Be-up-Studie der Uni Halle Geburt: Brauchen wir eine andere Gebärkultur?

Beeinflussen Umgebung und Ausstattung des Gebärraums den Geburtsverlauf? Welche Rolle spielen Geburtspositionen und Gebärbett? Eine Forschungsarbeit aus Halle liefert verblüffende Ergebnisse.

Gebärraum be up Studie
Gebärraum der Be-up-Studie Bildrechte: Universitätsmedizin Halle

Die Studie "Be-Up: Geburt aktiv" hat die Bedürfnisse werdender Mütter untersucht, um herauszufinden, welche Rolle Gebärumgebung und Körperpositionen beim Geburtsvorgang spielen. Ergebnis: Sie spielen eine große und an manchen Stellen auch eine überraschende Rolle. Wer schwere Geburten mit Komplikationen und ungeplanten Kaiserschnitten hinter sich hat, liest solche Ansätze, in denen es um eine neue oder andere Geburtskultur in Kliniken geht, mit einer Portion Neid und Bedauern. Vielleicht hätten die eigenen Geburten doch anders laufen können, weniger traumatisch und schrecklich? "Wie bedauerlich", sagt Forscherin Dr. Gertrud Ayerle aus Halle, "eigentlich sollte eine Geburt ein einmaliges Erlebnis sein wie eine Hochzeit, an die man sich gern erinnert." Hm. Schöne Erinnerung? Selbstbestimmung während der Geburt? Da träumt manche rückwirkend davon. Geöffnet wie eine Auster mit Rückenschmerzen auf dem Gebärbett zu liegen, diversen Fremden erlauben, zum x. Mal den Muttermund zu tasten, ohne zu wissen, ob das wirklich wieder nötig oder einfach nur Routine ist. Nun ja.

Vergleich: Was passiert, wenn Gebärräume anders ausgestattet sind?

Also zurück zur Studie. Anlass ist die hohe Zahl der Kaiserschnitte, in Deutschland liegt die bei 30 Prozent. Im Vergleich mit der vaginalen Geburt ist beim Kaiserschnitt die Komplikationsrate für die Mütter höher. Und Kaiserschnittkinder leben häufig mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Also wo lässt sich "schrauben", vielleicht im Kreißsaal? Für die Studie des Forschungsteams der Uni Halle und der Hochschule für Gesundheit Bochum wurden deutschlandweit 22 geburtshilfliche Kliniken ausgewählt, deren Rate bei vaginalen Geburten unter 80 Prozent lag. Die Daten wurden zwischen April 2018 und Mai 2021 erhoben, 3.815 Frauen machten mit, darunter 410 in der Poliklinik für Geburtshilfe und Pränatalmedizin an der Uniklinik in Halle. In jeder Klinik wurden zwei Räume für die Studie genutzt, ein klassischer Gebärraum und einer, der für die Be-Up-Studie neu ausgestattet wurde.

Gesucht: Wie wirken Änderungen im Gebärraum und bei Geburtspositionen?

Eine leere Entbindungsstation eines Kreißsaals.
Typische Ausstattung eines Gebärraumes mit dem Gebärbett im Zentrum Bildrechte: IMAGO / Sven Simon

Zentrales Element des klassischen Gebärraums ist das Gebärbett. "Typischerweise steht es in der Mitte des Raumes, darauf fokussieren sich intuitiv alle, die im Raum sind. Theoretisch ist das Bett auch für verschiedene Geburtspositionen geeignet. Aber eine Begleitperson, die die Gebärende begleitet, geht da doch nicht hin und baut das Gebärbett um?", fragt Dr. Ayerle. Für die Be-up Studie wurde das Bett also entweder mit einem Paravent verdeckt, abgedeckt oder ganz aus dem Raum geschoben. Zudem wurden im Vorfeld der Studie Hinweise von freiberuflich tätigen oder von Kliniken angestellten Hebammen erfragt, welche Unterstützungsmaterialien aus ihrer Erfahrung hilfreich wären: So kam es zu einer Raumausstattung mit einer Bodenmatratze, die sich gemütlich an die Wand stellen lässt, einer zusammenrollbaren Bodenmatte, einem Schaumstoffgebärhocker, verschieden großen Schaumstoffwürfeln. Würfel? "Auf die setzt man sich, oder stapelt sie. Die sind je nach Körpergröße anpassbar, die Frau kann sich darauf im Stehen abstützen während einer Rückenmassage, sie kann im Knien oder im Vierfüßlerstand ihre Arme und ihren Kopf bequem ablegen", erklärt die Wissenschaftlerin. Sie weiß jetzt: "75 Prozent der Frauen fanden diese Schaumstoffwürfel äußerst hilfreich."

