Fake-News Warum Menschen ihre eigenen Wahrheiten erfinden

Albrecht Wagner
Bildrechte: Tobias Thiergen

Ein Wahlverlierer und seine Anhänger, die die Niederlage einfach leugnen. Weltweit unzählige Kranke und Tote, trotzdem Menschen, die Corona für eine Erfindung halten. Warum schaffen sich Menschen ihre eigenen Fakten?

Twittermeldungen von Donald Trump sind auf einem Smartphone zu sehen.
Donald Trump behauptete einfach, die Wahl sei manipuliert worden, um seine eigene Niederlage nicht eingestehen zu müssen. Bildrechte: IMAGO / Arnulf Hettrich

Eigentlich ist es einfach. Wir bekommen jeden Tag die Zahlen und sie zeigen ein klares Bild: Tausende neue Infektionen zählt das Robert Koch-Institut täglich auf. Corona beziehungsweise Covid-19 ist eine hochansteckende Viruserkrankung. Wir sehen es in Deutschland und der ganzen Welt. Wie kann es sein, dass jemand das nicht wahrhaben will und stattdessen an eine massive Täuschung der Menschen glaubt?

Einfachheit statt Komplexität

Es ist eine komplexe Frage, die psychologische Prozesse genauso berührt wie politische und gesellschaftliche Entwicklungen. Wir fragen die Psychologin und Kommunikationsforscherin Maren Urner und die Bloggerin und Politikwissenschaftlerin Katharina Nocun. Ausgangspunkt ist für beide Forscherinnen die große Verunsicherung, die ein Ereignis wie Corona auslöst.

Bloggerin Katharina Nocun am 01. September 2020 bei Markus Lanz.
Politikwissenschaftlerin Katharina Nocun Bildrechte: imago images/teutopress

Katharina Nocun: "Gerade in Zeiten einer Pandemie haben viele Menschen das Gefühl, da geht ganz viel durcheinander. Einmal im Privaten: Man kann Freunde nicht mehr treffen. Im Beruflichen haben viele Menschen Angst vor der Zukunft oder sie haben ihren Job bereits verloren. Und in Krisensituationen neigen wir dazu, Muster zu sehen, wo keine sind." Es ist der ganz menschliche Wunsch, zu verstehen, was gerade geschieht. "Ganz viele Menschen finden das total schwierig zu akzeptieren, dass eine zufällige Mutation dafür verantwortlich ist, dass so ein Chaos in der Welt ausgebrochen ist."

In Krisensituationen neigen wir dazu, Muster zu sehen, wo keine sind.

Katharina Nocun, Politikwissenschaftlerin

Aktive Informationsvermeidung

Hier beginnt unser Gehirn, uns einen Streich zu spielen. Ein großes Ereignis braucht eine große Ursache, ist ein tief verankertes Denkmuster. Die böse Macht hinter Corona passt da viel besser als ein einfacher Zufall. Je nach Erzählung sind das Mächte, die beispielsweise erfolgreiche Wirtschaften ruinieren wollen oder das freie Miteinander abschaffen. Ein einmal gelerntes Denkmuster lässt sich unser Gehirn nicht so einfach wegnehmen.

Maren Urner, 2019
Psychologin Maren Urner (Archivbild von 2019). Bildrechte: imago images / Future Image

Psychologin Maren Urner: "Das Gehirn pickt sich immer die Rosinen raus, die in mein Weltbild passen. Das geht sogar so weit, dass wir teilweise aktive Informationsvermeidung betreiben. Auch das ist in Studien ganz gut untersucht, wenn es darum geht, dass unsere eigene Haltung oder Meinung angegriffen wird." Das ist erstmal nicht negativ. Um uns in der Welt zurechtzufinden, brauchen wir ein Grundgerüst an Überzeugungen, das nicht von jeder neuen Information sofort umgeschmissen werden kann. "Das ist erstmal so ein Schutzmechanismus, so ein psychologisches Immunsystem, was dafür sorgt, dass wir in der Welt auch agieren können und entsprechend von bestimmten Werten handeln und reagieren können."

Das Gehirn pickt sich immer die Rosinen raus, die in mein Weltbild passen.

Prof. Maren Urner

Ich habe den Durchblick

Die Entscheidung für oder gegen selbstgemachte Fakten fällt in dem Moment, wenn Vorstellungen im Gehirn und Realität nicht zusammenpassen. Wenn dann das Gehirn seine Vorstellungen nicht ändern will, muss es uns eine neue Realität bauen, die zu den Vorstellungen passt. Man kann sich gut selbst dabei ertappen, wenn man bei einer unangenehmen Sache schnell mal die Schuld auf andere schiebt. Das ist so eine selbsterschaffene Alternativrealität.

