Mein Jahr mit Corona Von der Lehrerin zur IT-Fachfrau: Ulrike Gaudigs

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Netzwerkprobleme lösen, Lernstoff digitalisieren und Videokonferenzen moderieren? Das hat eigentlich bisher nicht zur Berufsbeschreibung des Lehrers gehört. Was Musiklehrerin Ulrike Gaudigs aus der Pandemie gelernt hat.

Musik- und Deutschlehrerin Ulrike Gaudigs von der Thomasschule in Leipzig
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Ulrike Gaudigs wollte nie IT-Expertin werden. Ob die Netzwerkverbindung wirklich stabil ist, ob die Laptopkamera ein gutes Bild liefert und das Mikrofon funktioniert, wie sie selbst im virtuellen Raum wirkt, darüber hat sie sich früher nie Gedanken gemacht. "Dass man den Unterricht mal online halten würde, das hätte ja niemand erwartet. Das ist nicht inbegriffen im Berufsbild des Lehrers, gar nicht", sagt sie heute und lacht dabei.

Mein Jahr mit Corona Seit einem Jahr befindet sich unser Leben durch die Pandemie in einem Ausnahmezustand. Wie hat Corona das Leben von Forscherinnen beeinflusst? Um diese Frage geht es in unserer Serie.

Unterricht: Plötzlich Stillarbeit und tausende E-Mails

Wie so viele Menschen trifft der erste Lockdown die Deutsch- und Musiklehrerin an der Leipziger Thomasschule völlig überraschend. "Es war wie ein Stopp aus vollem Lauf", erinnert sie sich. Gerade war eine Chorgruppe von ihrer Chorfahrt zurückgekehrt, die andere sollte eigentlich direkt folgen, da wurde plötzlich alles abgesagt. "Ich hab dann irgendwie versucht, dabeizubleiben und mir zu überlegen, wie es jetzt weitergeht, wie ich meine Arbeit von dem Platz aus, der mit jetzt zugewiesen wurde, weitermachen kann."

Statt vor einer Klasse zu stehen, hat sie nun einen Bürojob.

Die Arbeit war vor allem, im Stillen Aufgaben zu erstellen, hochzuladen und auf die Rückgabe zu warten. Ich habe unglaublich viele Stunden am Tag am Bildschirm mit der Korrektur von Arbeiten zugebracht und gefühlt eintausend E-Mails geschrieben.

Ulrike Gaudigs, Deutsch- und Musiklehrerin

Eigentlich ist der Lehrerberuf ein sehr lebendiger Job. Wo sonst ein Blickkontakt verrät, ob es Lob gibt, Kinder neugierig sind oder sich freuen, aber auch eine kleine Zurechtweisung der Lehrerin, all das kann auf dieser Ebene nicht stattfinden.

Das geht über etwa sechs Wochen so, bevor die Schüler der oberen Jahrgänge unter strengen Auflagen in die Klassenräume zurückkehren, um ihr Abitur zu machen. Schritt für Schritt stellt sich so etwas wie eine Teilnormalität ein. Die fünften bis zehnten Klassen kehren im Mai in den Präsenzunterricht zurück, im Wechselwochenmodell.

Nach den Sommerferien dürfen wieder alle Schüler gemeinsam zurück in den Präsenzunterricht, unter strengen Hygieneauflagen – und sind dabei fast ehrfürchtig. "Ich hab bei meinen Schülern so eine Dankbarkeit empfunden, dass der Unterricht in der Schule stattfinden darf, dass sie in die Schule gehen und sich mit allen Klassenkameraden treffen dürfen. Es gab viel weniger Blockaden oder Störungen oder Diskussionen um Abgabetermine", erzählt Ulrike Gaudigs.

Datenschutz scheint plötzlich unwichtig

Die Normalität im Frühherbst ist brüchig, niemand weiß, wie weit die Infektionszahlen wieder steigen werden, Lehrer und Schüler bereiten sich auf einen neuen Lockdown vor. Wer kann, schafft sich privat Laptops und Tablets an, die Politik hält die versprochene Lieferung von Geräten nicht ein. Die Schule baut das W-Lan sicherer und umfänglicher aus, damit Lehrer schon jetzt im Unterricht mit ihren Schülern üben können, wie man die neuen Lernplattformen nutzt und auch, um digitale Lehr-und Lernmethoden auszuprobieren.

