Leopoldina Jahresversammlung 2022 RKI-Präsident Lothar Wieler: Pandemie hat Ungleichheit wie im Brennglas aufgezeigt

Lothar Wieler ist im Zuge der Corona-Pandemie wohl zu einem der bekanntesten Wissenschaftler Deutschlands geworden. Als Präsident des für die öffentliche Gesundheit zuständigen Robert Koch-Instituts (RKI) war er Erklärer, Berater und Mahner. So ist es nur konsequent, dass Wieler die Jahresversammlung der Leopoldina eröffnet hat. Denn diese dreht sich um das Thema der globalen Gesundheit. MDR WISSEN hat ausführlich mit dem RKI-Präsidenten und Leopoldina-Mitglied gesprochen.

Ein Mann in einem blauen Anzug steht auf einer Bühne hinter einem Podium und spricht in ein Mikrofon.
Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, hat die Jahresversammlung der Leopoldina mit einem Vortrag eröffnet. Bildrechte: Markus Scholz für die Leopoldina

MDR WISSEN: Die Jahresversammlung der Leopoldina steht unter dem Titel "Global Health: Von Gesundheitsleistungen über Klimawandel bis zu sozialer Gerechtigkeit". Warum haben Sie gerade diese Perspektive gewählt?

Lothar Wieler: Das Robert-Koch-Institut ist das nationale Public Health Institut. Und als Leiter dieser nationalen Institution kommt man mit all den anderen Kolleginnen und Kollegen auf der Welt in Kontakt. Allein in der Dachorganisation International Association of National Public Health Institutes sind rund 120 Länder vertreten und wir treffen uns regelmäßig zum Austausch. Dabei stellen wir oft fest, dass wir im Grunde alle vor den gleichen Herausforderungen stehen. Da geht es um Ungleichheiten, um den Zugang zu Versorgungssystem oder Bildungschancen.

MDR WISSEN: Welche Aspekte der öffentlichen Gesundheit sind Thema auf der Jahresversammlung?

Lothar Wieler: Ein Aufhänger ist natürlich die Covid-Pandemie. Sie ist nicht nur deshalb wichtig, weil sie das Leben aller Menschen auf der Welt beeinflusst hat, sondern weil die Pandemie wie in einem Brennglas Ungleichheit aufgezeigt hat. Wenn wir zum Beispiel an den großen Ausbruch in einem Schlachtbetrieb im Sommer 2020 denken. Dort haben sich die Arbeiter infiziert, die schlecht bezahlt sind, die in schlechten Unterkünften untergebracht sind und die in wirklich schwierigen Verhältnissen arbeiten mussten. Menschen, die so leben, haben ein viel größeres Risiko, sich anzustecken, als Menschen, die wirtschaftlich bessergestellt sind. Diese Problematik ist eine riesige Herausforderung. Auf der Jahresversammlung geht es außerdem um die ökonomischen Aspekte und das Thema One Health. Darunter versteht man, dass sich die Gesundheit von Tieren, Menschen und der Umwelt gegenseitig bedingen. Dabei spielt auch der Klimawandel eine Rolle.

Rindfleisch wird in einem Kühlhaus des Fleischunternehmens Tönnies verpackt
Menschen in prekären Lebensverhältnissen sind stärker von Covid-Infektionen betroffen. Bildrechte: dpa

MDR WISSEN: Wie kann so eine Versammlung von Top-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern tatsächlich Lösungsansätze für die Probleme liefern?

Lothar Wieler: Dadurch, dass man in diesem Rahmen mit den Kolleginnen und Kollegen über ihre Forschungsarbeit spricht, rückt man natürlich näher zusammen. Und bei diesem Thema spielt die Interdisziplinarität eine große Rolle. Die Stärke der Leopoldina ist ja, dass sie alle Disziplinen zusammenbringt. Gerade auch die Pandemie hat dazu geführt, dass man über Gesundheit wieder anders nachdenkt. Man muss also viel kommunizieren. Allerdings gibt es auch so etwas wie eine Infodemie, wenn zu viel kommuniziert wird.

MDR WISSEN: Was meinen Sie, wenn Sie von einer Infodemie sprechen?

Lothar Wieler: Infodemie heißt, dass zu viele Informationen in zu kurzen Abständen kommuniziert werden. Das ist in der Covid-Pandemie so gewesen. Zum Beispiel gab es eine Zeit, in der jeden Tag die aktuellen Inzidenzen genannt wurden. Das ist überhaupt nichts Relevantes, denn relevant ist die Dynamik dieser Inzidenz. Um die zu bewerten, muss man wenigstens einen Zeitraum von einer Woche betrachten. Das heißt also, es hätte ab einem gewissen Zeitpunkt gereicht, wenn man diese Daten nur einmal pro Woche kommuniziert hätte.

MDR WISSEN: Die Pandemie ist bis heute noch nicht vorbei. In Ihrem Vortrag haben Sie dennoch schon von ersten Lehren daraus gesprochen. Welche lassen sich denn bereits ziehen?

Lothar Wieler: Es werden natürlich noch komplexe Analysen folgen. In meinem Vortrag habe ich über die Lehren gesprochen, die wir schon jetzt ziehen. Da ist zum einen das Thema Vertrauen. Nur wenn die Menschen Wissenschaft und Politik vertrauen, kann eine Krise bewältigt werden. Auch die Digitalisierung ist ein wichtiger Punkt. Dass wir da noch einiges zu tun haben, wissen wir alle. Es gibt also bereits jetzt Dinge, die man lernen und umsetzen kann. Das sind aber keine abgeschlossenen Prozesse, sondern mit jeder weiteren Analyse gewinnen wir weitere Erkenntnisse.

MDR WISSEN: Wie ist der aktuelle Stand der Erkenntnisse? Welche Punkte sind wichtig für die Zukunft?

