Drei Minuten Zukunft Tiefsee: Die letzte große (große!) Unbekannte

Gespräch mit Meeresbiologin Antje Boetius

Es scheint, als könnten wir besser in den Weltraum schauen als in die Tiefsee: Der größte Teil ist bisher unbekannt. Und während wir uns in den Tiefen der Weltmeere immer noch erstorientieren, fangen wir schon jetzt damit an, diesen gigantsichen Lebensraum zu zerstören. Was ist los da unten? Sprechen wir darüber mit Tiefseeforscherin Antje Boetius.

Kleiner Kalmar-Tintenfisch mit großen runden Augen, kurzen Tentakeln auf dem Kopf und einer Art Lächeln. Blick in Kamera. Ringsherum Wasser.
Neckischer Kalmar – im U-Boot sitzen offenbar interessante Wesen. Bildrechte: AWI

Frau Boetius, Sie waren schon auf über fünfzig Expeditionen. Wo fühlen Sie sich denn am wohlsten: Auf dem Wasser, im Wasser oder an Land?

Mit meinen Expeditionen bin ich fast einmal um die Welt gekommen. Es ist aber natürlich nur ein kleiner Teil meiner Arbeitszeit als Wissenschaftlerin und als Direktorin. Aber ich muss schon sagen: Die Expeditionen über Wasser auf dem Schiff und unter Wasser im U-Boot sind echte Highlights meines Berufes.

Apropos U-Boot: Sie sind nicht nur weit weg, sondern auch weit nach unten gekommen. Wie tief unten waren Sie denn?

Bei meinen Tauchgängen in bemannten U-Booten bin ich mittlerweile bis 3,4 Kilometer Wassertiefe gekommen. Das ist fast die Durchschnittstiefe der Ozeane. [siehe Vergleichsgrafik, Anm. d. Red.] Es geht natürlich noch viel tiefer, wenn man die Tiefseegräben mitrechnet. Dort forschen wir aber hauptsächlich autonom mit Robotern oder mit Geräten, die Freifall-Geräte sind, die wir also einmal runter zum Boden schicken und dann per Auslöser wieder nach oben holen.

Schwarz-weiß-Bild von lachender Frau mit schulterlangen hellen Haaren in Raum mit Utensilien für Tauchgänge wie Kugel-Boje, Seile, Tiefenmessgerät und Metallkisten, unscharf im Vorder- und Hintergrund. Im Hintergrund Regale mit vielen Utensilien. Text: "Wann lösen wir das Rätsel Tiefsee?" 3 min
Bildrechte: MDR WISSEN
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03:15 min

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Manchmal hat man das Gefühl, wir kennen den Weltraum besser als das, was da unten in der Tiefsee so los ist. Bei welcher Entdeckung mussten Sie zuletzt ordentlich staunen?

Bei meinem letzten Tauchgang vor Madeira: Die Kontaktaufnahme von verschiedenen Kopffüßlern – wenn man dann im U-Boot sitzt und rausschaut und dann kommt der ein oder andere Kalmar vorbei. Wir hatten da einen besonderen Glaskalmar, aber auch andere, die dann irgendwie versuchen, ins U-Boot hineinzuschauen, um zu entdecken, was für merkwürdige Wesen Zugang zur Tiefsee verlangen. Dann sind das ganz besondere Momente, die man nicht vergisst, weil eben das Leben in der Tiefsee wirklich in Aktion zu sehen ist und was ganz anderes ist als im Glas eingelegt im Museum oder nur abgemalt im Buch.

Frau mit schulterlangen blonden Haaren und rotem Oberteil in Raum mit Utensilien für Tauchgänge wie Kugel-Boje, Seile, Tiefenmessgerät und Metallkisten, unscharf im Vorder- und Hintergrund. Im Hintergrund Regale mit vielen Utensilien. Freundlich-konzentrierter Blick.
Bildrechte: MDR WISSEN/Laura Becker

Prof. Dr. Antje Boetius … … ist Meeresbiologin und Leiterin des Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven. Zu ihren Schwerpunkten zählen Polarforschung und Tiefseeökosysteme. Zusammen mit dem AWI leistet sie einen entscheidenen Beitrag zu einem besseren Verständnis für die Folgen der Klimakrise. Seit 2009 ist sie Mitglied der Leopoldina.

Wieso wissen wir denn eigentlich noch so wenig über die Tiefsee?

Von siebzig Prozent der Erde, die nun mal Wasser sind, ist ein ganz riesiger Anteil Tiefsee. So tief wie die Meere sind, kann man ausrechnen, dass neunzig Prozent des belebten Raumes der Erde der Tiefsee gehören. Und wir haben noch nicht mal ein Promille davon untersucht. Das heißt also, dass wir auf der Erde tatsächlich eine riesige, unbekannte Lebensvielfalt haben.

Trotzdem, was sagt uns dieses nicht mal eine Promille?

Wir haben heutzutage genug Wissen, um zu wissen, dass die Tiefsee auch mit der Oberfläche der Erde, mit uns Menschen verbunden ist. Jede Menge unserer Aktivitäten und Handlungen – sei es der Verbrauch fossiler Energien, sei es aber auch der Gebrauch von Kunststoffen, aber auch die Einleitung von Nährstoffen in die Meere – all das wirkt sich letztendlich auch auf die Tiefsee aus.

