Ausgrabungen Vor 780.000 Jahren: Feuer viel früher zur Speisenzubereitung verwendet als gedacht

Ein internationales Forscherteam mit deutscher Beteiligung hat nachgewiesen, dass im Gebiet des heutigen Israels schon vor 780.000 Jahren Feuer zum Zubereiten von Fisch verwendet wurde.

Ausgrabungsstätte am früheren Hula-See im heutigen Israel
Vor 780.000 Jahren war hier ein See. An seinem Ufer wurde Fisch über dem Feuer zubereitet, wie Untersuchungen von ausgegrabenen Fischteilen zeigten. Bildrechte: Universität Tel Aviv / Gabi Laron
Illustration von Homininen, die Luciobarbus longiceps (Große Barbe, karpfenähnlicher Fisch) an den Ufern des Paläosees Hula verwerten und zubereiten
So könnte es gewesen sein: Illustration von Homininen, die eine große Barbe (Luciobarbus longiceps) am Ufer des Paläosees Hula mit Hilfe von Feuer zubereiten Bildrechte: Universität Tel Aviv / Ella Maru

Die frühesten Belege für das Garen (als Umschreibung für die verschiedenen Speisezubereitungsarten mit Hilfe von Feuer) stammten bislang von vor etwa 170.000 Jahren. Die Frage, wann genau der frühe Mensch zu kochen/braten/grillen/backen begann, ist seit über einem Jahrhundert Gegenstand vieler wissenschaftlicher Diskussionen.

Aber jetzt wird wohl vieles anders bzw. klarer. Denn ein Forscherteam aus Israel, dem Vereinigten Königreich und Deutschland hat den ersten bekannten "Gar"-Zeitpunkt um ein Vielfaches nach vorn verschoben. Demnach wurde im Gebiet des heutigen Israels schon vor 780.000 Jahren Fisch am oder überm Feuer zubereitet.

"Diese Studie zeigt die enorme Bedeutung von Fisch im Leben der prähistorischen Menschen", sagt Irit Zohar, Forscherin am Steinhardt-Museum für Naturgeschichte der Uni Tel Aviv. "Durch die Untersuchung der gefundenen Fischreste konnten wir zum ersten Mal den Fischbestand des antiken Hula-Sees rekonstruieren und zeigen, dass der See Fischarten enthielt, die im Laufe der Zeit ausstarben."

Zwei Meter lange Barben

Bei den Augrabungen gefundene Schlundknochen mit Schlundzähnen von einem prähistorischen karpfenartigen Fisch
Bei den Augrabungen gefundene Schlundknochen mit Schlundzähnen von einem prähistorischen karpfenartigen Fisch Bildrechte: Universität Tel Aviv / Gabi Laron

Zu diesen Fischarten gehört eine, die es heute nur noch in der "Mini"-Variante gibt: eine Barbe, die damals bis zu zwei Meter lang wurde. Barben zählen zu den Cypriniden, also den Karpfenartigen. Ihnen gemein ist (und das war auch schon vor 780.000 Jahren so), dass sie zwar vorn im Maul keine Zähne haben, aber dafür tief hinten im Rachen. Auf dem Schlundknochen sitzen die Schlundzähne, die man von der Form her auch mit Backenzähnen vergleichen könnte.

Und genau diese Zähne, die man in großen Mengen an der Ausgrabungsstelle fand, wurden dann bis ins kleinste Detail untersucht. Anhand der Struktur der Kristalle, die den Zahnschmelz bilden und deren Größe durch die Einwirkung von Hitze zunimmt, konnten die Forscher nachweisen, dass die Fische, die im antiken Hula-See in der Nähe der Ausgrabungsstätte gefangen wurden, zum Kochen geeigneten Temperaturen ausgesetzt waren und nicht einfach durch ein spontanes Feuer verbrannt wurden.

Dr. Jens Najorka vom Naturhistorischen Museum in London erklärt: "Die Experimente, die ich mit Dr. Zohar durchgeführt habe, haben es uns ermöglicht, die durch das Garen bei niedrigen Temperaturen verursachten Veränderungen zu erkennen. Wir wissen nicht genau, wie die Fische zubereitet wurden, aber da es keine Anzeichen dafür gibt, dass sie hohen Temperaturen ausgesetzt waren, ist es klar, dass sie nicht direkt im Feuer gekocht wurden und nicht als Abfall oder Brennmaterial ins Feuer geworfen wurden."

Sesshaftigkeit

Prof. Thomas Tütken von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz war ebenfalls Teil der Forschungsgruppe und lieferte Analysen der Isotopenzusammensetzung von Sauerstoff und Kohlenstoff im Zahnschmelz der Fische. "Diese Isotopenstudie ist ein echter Durchbruch, da sie es uns ermöglichte, die hydrologischen Bedingungen in diesem antiken See über die Jahreszeiten hinweg zu rekonstruieren und somit festzustellen, dass die Fische keine saisonale wirtschaftliche Ressource waren, sondern das ganze Jahr über gefangen und gegessen wurden. Der Fisch war also eine konstante Nahrungsquelle."
Und dadurch habe es weniger Notwendigkeit für saisonale Wanderungen gegeben, der frühe Mensch wurde etwas sesshafter.

Steckerfisch auf dem Holzkohlegrill
Wie genau prähistorische Menschen Fisch mit Feuer zubereitet haben, weiß man nicht. Aber dass sie es schon vor 780.000 Jahren taten, wurde jetzt erforscht. Bildrechte: IMAGO / Arnulf Hettrich

Studienleiterin Dr. Zohar meint: "Diese neuen Funde zeigen nicht nur, wie wichtig Süßwasserlebensräume und die darin vorkommenden Fische für die Ernährung des prähistorischen Menschen waren, sondern auch, dass der prähistorische Mensch das Feuer beherrschte, um Nahrung zu garen, und dass er die Vorteile des Garens von Fisch vor dem Verzehr erkannte."

Und möglich sei auch, dass sich das Garen nicht auf Fisch beschränkte, sondern auch verschiedene Tier- und Pflanzenarten einschloss. Bekannt ist, dass der Übergang von roher Kost zur gegarten Nahrung dramatische Auswirkungen auf die Entwicklung und das Verhalten des Menschen hatte. Gegarte Nahrung reduziert die für den Abbau und die Verdauung der Nahrung benötigte Körperenergie. Diese Veränderung befreite den Menschen auch von der täglichen, intensiven Suche und Verdauung roher Nahrung und verschaffte ihm mehr Zeit für die Entwicklung neuer sozialer und verhaltensbezogener Systeme. Einige Wissenschaftler betrachten das Essen von Fisch und Fleisch als Meilenstein in der kognitiven Evolution des Menschen und als zentralen Katalysator für die Entwicklung des menschlichen Gehirns.
Bislang wurde der Beginn dieser Entwicklung vor allem mit der Entstehung unserer eigenen Spezies, des Homo sapiens in Verbindung gebracht. Aber nun muss man es wohl schon dem Homo Erectus zuschreiben.

(rr)

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