciencemediacenter fasst sie eine Beobachtung zusammen, die aktuell viele Kinderärzte in den Krankenhäusern machen: Die Zahl der Kinder, die mit Covid-19 ins Krankenhaus kommen, steigt zwar. Doch das Risiko auf einen schweren Verlauf der Krankheit ist in etwa gleichgeblieben. Nur ein bis drei Kinder pro 100.000 Infektionen in dieser Altersgruppe sterben an dem Virus, das entspricht etwa einem Hundertstel der Todesfälle bei den Erwachsenen.

Durch Delta ändert sich für diese Gruppe hauptsächlich, dass die Übertragbarkeit nun größer sei. In Kombination damit, dass Erwachsene nun wieder mehr Kontakte pflegen als noch vor einem Jahr, steige dadurch die Ansteckungsgefahr für die Kinder und Jugendlichen. "Das ist meiner Meinung nach der entscheidendere Faktor", sagt Lange.

Covid-19: Risiko Übergewicht

Professor Jörg Dötsch, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin an der Kölner Uniklinik, beruhigt in Bezug auf die Infektionen. Zwar werde bei mehr Kindern, die in die Klinik kämen, beim PCR-Test eine Covid-19 festgestellt. Aber nur in einem von zehn Fällen sei die Infektion der Grund für die Einlieferung. In den übrigen neun seien andere Erkrankungen, beispielsweise Blinddarm-Entzündungen ursächlich.

Wie bei den Erwachsenen seien chronische Vorerkrankungen meist der entscheidende Faktor dafür, ob es zu einem schweren Verlauf komme oder nicht. "Insbesondere die Multisystem-Erkrankungen, die verschiedene Körpersysteme betreffen, sind entscheidend", sagt Dötsch und nennt die auch als Down-Syndrom bekannte Trisomie 21 als Beispiel. Eine weitere stark gefährdete Gruppe seien Kinder mit starkem Übergewicht.

Keine Off-Label-Impfung

Der Kinderarzt Dötsch weist allerdings eine Forderung des Virologen Christian Drosten zurück. Der hatte in der aktuellen Folge des Podcasts Coronavirus-Update gesagt, Kinderärztliche Vereinigungen sollten Leitlinien zum sogenannten Off-Label-Use der Corona-Impfung für Kinder herausgeben. Ein Off-Label-Use würde bedeuteten, Kinder gegen Corona zu impfen, bevor die Impfstoffe für diese Altersgruppen zugelassen seien.

Dötsch hält dem entgegen: "Wir sind nicht für eine Off-Label-Impfung", zumindest nicht, bevor die Daten aus den klinischen Phase-3-Studien zur Zulassung der Impfung bei Kindern vorgelegt werden. Das allerdings könnte schon bald der Fall sein. So wollen Biontech/Pfizer bis Ende September Daten aus den Studien für die Altersgruppe 6 bis 11 Jahre vorlegen. Bis Ende Oktober sollen die Daten für die noch jüngeren Kinder vorgelegt werden. In diesen Studien soll dann auch klar dargelegt werden, welche Impfstoffdosis die Kinder benötigen. "Der Impfstoff muss so dosiert werden, dass das Immunsystem auf richtige Art und Weise angesprochen wird", so der Kinderarzt.

Kinderarzt: Vor den Schulen muss alles andere geschlossen werden

Einer anderen möglichen Gegenstrategie erteilt er eine klare Absage: Noch einmal die Schulen komplett zu schließen, um Ansteckungen zu unterbinden. "Internationale Studien zeigen ganz klar: Die Zahl der Kinder mit Angststörungen und Depressionen hat sich verdoppelt durch die Pandemie-Maßnahmen." Abgesehen für die schwerwiegenden Folgen für die Kinder selbst ergäben sich daraus auch große Belastungen für das Gesundheitssystem und zwar über viele Jahre. Die Therapie von Depressionen ist langwierig und die Folgeerkrankungen können zahlreich sein.

Jörg Dötsch hat also eine klare Forderung: "Es kann nicht sein, dass die Kinder wieder unsere Freiheiten als Erwachsene retten." Bevor also nochmal die Schulen geschlossen würden, müssten zunächst alle anderen Einrichtungen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens heruntergefahren werden, sprich: Büros, Läden und Konzertsäle.

Coronapartys sind nicht zu verantworten

Den Sorgen einiger Eltern bezüglich der gesundheitlichen Gefahren hält Dötsch entgegen, dass die Mediziner inzwischen besser wissen, welche Medikamente den Verlauf einer Infektion abmildern. "Wir hatten im letzten halben Jahr keinen Todesfall bei Kindern, weil wir inzwischen mehr wissen", so der Kinderarzt. Dennoch gilt: Jede Infektion, die vermieden werden könne, solle auch vermieden werden.

Sogenannten Corona-Partys, bei denen Eltern Kinder absichtlich mit Infizierten in Kontakt bringen, um eine Ansteckung zu beschleunigen, erteilt er eine deutliche Absage. "So etwas spiegelt eine Haltung wieder, die modernen, wissenschaftlich fundierten und gesellschaftlich verantwortlichen Anschauungen widerspricht." Daher seien solche Versuche unbedingt zu unterlassen.

Geimpfte Erwachsene schützen Kinder

Und wie gefährlich können geimpfte Erwachsene, die sich trotz Impfschutz mit dem Virus infizieren, für ungeimpfte Kinder werden? Epidemiologin Berit Lange beruhigt mit Blick auf die Statistiken aufkommende Sorgen vor sogenannten Durchbruchsinfektionen. Obwohl Geimpfte inzwischen die Mehrheit der erwachsenen Bevölkerung darstellen, sei ihr Anteil unter den neu Infizierten weiterhin deutlich unter 20 Prozent. Dass Risiko, dass ein Geimpfter das Virus an andere Geimpfte weitergebe, sei deutlich gesenkt. "Die aktuellen Infektionen finden hauptsächlich unter Ungeimpften statt."

Bezüglich der Eindämmungsstrategien an den Schulen glauben Lange und Dötsch: Werden die Hygienemaßnahmen und Teststrategien in ihrer Gesamtheit eingehalten, dann könnte es den Schulen gelingen, die Infektionsketten früh genug zu unterbrechen, dass nicht alle Kinder einer Klasse zusammen in Quarantäne geschickt werden müssen. "All diese Strategien funktionieren aber nur, solange die Fallzahlen nicht zu groß werden", warnt die Epidemiologin Berit Lange. Und deswegen seien die Erwachsenen in der Pflicht, sich jetzt zu impfen, solange sie können, ergänzt Dötsch.

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