Nehmen wir mal die Tiefsee in der Arktis-Region: Wie sieht’s denn da unten aus?

Eisbedeckte Ozeane wie zum Beispiel die Tiefsee des Arktischen Ozeans sind besonders faszinierend, weil wir bisher kaum Zugang hatten. Sie erinnern uns an andere Himmelskörper, auf denen Eis zu finden ist. Und wir fragen uns einfach: Was lebt denn darunter, unterm Eis, wo so wenig Energie ist, dass man sich kaum vorstellen kann, dass es dort Lebensvielfalt gibt? Die Tiefsee ist der Bereich der Meere, die 200 Meter unter der Wasseroberfläche kein Sonnenlicht mehr haben, um pflanzliche Photosynthese zu betreiben. Das heißt: Alles, was in der Tiefsee lebt, lebt von den Abfällen [z.B. Überreste zerfallener Zellen/Gewebe, Anm. d. Red.] oder aber von ganz besonderen chemischen Energien, die aus dem Inneren der Erde kommen.

Wir haben noch nicht mal ein Promille davon untersucht.

Prof. Dr. Antje Boetius über die Tiefsee

Nur, was kümmert's uns an der Oberfläche?

Wenn man weiß, dass in der Tiefsee kein pflanzliches Leben möglich ist, dass alles Leben von dem abhängt, was von der Oberfläche der Meere absinkt, dann ist klar, dass die Oberfläche – zum Beispiel die Algen, die dort wachsen, die vom Klimawandel in der Zusammensetzung, aber auch im Wachstum selbst verändert werden – dafür sorgen, dass sich auch das Nahrungsangebot der Tiefsee verändert. Und das geht ziemlich schnell. Wir waren sehr erstaunt festzustellen, in unseren Langzeitreihen, dass man die Erwärmung der Meere auch tatsächlich sofort in einer Veränderung der Tiefseelebewesen erkennen kann.

Einleitung von Fremdkörpern, Veränderung des Nahrungsangebots – ich entnehme daraus, wir Menschen verhalten uns nicht sonderlich verantwortungsvoll der Tiefsee gegenüber?

Wir haben leider auch immer wieder Unfälle in der Tiefsee – dadurch, dass wir Menschen schon viel Erdöl und Gasgewinnung aus der Tiefsee betreiben und dann sehr tief unter dem Meeresboden bohren. Im Lager von Gas oder von Öl kommt es zu Austritten und Unfällen. Und das belastet natürlich auch die Tiefsee. So ist bis heute der Golf von Mexiko, bei dem es den riesigen Deepwater Horizon-Unfall gab, mit einer schleimigen Ölschicht unten bedeckt. Und das sind Probleme, die wir einfach besser in den Griff kriegen müssen.

Zwei Bilder von Forschungsschiff Polarstern. Links total mit Bug durch Zaun fotografiert, hoher Kran daneben für Verladung, links Detailaufnahme mit Aufschrift "Polarstern Bremerhaven" und Container sowie zusammengeklappter Kran auf Schiff.
Kleine Berühmtheit: Die Polarstern ist das Expeditionsschiff am AWI und sorgte für Aussehen, als sie ein Jahr lang im Wasser eingefroren wurde, um mit dem Arktis-Eis mitzureisen. Bildrechte: MDR WISSEN/Laura Becker

In Zukunft wird's nicht nur um Öl und Gas gehen. Sondern zum Beispiel auch um Bergbau. Im Fokus steht etwa Mangan, ein für die Stahlindustrie und technische Messgeräte wichtiges Element.

Was den zukünftigen Umgang mit der Tiefsee angeht, sind große Fragen da: Was wollen wir Menschen uns leisten? Was müssen wir uns leisten können? Besonders die Frage, wo zukünftig seltene Metalle herkommen sollen für all das, was es neu zu bauen gilt. Für all die Geräte, die wir brauchen oder zu brauchen glauben, gucken wir in die Tiefsee. Dort gibt es Vorkommen von einer Vielfalt seltener Metalle und es scheint leichter zu sein, sich dort zu bedienen als an Land. Wenn wir tatsächlich zum Tiefseebergbau kommen müssen, dann bedeutet das einen gigantischen Eingriff in die Lebensvielfalt der Tiefsee, in die bis dahin weitgehend ungestörten Lebensräume.

Das klingt so, als sollten wir die Tiefsee lieber wirklich in Ruhe lassen. Vielleicht klappt das am besten, wenn wir sie trotzdem besser verstehen. Also, Frau Boetius, wann lösen wir das Rätsel Tiefsee?

Wir versuchen auf vielen Skalen und Ebenen unsere Tiefsee, den Teil unseres Planeten, der uns wirklich noch sehr unbekannt ist, besser zu verstehen, zu erfassen, überhaupt die erste präzise Meeresbodenkarte der Erde abzuringen. Und all das dauert sehr, sehr lange. Wir können davon ausgehen, dass Kinder, die heute geboren sind und deren Kinder und Enkelkinder alle noch richtig viel zu tun haben – und auf jeden Fall Meeresforscher und Meeresforscherin werden sollten –, damit wir endlich verstehen, was eigentlich wirklich auf unserer Erde lebt.

Frau Boetius, vielen Dank!

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