Wissenschaft zur Fußball-WM Tipp für Ronaldo: Elfmeter-Training mit 3D-Brille

Joshua Kimmich (Deutschland) jubelt beim Elfmeterschiessen.
Der einsamste Moment im Leben des Fußballers: der Elfmeter. Joshua Kimmich war erfolgreich. Bildrechte: IMAGO / MIS

Millionen am Bildschirm können alles besser als der Mann am Ball, besonders in den ganz heiklen Situationen. Selbst Portugals bester Stürmer Cristiano Ronaldo hatte so einen Moment bei der WM 2018, als er im Spiel gegen den Iran einen Elfmeter verschoss. Was macht dieser Druck eigentlich mit den Fußballern, wie groß ist die psychische Belastung für Fußballprofis? Das haben Forscher der Leipziger Uni um Sportpsychologin Anne-Marie Elbe in einer Studie mit 320 Erstliga- und U19-Spielern aus Dänemark und Schweden untersucht.

Es ist ein Fragebogen, um depressive Verstimmungen zu erheben. Die Fragen beziehen sich zum Beispiel auf Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, betrübte Stimmung, Energielosigkeit.

Sportpsychologin Anne-Marie Elbe

Das Ergebnis: Fast 17 Prozent der Fußballprofis haben diese Probleme – das ist jeder Sechste – fast zwei pro Mannschaft. Noch gravierender zeigt die Studie das Problem bei den Nachwuchsspielern.

Die U19-Spieler hatten deutlich höhere Werte bezüglich der depressiven Verstimmungen als die älteren Spieler.

Sportpsychologin Anne-Marie Elbe

Es sind nicht die Schwachen, sondern die besonders Ehrgeizigen und Leistungswilligen, die gefährdet sind. Aus dem Anspruch, ständig Topleistung zu bringen, wird ungesunder Perfektionismus, Angst vor jedem noch so kleinen Fehler. Die Spieler verkrampfen. Sportpsychologen trainieren mit den Spielern, solche negativen Angstgedanken ins Positive zu wenden. 

Wie zum Beispiel 'Ich schaff das nicht' oder 'Ich habe jetzt Angst daneben zuschießen', das würde man dann umformulieren: 'Ja ich kann das, das wird schon klappen'.

Sportpsychologin Anne-Marie Elbe

Weltmeister Per Mertesacker hat im März in einem Interview sehr offen den Druck in seiner Karriere beschrieben. Die Leipziger Studie zeigt, wie verbreitet dieses Problem ist. Wobei im Sportbusiness inzwischen das Problembewusstsein gewachsen ist, sagt Anne-Marie Elbe:  

Sportpsychologin Prof. Dr. Anne-Marie Elbe von der Universität Leipzig
Bildrechte: Swen Reichhold/Universität Leipzig

Die Nachfrage für die Sportpsychologie ist stark angestiegen. Schon im Nachwuchsleistungssport ist es jetzt auch verpflichtend für die Nachwuchsleistungszentren im Fußball, auch mit einem Sportpsychologen oder einer Sportpsychologin zusammenzuarbeiten.

Sportpsychologin Anne-Marie Elbe

Dabei wird auch moderne Technik eingesetzt. Psychologisches Training findet heute oft mit 3D-Brillen statt, wo per virtueller Realität Belastungssituationen simuliert werden. So lässt sich selbst für Extremmomente wie den Anlauf zum Elfmeter das richtige Verhalten trainieren.

Wo schaue ich hin in dem Moment, damit ich mich nicht ablenken lasse. Oftmals wird empfohlen, nicht auf das Publikum zu schauen, sondern sich auf den Ball zu konzentrieren.

Sportpsychologin Anne-Marie Elbe

Die Psychologen vermitteln den Spielern auch, dass ein verschossener Elfer einfach passieren kann und es danach weitergeht. Trotzdem bleibt es einer der einsamsten Momente im Fußballerleben.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 16. Juni 2018 | 07:20 Uhr