Im größeren Umfang beginnt genau hier Verschwörungsglaube. Politikwissenschaftlerin Katharina Nocun: "Glaube an eine große Verschwörung kann Menschen Halt geben. Man hat das Gefühl, es gibt einen Plan, der ist zwar nicht schön, aber ich kenne ihn. Und es gibt Feinde, Bösewichte, Verschwörer, die dahinterstecken, die ich auch irgendwo verantwortlich machen kann." Gerade bei Corona ist das verlockend. Mit einer Verschwörung hat man plötzlich Schuldige für das Riesenchaos. Damit kommt das schöne Gefühl, etwas Schwieriges verstanden zu haben und noch besser: einem Geheimnis auf der Spur zu sein. "Dadurch erhebt man sich auch über andere. Man hat das Gefühl, ich denke selbst und alle anderen sind fremdbestimmt. Ich habe den Durchblick, alle anderen sind ferngesteuert. Das kann durchaus attraktiv sein, so ein Selbstbild zu haben", sagt Nocun.

Man hat das Gefühl, ich denke selbst und alle anderen sind fremdbestimmt.

Katharina Nocun

Widersprüche spielen keine Rolle

Das ist die Falle. Jeder Widerspruch ist jetzt nicht mehr irgendeine andere Information zum Thema, sondern kratzt an meinem Ego. Wer das, was ich denke erkannt zu haben, in Frage stellt, stellt mich als Person in Frage. Das macht es dem Gehirn extrem schwer, sachlich zu reagieren. Psychologin Maren Urner: "Das hat ganz viel mit Emotion zu tun. Das macht dann wiederum meine Identität aus und umso aggressiver reagiert unser psychologisches System auf einen möglichen Widerspruch."

Im Extremfall lehnt das Gehirn jedes sachliche Nachdenken ab. Es gibt Menschen, die glauben, dass es Corona gar nicht gibt, und gleichzeitig glauben, dass Corona aus einem chinesischen Labor stammt. Britische Studien haben ein ähnliches Phänomen nach dem Tod von Prinzessin Diana beobachtet. Politikwissenschaftlerin Katharina Nocun: "Da gab es auch zwei Verschwörungserzählungen zur Auswahl. Die erste war: Prinzessin Diana hat ihren Tod nur gefakt, die lebt also noch. Und die zweite war: Prinzessin Diana wurde auf jeden Fall von einem Geheimdienst ermordet. Es gab Leute, die haben beides gleichzeitig geglaubt."

Die da oben belügen uns

Unser Gehirn ist zu solchen Dingen bereit. Der übergeordnete Glaube ist hier, dass alles, was offizielle Stellen sagen, falsch sein muss. Also stimmen die anderen Dinge, auch wenn sie sich ausschließen. Es sind unbewusste Prozesse im Gehirn, denen wir trotzdem nicht hilflos ausgeliefert sind. Psychologin Maren Urner: "Wir haben ja auch diesen wunderbaren präfrontalen Kortex. Das ist die Region, die über unseren Augen hinter der Stirn liegt, die erlaubt es uns eben auch, was ich gern als kritisches Denken bezeichne, zu praktizieren. Uns selbst zu hinterfragen."

Es sind Fragen wie: Warum erscheint mir ein Mensch, der meiner Meinung ist, automatisch glaubwürdiger? Warum bevorzuge ich eine Erzählung, die eine Lösung anbietet, gegenüber dem Bekenntnis 'Wir wissen es nicht'? Menschen, die Verschwörungserzählungen in die Welt bringen, haben dazu den Vorteil, dass sie einfach wild und spektakulär erfinden können. Sachliche Fakten klingen meist viel weniger spannend.

Die Wahrheit ist halt häufig langweiliger als das, was wir dann in sogenannten Fakenews haben.

Maren Urner

Fake News machen das Denken leichter – das Zusammenleben aber schwieriger

Es ist wie in der Werbung, wo die schicke Verpackung nicht den Blick auf den Inhalt verstellen sollte. Oft hilft zu schauen, wer eine Geschichte verbreitet. Kommt sie aus der Wissenschaft oder von jemandem, der nebenbei seinen Onlineshop hat und Vorträge und Bücher zum Thema vertreibt? Die USA unter Trump haben gezeigt, welchen Schaden eine Gesellschaft nimmt, in der Fakten und Realität nicht mehr gelten. Wir brauchen für eine funktionierende Demokratie eine gemeinsame Gesprächsgrundlage, sagen Politikwissenschaftlerin Katharina Nocun und Psychologin Maren Urner. Erfundene Fakten können das Nachdenken erleichtern. Aber sie verhindern eine gemeinsame Suche nach Lösungen.

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