Covid-19 Kommentar: Mitmenschlichkeit gebietet Maskenpflicht bei schweren Coronawellen

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Die Möglichkeit einer verschärften Maskenpflicht, sollten viele Coronainfektionen wieder schwer verlaufen, erzürnt viele Nutzer im Internet. Deren schlichter Egoismus ist mitunter allgemeingefährlich.

Impfverweigerer demonstrieren gegen den Bayerischen Rundfunk.
Demonstration in München im Juni 2022: Bei Märschen gegen Coronaimpfungen wettern die Kritiker auch gerne gegen die Masken. Bildrechte: IMAGO / aal.photo

Das eine mal gleich vorweg: Ja, eine FFP2-Maske zu tragen ist nicht angenehm und auch OP-Masken sind nicht toll. Man kann nicht so gut atmen, der Stoff stört irgendwie im Gesicht und Brillenträger haben häufig das Problem, das oben austretende warme Atemluft hinter die Gläser strömt und sie beschlagen lässt. Kurz: Masken sind durchaus lästig.

Masken filtern mit Virenpartikeln vergleichbare Aerosole bei Experimenten zuverlässig

Aber: Mit vielen relativ einfachen Experimenten konnten Forscher während der Pandemie immer wieder zeigen, das gerade FFP2-Masken wirklich gut darin sind, Viren zurückzuhalten, wenn man sich selbst angesteckt hat und das noch nicht merkt. Denn viele mit Sars-CoV-2 infizierte Menschen verteilen bereits ein bis zwei Tage lang Viren, bevor sie erste Halsschmerzen bemerken. Und FFP-2 Masken können, einen korrekten, enganliegenden Sitz der Maske vorausgesetzt, sogar verhindern, dass im Raum herumschwirrende Viren in die eigenen Atemwege gelangen. Sprich: Man schützt sich mit einer Maske selbst.

Viele Forscherteams haben dazu Experimente gemacht mit kleinsten Luftpartikelchen – Fachbegriff Aerosole – die in etwa die Größe und die Eigenschaften von ausgeatmeten Virenpartikeln haben und dann nachgemessen: Kommen diese Partikel durch das enge Gewebe der Maske hindurch? Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Dynamik und Selbstorganisation kommen zu dem Ergebnis: Selbst wenn Infizierte und Nichtinfizierte 20 Minuten eng beieinanderstehen, ist das Ansteckungsrisiko gerade einmal 1 zu 1.000. Bei schlechtsitzender Maske steigt es auf 4 Prozent, was immer noch wenig ist.

Viele Forscherteams haben Wirksamkeit der Masken immer wieder bestätigt

Viele andere Teams kommen zu ähnlichen Ergebnissen, die Studien wurden in den renommiertesten Journalen der Wissenschaft veröffentlicht: Nature, Science, PNAS. Das bedeutet, die Daten und Experimente wurden von unabhängigen Forschern streng geprüft. Man darf also mit Fug und Rech behaupten: Das Masken vor einer Ansteckung mit Corona schützen, ist wissenschaftlich nachgewiesen. Ich selbst habe im vergangenen Jahr häufig die Erfahrung gemacht, dass mir meine Corona-App nach einer längeren Zugfahrt mitgeteilt hat, dass ich einem hohen Ansteckungsrisiko ausgesetzt war. Vermutlich hatte eine andere Person in meinem Zugabteil Corona. Ich hab jedoch immer eine Maske getragen und mich nie angesteckt, bis heute.

Neulich hat Bundesjustizminister Marco Buschmann von der FDP gesagt, bevor man Maskenpflichten wieder einführe, müssten erst die wissenschaftlichen Belege für deren Wirksamkeit neu geprüft werden. Indirekt legt Buschmann damit nahe, dass die Wirksamkeit von Masken unter Forschenden umstritten ist. Das ist sie nicht. Das habe ich in einem Beitrag für unser Nachrichtenportal noch einmal so zusammengefasst. Daraufhin erreichte uns ein gewaltiger Schwall von Leserzuschriften und Kommentaren. Einige davon haben sicher berechtigte Sorgen und Fragen zum Ausdruck gebracht, andere dagegen kann ich gar nicht anders lesen als einen Versuch, Mitlesende durch falsche Tatsachenbehauptungen zu verwirren und so den Schutz der öffentlichen Gesundheit aktiv zu sabotieren. Oder etwas drastischer ausgedrückt: Im Internet gibt es eine Menge geistige Brandstifter, die einfach Schaden anrichten und andere Menschen gefährden wollen.

Maskenkritik: Egoismus und gezielte Falschinformation sind brandgefährlich

Ein Beispiel. Bei Tagesschau.de behauptet jemand sinngemäß: "Wer daran glaubt, dass Masken vor Viren schützen, glaubt auch, dass der Gartenzaun vor Mücken schützt." Mücken, das weiß jeder, schlüpfen mühelos durch die Maschen im Zaun, weil sie viel kleiner sind. Das soll nun auch bei Masken und Viren so sein, behauptet die Kommentatorin. Einen Beleg liefert die Person nicht mit. Und die Ergebnisse der Forschung stellt sie damit einfach als unwahr dar. Ein lustiger, aber falscher Vergleich, das bleibt gerne hängen bei Menschen, die von Masken genervt sind und nach Argumenten dagegen suchen.

