MDR KLIMA-UPDATE | 14. April 2022 Energie sparen — mal ne coole Idee

Ausgabe #34 vom Freitag, 14. April 2022

Mann mit bart, runder schwarzer Brille, schwarzem Pullover, schwarzem Basecap
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Mit politischem Wille kann nicht nur eine Verkehrswende gelingen – mit etwas Druck kann die Industrie jetzt schon viel Energie sparen.

Alter runder Kipp-Lichtschalter auf Blümchentapete, Schrift "Das MDR Klima-Update"
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Liebe Lesende,

das Leben steckt so voller Anekdötchen: Als Neuseeland vor ein paar Wochen auf Grund der exorbitanten Energiepreise seine Bürgerinnen und Bürger entlastetet, indem das Land die Kosten für den Nahverkehr halbierte, blieben die Münder hierzulande offen stehen. In der Autobahnrepublik schien solch eine politische Sofortmaßnahme aussichtslos. Als die Ampel-Regierung wenige Tage später mit dem Neun-Euro-Ticket um die Ecke kam (und somit nicht nur dem Individualverkehr unter die Arme griff), sangen die Unken prompt im altbekannten Mimimi-Chor: Wer soll das bitte bezahlen? (Der Bund.)

In einer Krise – und erst recht in mindestens drei gleichzeitigen Krisen – ist es freilich nicht allzu leicht, aller Dinge recht zu tun. Immerhin: Inzwischen scheint sich herauszukristallisieren, dass für die drei Monate hochsubventionierten Nahverkehr nicht 27, sondern insgesamt nur neun Euro fällig sein werden. Und dass es sich, mit etwas Zeit-Budget, in den Sommermonaten vortrefflich zum Preis von zwei Döner Kebab quer durch die Verkehrsverbunde zwischen Westerland und Berchtesgaden zuckeln lassen wird. Neben einer vorübergehenden Mobilitätswende könnte die republikweite Neun-Euro-Flatrate also sogar zu einer gesamtdeutschen Entschleunigung beitragen. 🐢 (Und für weniger volle ICEs sorgen.)

Zahl der Woche:

20

… Prozent Fahrgastzuwachs. Mit bis zu so vielen rechnet der MDV, Verkehrsverbund im Ballungsraum Leipzig-Halle, während der Zeit des Neun-Euro-Tickets. Der MDV werde das gut verkraften, so Geschäftsführer Steffen Lehmann gegenüber MDR AKTUELL. Zumindest wenn die Busse, S- und Tram-Bahnen im Regeltakt verkehren und nicht durch Corona- oder sonstige Personal-Ausfälle eingeschränkt unterwegs sind. Für den ÖPNV wird der Sommer ein Schaulaufen, ein riesige Reklamechance – und die Zeit nach der Flatrate äußerst spannend.

Neue Energie fürs Klima: Die Industrie kann schon loslegen

Nicht nur der Verkehr tut gut daran, eher gestern als morgen eine klimapositive Wende einzuläuten. Es gibt noch mehr Bereiche, in denen ein Handeln schon jetzt möglich ist. Nach den mahnenden Worten des IPCC-Berichts in der vergangenen Woche, wollen wir uns mal anschauen, welche Hebel es umzulegen gäbe – in unserer MDR WISSEN-Serie Neue Energie fürs Klima. So wichtig wie eine nachhaltige Energieversorgung ist das Stromsparen (Erinnern Sie sich? Es gab mal Zeiten, in denen "Schalten Sie runter auf 30" im Fernsehen parallel zur passenden Waschmittelreklame lief und rote Standby-Lämpchen als bedrohlicher Gruß des Stromfresserteufels galten.) Stromfresser hat Deutschland aber auch künftig nicht mehr so gern. Regierungsziel ist es, den Primärenergieverbrauch bis Mitte des Jahrhunderts zu halbieren:

Diagramm mit drei Balken zeigt Primärenergieverbrauch in Deutschland in Petajoule für 2008 (fast 15000), 2021 (ca. 12000) und Ziel für 2030 (ca. 10.000) und 2050 (ca. 7500).
Bildrechte: MDR/Florian Zinner

Ein abermals bedeutender Stromfresser ist hierzulande die Industrie – Deutschland ist schließlich Industrienation. Immerhin ist es der Industrie gelungen, bei steigender Produktivität den Energieverbrauch leicht zu senken. Reicht natürlich noch nicht. Also, was nun? Fragen wir einen, der es wissen muss: Max Heeke ist Autor unseres Lesestücks "Wie kann die Industrie Energie sparen?".

