Forschungsprojekt zum DDR-Alltag War früher vielleicht doch alles schlecht?

Das Gehirn verdrängt negative Erlebnisse, Gutes hingegen bleibt, heißt es. Ob dies auch bei DDR-Erinnerungen der Fall ist, wollen Forschende an den Universitäten in Erfurt und Jena jetzt herausfinden.

1986, Plattenbauten in Dresden Gorbitz
Bildrechte: imago/Bernd Friedel

Für Generationen, die nach 1990 aufgewachsen sind, mag sich ein wohliges Gefühl der Gemütlichkeit einstellen, wenn sie an die DDR denken. Konsumgüter mit Retro-Chic, Lebensmittel für ein paar Pfennige, Autos aus Pappe und Plattenbauwohnungen mit 70er-Tapete als Hipster-Mekka. Fehlen nur noch Reisefreiheit, Messenger und Memes – die Generationen Y und Z wären glücklich. Und wenn sie Oma und Opa, Mama und Papa fragen, kommt möglicherweise genau diese Antwort: Es war nicht alles schlecht, im Grunde war es ja gut, wir hatten alles, was wir brauchten. Im Gegensatz zu jetzt: Wirtschaftlich schwache Provinzen, dafür "alles teurer".

Auch zwanzig Nachwendejahre im Blick

Das öffentliche Bild der DDR ist ein anderes. Unrechtsstaat, Diktatur, politische Verfolgung, Indoktrinierung und Mangelwirtschaft. Und: Eingesperrt auf 108.000 Quadratkilometern. Ein Bild, das konträr zu "es war ja nicht alles schlecht" steht. Zu konträr, finden Wissenschaftler aus Thüringen. Unter dem Titel "Diktaturerfahrung und Transformation: Biographische Verarbeitungen und gesellschaftliche Repräsentationen in Ostdeutschland seit den 1970er Jahren" widmet sich diesem Thema ein Forschungsverbund.

In den kommenden vier Jahren wollen die Universitäten Erfurt und Jena sowie die Stiftungen Ettersberg, Gedenkstätte Buchenwald und die Gedenkstätte Mittelbau-Dora verschiedenen Fragen nachgehen, vor allem: Was sind die Erfahrungen, die zur Erinnerungskultur von DDR-Bürgern beitragen? Und wie viel haben sie mit der öffentlichen Darstellung der DDR zu tun?

Verschiedene Teilprojekte widmen sich u.a. den Themenfeldern Familienerinnerung in der Alltagswirklichkeit, Gesinnungsunterricht und Diskriminierung von Katholiken. Jörg Ganzmüller, Historiker an der Uni Jena und Koordinator des Forschungsverbunds, betont, dass es dabei nicht nur um DDR-Erinnerungen gehe:

Unser Ziel ist es, eine Erfahrungsgeschichte der späten DDR und der Transformationszeit zu schreiben.

Dr. Jörg Ganzenmüller FSU Jena

Deshalb wollen die Wissenschaftler mit Zeitzeugen-Interviews die Zeit von 1970 bis 2010 in den Blick nehmen, also zwanzig Jahre vor und nach der politischen Wende. Der lange Zeitraum nach der Wiedervereinigung ist so gewählt, weil gerade die Umbruchserfahrungen und der Prozess der Wiedervereinigung den Blick auf die DDR geprägt hätten.

In den Interviews würden Funktionäre und Angepasste genauso zu Wort kommen wie Widerständler. Vor der Auftaktveranstaltung am 23. April 2019 sagte Jörg Ganzmüller gegenüber der Deutschen Presseagentur: "Bis heute gibt es eine Diskrepanz zwischen dem in der öffentlichen Debatte vorherrschenden DDR-Bild und dem individuell Erlebten.“ In dieser Debatte würden sich viele Menschen nicht wiederfinden – das wolle man jetzt zusammenbringen.

Mündliche Geschichte

Dieses sogenannte Oral-History-Projekt, also ein Geschichtsprojekt, das auf mündlichen Berichten basiert, ist das seit 1991 größte seiner Art. Wie die Uni Jena bereits im Januar angekündigt hat, sollen die vier Forschungsjahre nicht hinter verschlossenen Studiertüren stattfinden. Im Rahmen der Projektarbeit seien Vorträge, Ausstellungen und Diskussionen geplant.

Wenn es den Wissenschaftlern also gelingt, mit den Interview-Daten die Lebenswirklichkeit der DDR-Bürger nachzuzeichnen und dem auf Verdrängung gepolten Gehirn ein Schnippchen zu schlagen, wissen Hipster möglicherweise bald, wie ungemütlich es wirklich war. Und was trotzdem okay gewesen ist.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Zeitreise | 30. April 2019 | 22:05 Uhr