Neugeborene Darmflora: Kaiserschnitt-Babys reagieren schlechter auf Impfungen

Per Kaiserschnitt auf die Welt gekommene Kindern fehlen wichtige Darmbakterien, die sie bei einer vaginalen Geburt von ihrer Mutter bekommen. Eine neue Studie zeigt: das hat Einfluss auf den Erfolg von Impfungen.

Eine Mutter wickelt ihr Baby.
Die kindliche Darmflora hat einen großen Einfluss auf das Immunsystems des Babys und darauf, wie gut Impfungen wirken. (Symbolfoto) Bildrechte: imago images/Addictive Stock

  • Vaginal geborene Kinder entwickeln in den ersten 100 Tagen ihres Lebens eine vitalere Darmflora, was ihrem Immunsystem hilft
  • Bei späteren Impfungen bilden vaginal geborene Kinder mehr Antikörper
  • Weil Kaiserschnitte aber oft notwendig sind, fordern Forscher mehr Studien dazu, wie die Darmflora von kleinen Kindern verbessert werden kann

Kleine Babys bilden nach einer Impfung mehr Antikörper gegen einen Erreger, wenn ihre Darmflora vitaler ist. Und diese Vitalität wird stark durch den Geburtsmodus beeinflusst, also ob sie auf natürliche Weise vaginal zur Welt gebracht oder von Ärzten per Kaiserschnitt geholt werden. So kann man ein zentrales Ergebnis einer neuen Studie der schottischen Kindermedizinerin Debby Bogaert und ihres Teams zusammenfassen. Die Studie ist in "nature communications" erschienen.

In den ersten 100 Lebenstagen reift das frühkindliche Immunsystem

Bogaert und Kollegen hatten bei einer Kohorte von insgesamt 120 Neugeborenen untersucht, wie sich die Darmflora im ersten Lebensjahr entwickelte. Vorangegangene Studien hatten bereits gezeigt, dass Mütter bei einer vaginalen Geburt einen Teil ihrer eigenen Darmbakterien an ihre Säuglinge weitergeben, und dass diese Darmflora eine wichtige Grundlage für die gesunde Entwicklung der Kinder ist. Auch hier zeigte sich: Wer vaginal geboren wurde, hatte größere Mengen an E.coli- und Bifidobakterien im Darm.

Bei der neuen Studie bestehe eine wichtige Leistung der Wissenschaftler vor allem darin, neue Daten zur Entwicklung des Mikrobioms in den ersten 100 Lebenstagen der Kinder zu liefern, sagt etwa Maria Vehreschild, leitende Infektiologin am Frankfurter Universitätsklinikum. Vehreschild, die nicht an der Studie beteiligt war, nennt die Arbeit "eine Studie mit potenziell wichtigen klinischen Auswirkungen". Die ersten 100 Tage seien der Zeitraum, in denen das frühkindliche Immunsystem reife.

Mikrobiom beeinflusst B-Zellen lange vor der Impfung

Diese frühe Reifung hat offenbar einen großen Einfluss auf den Erfolg, später durchgeführter Impfungen. Als Einjährige erhielten 101 Kinder eine Impfung gegen Pneumokocken. Ein kleinerer Teil der Kohorte (66 Kinder) erhielt noch ein halbes Jahr später die Meningokokken-Impfung. Beide Male zeigte sich: Wer mehr gute Bakterien im Darm hatte, bildete bei einer Impfung mehr Antikörper gegen die entsprechenden Erreger und war damit besser vor Krankheiten geschützt.

Infektiologin Vehreschild schließt daraus, dass diese Kinder bessere B-Zellen haben, die Antikörper produzieren. Und aus der rekonstruierten Entwicklung des Darmmikrobioms leitet sie ab: "Der Zeitpunkt der Einflussnahme des Mikrobioms auf die B-Zellreifung liegt also zeitlich deutlich vor der Impfung und der im Anschluss messbaren Impfantwort. Diese Verbindung trotzdem herzustellen ist eine große Stärke der Analyse."

Kaiserschnitt oft aus gesundheitlichen Gründen

Auch Michael Zemlin, Leitender Kindermediziner am Universitätsklinikum des Saarlandes, sieht durch die Studie den starken Einfluss des Mikrobioms bestätigt. "Die Langzeituntersuchung nach zwölf beziehungsweise 18 Monaten zeigt, dass die Auswirkungen der ersten Lebenswochen tatsächlich lange anhalten und medizinisch höchst bedeutsame Schutzfunktionen des Immunsystems beeinflussen."

Kritisch sieht er allerdings, dass in dieser Studie andere Einflussfaktoren außer dem Mikrobiom kaum berücksichtigt wurden. "Die Entscheidung für eine Kaiserschnittentbindung hat immer Gründe. Daher unterscheiden sich Kinder mit und ohne Kaiserschnitt in vieler Hinsicht, nicht nur hinsichtlich ihres Geburtsmodus." Ein anderes Papier zur gleichen Baby-Kohorte habe bereits gezeigt: Wer per Kaiserschnitt geboren wurde, kam oft auch früher zur Welt, war länger im Krankenhaus und wurde kürzer gestillt.

Vaginale Geburt um jeden Preis nicht ratsam – Wie kann das Mikrobiom ausgeglichen werden?

Aus Zemlins Sicht entscheiden sich Ärzte in der Regel aus gewichtigen Gründen für einen Kaiserschnitt, etwa, um das Leben von Kindern und Müttern zu retten. "Der Wunsch-Kaiserschnitt ist schon lange 'out'. Der Einfluss auf die Entwicklung des Mikrobioms und die damit verbundene langfristige Prägung des Immunsystems sind ein Argument gegen den Kaiserschnitt."

Wieder verstärkt auf vaginale Geburten zu setzen, wo es ein großes Risiko für Kinder und Mütter darstellte, sehen Mediziner wie Zemlin oder Vehreschild nicht als erste Option. Sie fordern eher, Möglichkeiten zu erforschen, bei einem Kaiserschnitt das Mikrobiom der Mutter nachträglich auf das Kind zu übertragen. "Hat das sogenannte 'vaginal seeding' – etwa durch Bestreichen des Kindes mit Kompressen, die vorher in der Vagina der Mutter lagen – langfristige Vorteile?", fragt sich Zemlin. Möglicherweise könne nach einer Kaiserschnittgeburt die Entwicklung des kindlichen Mikrobioms auch durch Probiotikabgabe oder andere Faktoren positiv beeinflusst werden.

Wichtig sei daher, zu erforschen, wie Ärzte "das Mikrobiom beim Neugeborenen nach Kaiserschnitt, Antibiotikagabe oder anderen potenziell schädlichen Einflüssen so optimieren können, dass schützende Immunantworten gefördert und schädliche Immunantworten – zum Beispiel Allergien und Autoimmunerkrankungen – verhindert werden."

Einfluss von Viren, Pilzen und Co.: Mehr Wissen über das Mikrobiom nötig

Claus Meyer, Leiter der Arbeitsgruppe Pädiatrische Immunologie an der Mainzer Universitätsmedizin, wünscht sich für spätere Studien zudem einen weiteren Blick auf die Mikroorganismen im kindlichen Darm. "Wie auch in der hier vorliegenden Studie ist aktuell unser Blick auf das Mikrobiom recht einseitig, da ausschließlich das Bakteriom, also die Bakterien, betrachtet wird." Viren, Pilze und andere Mikroorganismen würden dagegen weitgehend ausgeblendet. Ihr Einfluss auf die übrigen Bewohner des Darms und den Menschen selbst, seit noch weitgehend unbekannt.

(ens/smc)