Max, Wachstum ist angesagt, ein Rückgang der industriellen Leistung nicht grad im Trend: Wie soll man denn, gelinde gesagt, durchs Weiterfuttern abnehmen?

Auf dem Bild ist ein junger Mann zu sehen, der in die Kamera schaut.
Max Heeke Bildrechte: MDR

Max Heeke: Auch die Industrie kann warme Socken und Omas Strickpulli anziehen, um Energie zu sparen. Dazu haben Forschende verschiedene Industrien durchleuchtet: Wer mit Gas arbeitet, kann darauf achten, dass es in den Verteilnetzen und Leitungen keine Leckagen gibt und dass der Druck richtig eingestellt ist. Wer mit Baggern und Radladern arbeitet, kann sie salopp gesagt auch mal ausschalten (Feldversuche zeigen, dass diese Maschinen fast die Hälfte der Betriebszeit im Leerlauf sind). Und wer heizt oder kühlt, sollte das auch in der Industrie im richtigen Temperaturmaß machen. Spart alles nicht nur Energie, sondern auch Münzen und Scheine.

Das sind Ideen, die sich mit etwas gutem Willen sofort umsetzen lassen würden. Und was gibt’s für energiesparende Verheißungen mit Blick auf die Zukunft?

Das A und O ist das passende Energiemanagement. In der industriellen Produktion geht fast nichts ohne Prozesswärme oder Prozesskälte. Dabei fällt jede Menge Restenergie an, die bislang oft “verpufft” aber große Potenziale für die Energiegewinnung bietet. Daneben gibt es weitere Punkte: Kann Photovoltaik auf dem fabrikeigenen Gelände genutzt werden? Sind die Maschinen im richtigen Betriebsmodus? Wie sehr müssen Fabrikhallen beheizt oder gekühlt werden? Alle diese Fragen müssen Forschenden zufolge zusammengedacht werden. Am Ende kann dann mittelfristig eine “Smarte Fabrik” entstehen, in der Energieerzeugung, -speicherung und -verbrauch dauerhaft gemessen und gesteuert wird – mit extremen Einspareffekten.

Ohne politischen Druck wird’s nicht gehen. Was haben die Republik und Europa jetzt zu tun?

Gefördert wird in Deutschland bereits viel, es könnte aber auch noch mehr gefordert werden: Mehr als die Hälfte der EU-Staaten haben ein System eingerichtet, das Verbraucher/-innen und die Industrie zum Energiesparen verpflichtet – Deutschland macht da bislang noch nicht mit. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler denken im Zusammenhang mit dem Energiesparen noch einen anderen Weg: brauchen wir nicht eine viel stärkere gesellschaftliche Debatte darüber, was wir eigentlich produzieren wollen? Also weniger Autos, dafür mehr Busse und Bahnen um den Verkehr umzulenken; weniger Beton-Einfamilienhäuser, dafür mehr Gemeinschafts-Holzhäuser, weniger Kohle-/Gaskraftwerke, dafür mehr Photovoltaikanlagen auf Hausdächern. Und generell: weniger Ressourcen und fossile Energieträger einsetzen. Das ist dann aber verbunden mit kulturellen Veränderungen: weg vom materiellen Wohlstand, hin zu mehr “Zeitwohlstand”.

Hand aufs Herz: Auch wenn Max Heeke kein Stahlwerk ist, wie spart er Energie?

Warme Socken von Mutti tragen, dazu eine Schurwollweste, das spart die Heizung im Arbeitszimmer. Wasser im Wasserkocher statt auf dem Herd vorkochen. Fahrrad statt Auto fahren. Nur beim Duschen scheitert der innere Sparfuchs …

Max' ausführliche Notizen zum Thema lesen Sie hier:

🗓 Klima-Termine

BIS 30. APRIL

Um die Klimaerwärmung an einer stark frequentierten Stelle im urbanen Raum sichtbar zu machen, möchte das Bündnis "Leipzig fürs Klima" sogenannte Warming-Stripes (Klimastreifen) auf die Leipziger Sachsenbrücke pinseln lassen. Noch bis Ende des Monats sammelt die Gruppe Geld. Infos bei der Leipziger Zeitung.