Gebärende bestimmen über Helligkeit im Raum

Ein weiterer Punkt: Die Beleuchtung. Dass die dimmbar ist, ist das eine. Aber den kleinen Unterschied macht es, wer das tut: "Das durch die Gebärenden dämmbare Licht wurde von 85 Prozent der Gebärenden in den Gebärräumen als positives Element genannt", sagt die Hebammenwissenschaftlerin weiter, ebenso die Sitzecke mit Snackbar und Getränken, wo sich die Frauen einfach bedienen konnten. "Aus Befragungen wussten wir, dass Gebärende zwar oft Durst haben, dann aber die Hebamme um Essen oder Getränke bitten müssen – und es dann nicht tun, weil diese mehrere Geburten betreut."

Die Studienteilnehmerinnen wurden im Studienzeitraum per Zufallsprinzip einem alternativen oder einem üblichen Gebärraum zugeteilt. Das Ergebnis der Be-up-Studie ist recht eindeutig: "Wir haben einen signifikanten Zusammenhang zwischen mütterlichen Körperpositionen während der Wehen und der Selbstbestimmtheit der Frauen nachgewiesen", sagt Studienleiterin Dr. Gertrud M. Ayerle: "Je aufrechter und häufiger diese Positionen eingenommen wurden, umso selbstbestimmter erlebten die Frauen die Geburtsphase." Selbstbestimmtheit? "Selbstwirksamkeit hat mit dem Kontrollgefühl der Frau, mit der Zufriedenheit mit sich selbst zu tun, wie die Geburt erlebt wird," erläutert Dr. Ayerle. Das wurde per Skala messbar gemacht mit Fragen wie: "Ich fühlte mich wichtig", 'Ich war zuversichtlich", "Ich hatte die Kontrolle", Ich war zufrieden mit meinem Verhalten", "Ich hatte das Gefühl unter Menschen zu sein, die sich kümmern", Und auch das Gegenteil wurde erfragt, "Ich fühlte mich angespannt, ängstlich, ich fühlte mich wie eine Versagerin, hilflos".

Und die Antwort auf die ursprüngliche Studienfrage?

Bezogen auf den ursprünglichen Ansatz der Studie, herauszufinden, wie sich Geburtspositionen und Änderungen im Gebärraum auf die Kaiserschnittrate auswirken, zeigte sich etwas Verblüffendes:

Ein Arzt hält in einem Kreissaal ein Neugeborenes in den Händen
Weniger Kaiserschnitte im Studienzeitraum: Woran lag das? Bildrechte: dpa

Sowohl im Be-Up-Gebärraum als auch dem üblichen Gebärraum stieg der Anteil vaginaler Geburten auf 89 Prozent. Die Kliniken, die zur Studie zugelassen wurden, hatten durchschnittlich eine Rate von 74 Prozent. "Tatsächlich eine ungeheuerliche Steigerung", sagt die Forscherin. Wie erklärt sie diesen Anstieg? "Vermutlich greift hier der Hawthorne-Effekt", sagt Ayerle, also der Effekt, dass man, weil man an einer Studie teilnimmt, sein Verhalten ändert. Das habe sich hier wohl auf die Gebärenden und die Hebammen niedergeschlagen, vermutet die Forscherin, "sowohl Frauen als auch Hebammen waren möglicherweise besonders motiviert". Dazu komme, dass die Hebammen ihr Wissen, ihre neu erlangten Kompetenzen und Erfahrungen in der Betreuung von "aufrechten Geburten" im Be-Up-Gebärraum in den klassischen Gebärräumen mitgenommen und dort angewendet haben können. "Wir haben Hinweise darauf gefunden, dass dort auch mehr aufrechte Gebärpositionen benutzt wurden."

Wie sicher ist der Be-Up-Raum?

Und ein weiteres wichtiges Ergebnis der Studie ist Ayerle zufolge, dass Gebären im Be-Up-Gebärraum genauso sicher ist wie im klassischen, vom Gebärbett dominierten Raum. "Es hat sich in den Be-Up-Kliniken gezeigt, dass die PDA-Anästhesie auf den Würfeln genauso gut möglich ist wie auf dem Gebärbett. Und selbst bei Notfällen wie der Schulterdystokie, wenn also die Schulter im Becken stecken bleibt: Das lässt sich auch auf der großen Bodenmatratze lösen, dazu wird das Gebärbett nicht gebraucht."

Aber hätte man das nicht längst wissen können, das aufrechte Bewältigen der Wehen und das Gebären im Sitzen oder Hocken ist an sich nichts Neues, wenn man in andere Kulturen schaut? "Wir wissen das alles, aber es wurde bislang nicht oder nur eingeschränkt umgesetzt", bestätigt Dr. Ayerle. "Es gibt Gebärkulturen in den Kliniken. Aber zum Beispiel aus dem Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin hat man uns nach der Studie gesagt, 'bei uns hat sich die Gebärkultur verändert, aufrechte Körperpositionen sind nicht mehr ein Spleen der Gebärenden, sondern das Normale'. Veränderungen brauchen Zeit. Das hängt auch von den Menschen in den Leitungspositionen ab."

Links/Studien

Hier lesen Sie die Studie "Effekt der Geburtsumgebung auf den Geburtsmodus und das Wohlbefinden von Frauen am Geburtstermin: eine randomisiert kontrollierte Studie (RCT)" im Original.

(lfw)

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