Die Digitalisierung im Eiltempo wirft auch viele Fragen auf. Während private Daten von Eltern nicht ohne Weiteres zugänglich sind, schauen sie und ihre Kinder plötzlich in die Wohnzimmer der Lehrer. Eine Trennung von Arbeits- und Wohnort ist nicht möglich. Und manchmal hat man das Gefühl, die Schule gar nicht mehr zu verlassen. Das geht den Schülern nicht anders. Auch die Kommunikation über die Lernplattform impliziert vor allem bei älteren Schülern, dass Lehrer immer erreichbar sind und auch Samstag und Sonntag bis Mitternacht dringliche Mails beantworten.

Die Vorbereitung ist hilfreich, denn kurz vor Weihnachten beginnt dann der zweite, lange Lockdown. Dieses Mal findet viel Unterricht digital statt, in Videokonferenzen, bis zu vier pro Tag. Das ist deutlich anstrengender als Präsenzunterricht.

Wir mussten uns dran gewöhnen, dass wir jetzt nur noch die Hälfte des Stoffs schaffen.

Ulrike Gaudigs

Mikrofon an, Mikrofon aus, die Verbindung reißt ab, jemand kann sich nicht einwählen – schon im Büroalltag stören die üblichen Macken einer Videokonferenz, im Unterricht schaffen sie zusätzliche Unruhe. Gaudigs kann es ihren Schülern nicht verdenken, wenn die sich irgendwann nicht mehr konzentrieren können.

Ja, das Internet sei toll, weil es so eine enorm riesige Musikbibliothek biete, sagt die Musiklehrerin. Auch schon vor Corona hat sie im Unterricht Videos genutzt, um über Live-Aufführungen von Chor- und Orchesterwerken Musik direkt erlebbar zu machen. Und sie hat natürlich Folien und Arbeitsblätter am Computer erstellt. Lernvideos sieht sie dagegen oft kritisch. Entweder sind diese von Lehrern für eine ganz bestimmte Klasse gemacht. Oder sie ziehen zwar durch große Geschwindigkeit die Aufmerksamkeit der Kinder auf sich, bieten inhaltlich aber nur die Hälfte von dem, was ein guter Text enthält. "Manchmal habe ich das Gefühl, dass es darum geht, dass die Kinder Lesen, Rechnen und Schreiben nicht verlernen. Dass man sie an die Basics erinnert und nicht einfach nur beschäftigt mit einem Video."

Eltern, die neben ihren Kindern auf der Schulbank Platz nehmen

Eine seltsame Erfahrung ist, dass nun auch viele Eltern am Unterricht teilnehmen. Am Anfang sei das ja noch sehr hilfreich gewesen, wenn sich Mama oder Papa um die technischen Probleme gekümmert hätten, den Kleinen tröstend zur Seite standen, wenn ein Mikrofon nicht ging oder die Verbindung abbrach.

Aber mittlerweile kommen die meisten gut mit der Technik zurecht. Dann stellt man eine Frage und hört im Hintergrund plötzlich die Mutter, wie sie vor dem Kind antwortet. Das ist schwierig.

Ulrike Gaudigs

In der Schule wäre das nicht erlaubt, denn da ist Unterricht nicht öffentlich. Andererseits offenbart es auch das Interesse der Eltern und das Bemühen, in dieser Situation ihr Bestes zu geben.

Insbesondere müssten alle Beteiligten anerkennen, wie viel gerade die jüngeren Schüler derzeit leisten. Die Kinder müssten sich organisieren, an Zeiten halten, ohne Schulglocke, ohne den Gang vom Hof ins Klassenzimmer verstehen, was jetzt dran ist. "Man muss auch sehen, dass jetzt plötzlich zehnjährige Kinder ihren Tag strukturieren wie die Großen, wie Studenten."

Die neuen Schulformate haben es nötig gemacht, dass Ulrike Gaudigs ihre Unterrichtsvorbereitung komplett überarbeitet hat. Sie bereitet den Stoff jetzt so auf, dass die Schüler anschließend selbstständig eine Aufgaben lösen können. Das hätte den Unterricht auch vor der Pandemie besser gemacht. "Aber im Alltag schleichen sich oft Sachen ein. Die Bedingungen jetzt decken das auf und zeigen, dass man bestimmte Sachen so nicht machen kann und auch nie wieder machen sollte", sagt sie.

Vielleicht profitieren Schüler so sogar ein wenig von der Pandemie, wenn sie irgendwann alle zusammen zurück dürfen in die Schule.

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