BIS 31. JULI 🐝

Kleingärtnerinnen und -gärtner, die ihre Gärten bienen- und insektenfreundlich bepflanzen und Werbung für den Insektenschutz machen, winkt eine Auszeichnung beim Wettbewerb "Wir tun was für Bienen". Die Stiftung Mensch und Umwelt lobt insgesamt rund 10.000 Euro in Geld und Sachpreisen für bienenfreundlich gestaltete Blühflächen.

📰 Klimaforschung und Menschheit

WAS DER KAFFEE AM MORGEN MIT DEM ARTENSTERBEN IN AFRIKA ZU TUN HAT

Unser Konsum fördert das Artensterben in anderen Ländern, das zeigt eine Modellrechnung australischer Forscherinnen. Das Team analysierte die Situation von etwa 5000 bedrohten Spezies in 188 Ländern. Ergebnis: Rund 30 Prozent stehen unter Druck, weil in ihren Lebensräume Güter hergestellt werden, die Konsumenten in den reichen Ländern Nordamerikas und Europas nachfragen. Betroffen ist etwa die Madagassische Riesenratte, berichten die Forschenden in Scientific Reports. ZME Science fasst die wichtigsten Ergebnisse zusammen.

KLIMAWANDEL BEDROHT FLECHTEN IN TROCKEN-ÖKOSYSTEMEN

Die Erdüberhitzung bedroht Flechten, Mose und andere Mikrolebewesen, die global gesehen etwa zwölf Prozent der Erdoberfläche bedecken. Diese Biokruste spielt eine wichtige Rolle vor allem in trockenen und wüstenartigen Gegenden, wo sie Wasser speichert und Nährstoffe für Tiere und Pflanzen bietet. Obwohl Forschende erwartet hatten, dass Mikroorganismen gerade in solchen Gegenden eigentlich kein Problem mit Hitzestress haben sollten, zeigt eine neue Untersuchung von naturbelassenem Grasland im Canyonlands-Nationalpark im US-Bundesstaat Utah jetzt, dass bestimmte Flechten mit den steigenden Temperaturen immer seltener geworden sind. Mehr Details im Magazin Science.

ENERGIEWENDE: BÜRGER/-INNEN KÖNNTEN VIELE KRAFTWERKE SELBST BETREIBEN

Das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) hat untersucht, inwiefern Bürgerinnen und Bürger vom anstehenden Ausbau der Erneuerbaren direkt profitieren können. Demnach könnten bis zu neunzig Prozent der Deutschen im Rahmen des sogenannten Energy Sharings Energie-Gemeinschaften bilden und so Strom selbst erzeugen und vebrauchen. Bei entsprechender politischer Förderung könnten Bürger bis zu 42 Prozent des bis 2030 notwendigen Zubaus selbst übernehmen, heißt es in einem Bericht des Portals energiezukunft.de.

📻 Klima im MDR

👋 Zum Schluss

Möglicherweise steht Ihnen die Verwunderung ins Gesicht geschrieben, dass in dieser Ausgabe zwei Autoren über diesem Newsletter stehen. Dieser wöchentliche Service ist stets eine ganze Stange Arbeit (die wir äußerst gern für Sie erledigen, könnse glauben). Schade wäre es, wenn wir sie umsonst täten. Damit dieser Newsletter von noch mehr Menschen auch wirklich gelesen wird, wollen wir ihn – wie in den kommenden Wochen passiert – konsequent weiterentwickeln. Das klappt am besten ohne Elfenbeintürmchen und mit Ihrer Mithilfe. Schicken Sie uns Ihr Feedback, auch wie Sie diesen Newsletter lesen – Ihre Rückmeldung kommt an, versprochen. 💪

Passen Sie auf sich und die Welt auf.

Herzlichst
Florian Zinner

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