Lothar Wieler: Es ist sehr wichtig, dass Entscheidungsprozesse transparent kommuniziert werden. Den Bürgern und Bürgerinnen muss vermittelt werden, warum man zu einer Entscheidung kommt. Es ist wichtig, dass die Menschen wissen, wer wofür verantwortlich ist. Das kann man aber nur erreichen, wenn man eine ehrliche und offene Kommunikation betreibt. Und wir benötigen in Deutschland eine elektronische Patientenakte. Dadurch gäbe es genügend Informationen, um einschätzen zu können, welchem Risiko Patienten und Patientinnen unterliegen. So könnten die Menschen gezielt gewarnt und auf passende Medikamente oder Impfungen hingewiesen werden.

MDR WISSEN: In den vergangenen Monaten haben Sie als Berater eng mit der Politik zu tun gehabt. Wie gut haben die Ihre Empfehlungen und Bewertung angenommen?

Lothar Wieler: Ich mache ja eine reine wissenschaftliche Beratung, die sich ausschließlich auf die biomedizinische Welt bezieht. Wir haben zum Beispiel keinerlei ökonomische Expertise. Ein Politiker oder eine Politikerin muss natürlich immer noch andere Dinge mit im Blick haben. Das heißt also, dass eine rein biomedizinische Empfehlung eins zu eins umgesetzt wird, ist nicht realistisch. Politiker müssen noch andere Dinge abwägen. So gesehen habe ich einen deutlich leichteren Job.

RKI-Chef Lothar Wieler und Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach
RKI-Chef Lothar Wieler berät auch Bundesgesunheitsminister Karl Lauterbach. Bildrechte: dpa

MDR WISSEN: Im Laufe der Covid-Pandemie haben sich Personenkreise in unserer Gesellschaft gebildet, die für die öffentliche Kommunikation nur noch schwierig zu erreichen sind. Inwiefern muss die Forschung sich mit dieser Gruppe beschäftigen?

Lothar Wieler: Unser Ziel ist, dass die Bürger und die Bürgerinnen fundiert entscheiden können, was richtig für sie ist. Und dafür reicht es nicht, Informationen nur zur Verfügung zu stellen. Sie müssen auch leicht verfügbar und verständlich sein. Und es gibt Gründe, warum der oder die eine oder andere diese oder jene Informationen ablehnt oder annimmt. Und das müssen wir besser verstehen.

MDR WISSEN: Ein Reizthema der Corona-Pandemie ist die Impfung. Es gibt in Deutschland und anderen Ländern der Welt eine Gruppe an Menschen, die Impfungen strikt ablehnt. Macht Ihnen das Sorge?

Lothar Wieler: Die WHO benennt die Impfskepsis als eine der zehn größten Bedrohungen für die menschliche Gesundheit. Das muss uns Sorge machen. Und das heißt auch, dass wir die Impfungen sehr gut erklären müssen. Zum Beispiel müssen wir erklären, dass es beim Impfen immer um eine Risikoreduktion geht. Einen 100-prozentigen Schutz gibt es bei der Covid-19-Impfung nicht. Wahrscheinlich muss man diese Diskussion stärker führen, denn diese Kosten-Nutzen-Abwägung von Impfungen ist sehr gut. Es gibt natürlich auch Nebenwirkungen, wie bei jeder Impfung, aber die positive Schutzwirkung überwiegt bei Weitem. Wir haben in Deutschland das Glück, dass wir mit der Stiko, der Ständigen Impfkommission, eine der weltweit anerkanntesten Beratergruppen haben. Deren Empfehlungen beruhen unabhängig von äußeren Einflüssen auf wissenschaftlichen Daten - und danach sollte man sich richten.

Eine Frau trägt ein Symbol gegen die Impfpflicht auf ihrem Rücken
Ein Teil der Gesellschaft lehnt Impfungen grundsätzlich ab - ein Problem für die öffentliche Gesundheit. Bildrechte: dpa

MDR WISSEN: In letzter Zeit tauchen Krankheitserreger auf, die als beinahe ausgerottet galten. In New York in den USA sehen wir zum Beispiel das Polio-Virus. Wird es künftig mehr Infektionskrankheiten geben?

Lothar Wieler: Darauf müssen wir uns einstellen. Wenn der Klimawandel weitergeht, ist es unvermeidlich, dass wir vermehrt Infektionskrankheiten haben werden. Das ist ein Grund mehr, etwas gegen den Klimawandel zu tun.

MDR WISSEN: Umso wichtiger ist das Thema Prävention. Was sind die großen Herausforderungen, die jetzt angegangen werden müssen?

Lothar Wieler: Bei uns in Deutschland muss das öffentliche Gesundheitssystem gestärkt werden. Und wir müssen die Gesundheitserziehung in den Schulen stärken, um den Kindern Gesundheitskompetenz zu vermitteln. Kompetenz wird vor Ort vermittelt.

MDR WISSEN: Sollten wir auch unsere Lebensweise ändern und zum Beispiel weniger Fleisch produzieren?

Lothar Wieler: Also wir müssen uns auf jeden Fall mit der intensiven Tierhaltung beschäftigen. Die sollten wir in der Menge und Intensität von heute nicht mehr weitertreiben. Das ist ganz klar. Das funktioniert aber auch nur dann, wenn die Menschen ihre Ernährung entsprechend anpassen.

Link

Den Vortrag "Welche Lehren ergeben sich aus der Covid-19- Pandemie für die Globale Gesundheit?" von RKI-Präsident Lothar Wieler und alle anderen Vorträge der Leopoldina Jahresversammlung 2022 können Sie hier auf dem Youtube-Kanal der Leopoldina anschauen.

Das Gespräch führte Kristin Kielon.

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