Fussball-Weltmeisterschaft Sport-Events in Diktaturen verstärken Repressionen

Immer öfter finden große Sportveranstaltungen in autokratisch geführten Staaten statt. Für die oftmals kritisch beäugten Länder stellt dies die perfekte Gelegenheit dar, um das eigene Image reinzuwaschen. Kann der Sport die Situation wirklich nachhaltig verbessern?

WM Finale 1978 - Staatspräsident Jorge Rafael Videla Argentinien hinter dem FIFA WM Pokal
Die Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft in Argentinien 1978 unter der Führung von Diktator Jorge Rafael Videla sorgte für große Kritik. Sein Militärregime kostete mehr als 30.000 Menschen das Leben. Bildrechte: imago images/WEREK

Die Anzahl großer Sportereignisse in autokratisch geführten Staaten steigt rasant an. Seit 1990 hat sich die Zahl der Events bereits mehr als verfünffacht. Der austragenden Nation bietet dies die perfekte Gelegenheit, sich der Weltöffentlichkeit in neuem Gewand zu präsentieren. Doch was bleibt davon nach den Turnieren überhaupt noch übrig? Können Sportveranstaltungen die Situation in einem Land wirklich nachhaltig verändern?

FIFA WM 1978 in Argentinien, Finale, v.l. Jan Jongbloed (Niederlande), Leopoldo Luque, Mario Kempes, Daniel Bertoni (alle Argentinien) jubeln
Aufgrund der politischen Situation im Land, wurde die Weltmeisterschaft in Argentinien im Jahr 1978 von einer kritischen Weltöffentlichkeit verfolgt. Bildrechte: IMAGO / Sportfoto Rudel

Zunahme der Repressionen

Dieser Frage sind Forschende aus Deutschland, Dänemark und den USA nachgegangen. In ihrer Arbeit untersuchte das Team den Zusammenhang zwischen staatlichen Repressionen und der Austragung von Sportveranstaltungen am Beispiel der umstrittenen Fußball-Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien. Im Rahmen der Studie konnten keine positiven Wirkungen von großen Sport-Events festgestellt werden. Vielmehr wurde ein weiterer Anstieg der Repressionen gegen politische Gegner beobachtet. Besonders deutlich wurde dies in den Phasen vor und nach dem Turnier.

Die Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien Argentinien stand bereits vor der Austragung der Weltmeisterschaft im Jahr 1978 in der Kritik. Zwei Jahre zuvor übernahm ein Militärregime die Macht, welches seine Kontrahenten mit härtesten Mitteln bekämpfte. Schätzungen gehen heute davon aus, dass in etwa 30.000 Menschen ihr Leben verloren.

Drei Phasen der Unterdrückung

Christian Gläßel ist Mitautor der Studie und arbeitet am Center for Security der Hertie School. Er sagt, dass Repressionen im Rahmen solcher Sportevents vor allem in zwei Phasen drohen. "Um perfekte Spiele zu präsentieren, nehmen die Repressionen immer dann zu, wenn die Weltöffentlichkeit nicht so genau hinschaut: vor und nach dem Turnier." So zeigte die Untersuchung am Beispiel Argentinien, dass das Militärregime in Argentinien bereits Wochen vor dem Beginn des Turniers begann, politische Gegner zu entführen und zu ermorden. Im Rampenlicht der WM wurden die repressiven Maßnahmen während des Turniers schließlich zurückgefahren, ehe nach dem Ende des Wettbewerbs eine neue Welle folgte.

Weltmeister Daniel Passarella (Argentinien) lässŸt sich von den Fans mit dem WM-Pokal auf Händen tragen
Am Ende jubelten die Gastgeber. Doch was blieb von der Weltmeisterschaft im autokratischen Staat? Bildrechte: imago/Sven Simon

Austragungsorte im Fokus

"WM-Austragungsorte stellten für die Machthaber in doppelter Hinsicht eine erhöhte Gefahr dar: Die räumliche Nähe zwischen Oppositionellen und internationalen Beobachtern, sowie die Gefahr, dass Repressionen aufgrund erhöhter Aufmerksamkeit während der WM leicht in den Fokus der Medien geraten könnten", meint Gläßel. Dies erkläre den starken Anstieg repressiver Maßnahmen rund um die Spielorte, während eine solche Entwicklungen in anderen Teilen des Landes nicht beobachtet werden konnte.

Staaten verfolgen strategische Motive

Der Grund für die repressive Politik autokratischer Staaten rund um große Sportveranstaltungen folgt den Forschenden zufolge vorrangig strategischen Motiven. So soll das Turnier genutzt werden, um der globalen Bühne ein geschöntes Bild des eigenen Landes zu verkaufen. Die Gefahr, durch kritische Stimmen in ein schlechtes Licht gerückt zu werden, soll hierdurch kleingehalten werden. Auch wenn die Ergebnisse der Studie nur Aussagen über die WM in Argentinien zulassen, so seien laut den Autoren auch bei einer Vielzahl anderer Sportveranstaltungen Parallelen zu erkennen, bis hin zu den Olympischen Spielen in Peking. Ein besorgniserregender Trend, so die Forschenden, zumal der Anteil autokratischer Gastgeber von Sportgroßveranstaltungen sich nach ihren Untersuchung seit Ende des Kalten Krieges von rund acht Prozent (1990) auf mehr als 37 Prozent fast verfünffacht hat. Die Forschenden empfehlen daher generell von einer Vergabe von großen Sportevents an Diktaturen in Zukunft abzusehen. Bereits vergebene Wettbewerbe sollten vor allem medial frühzeitig boykottiert werden.

---
mbe/pm