Ein Nutzer namens Soldat stellt Masken kurzerhand als "Symbol der Anerkennung der politischen Ideologie der Freiheitseinschränkung", dar. Das ist zumindest kaum falsch zu verstehen. Der Nutzer hält den Schutz der Menschen vor einem neuen Virus für schlichte Ideologie und vertritt damit umgekehrt die Position: Lasst die gefährdeten Leute doch sterben, meine Freiheit ist mir wichtiger. Dass er behauptet, selbst Teil der gefährdeten Gruppe zu sein, können wir nicht nachprüfen und halten es daher für den einfachen Versuch, sich etwas moralisches Kapital für eine sehr egoistische Position zu verschaffen.

Sogar die Wirksamkeit der Masken wird der Maskenpflicht vorgeworfen

Eine andere Nutzerin namens Astrodon stellt eine stetig wiederkehrende Frage vieler Menschen: Wie konnten sich die inzwischen rund 28 Millionen Menschen in Deutschland denn anstecken, wenn Masken vor einer Ansteckung schützen? Die naheliegende Antwort, weil sie Masken falsch aufsetzen oder zu immer zahlreicher werdenden Gelegenheiten gar nicht mehr tragen, mag sie sich nicht selbst geben. Aber auch davon abgesehen ist es nicht besonders logisch, eine Maßnahme zu verwerfen, wenn sie nicht 100-prozentigen Schutz bietet. Oder wer käme auf die Idee, sich nie wieder mit Sonnenschutz einzucremen, nur weil er nach ein paar eingecremten Stunden in der prallen Sonne eben doch einen Sonnenbrand bekommen hat? Es soll ja auch manches tödlich verunglückte Opfer eines Autounfalls angeschnallt gewesen sein, trotzdem würde keiner sagen, Autofahrer wären auch ohne Gurte und Airbags sicher unterwegs. Wie viel schlimmer eine Pandemie in diesem Land verlaufen wäre ohne Maskenpflichten, lässt sich umgekehrt auch nicht darstellen – Stichwort Präventionsparadoxon.

Trotzdem gibt es auch in der Realität außerhalb der Labore sichere Hinweise auf die Maskenwirksamkeit. Darauf baut folgendes Argument auf: Als die Maskenpflichten wegfielen, wurde das eigene Kind häufiger krank, als vor der Maskenpflicht. Klar, bei manchen Erregern wird die Immunabwehr schwächer, wenn sie länger keinen Kontakt mehr hatte. Als die allerstrengsten Maskenpflichten und Kontaktverbote fielen, bekamen viele Menschen – mich eingeschlossen – erst einmal eine Erkältung. (Ein klarer Beleg für die Wirksamkeit der Maßnahmen!). Nur: Wäre eine unkontrollierte Ausbreitung von Sars-CoV-2 in den ersten zwei Jahren der Pandemie wirklich die angenehmere Option gewesen, im Vergleich zu einer kleinen Ballung von Erkältungen jetzt?

Maskenpflichten in Notsituationen sind ein Gebot der Mitmenschlichkeit

Und zu guter Letzt zeigen Nutzer gerne diffus ins Ausland mit der Behauptung, wie diese Länder nur überleben konnten, obwohl es dort keine Maskenpflichten oder strengen Maßnahmen gab. So eine Behauptung ist ausreichend unscharf, dass sie sich praktisch kaum beantworten lässt. Man müsste jetzt genau schauen, welches Land da welche Maßnahmen wann ergriffen hat und wann nicht, schauen, wie gut die jeweiligen Effekte tatsächlich erfasst wurden oder nicht und so weiter. Das ist kaum zu leisten und auch wenig sinnvoll: Fast nirgendwo auf der Welt wurde Corona einfach ignoriert, auch nicht in Schweden. Dort wurde auf manche staatliche Regel verzichtet, weil Menschen einfach von sich aus bestimmte Hygieneregeln ergriffen.

Wie man es dreht und wendet, wer Maskenpflichten zur Eindämmung von Corona rhetorisch bekämpft, entscheidet sich für eine egoistische Position und gegen den Zusammenhalt und das Mitgefühl mit schwächeren Gruppen, die ohne den Schutz durch Maßnahmen einem höheren Risiko ausgesetzt sind, selbst schwer oder sogar tödlich zu erkranken. Masken tragen nervt vielleicht. In einer akuten Pandemie hilft es aber den Schwächeren. Daher ist eine Tragepflicht in Phasen, wo die Zahl schwerer Infektionen wieder zunimmt, nicht nur eine zumutbare Einschränkung des individuellen Komforts, sondern auch ein Gebot der Mitmenschlichkeit.

Auswahl von Studien, die die Wirksamkeit von Masken belegen

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