Virologie Studie: Affenpocken-Virus mutiert schneller als angenommen

Eine Studie über die ersten Genome der Affenpocken in Europa zeigt Erstaunliches. Das Virus ist eine klar neue Variante und mutiert schneller als normal.

Kranker Affe
Ein Studie gibt Aufschluss über den aktuellen Affenpocken-Ausbruch. Wie Forscher herausfanden, mutiert das Virus schneller als gedacht - auch bei einer Übertragung von Mensch zu Mensch. Bildrechte: actionpress/Berit Kessler

  • Affenpockenvirus mutiert schneller als gedacht
  • Mutationen auch bei Mensch-zu-Mensch-Übertragung
  • WHO entscheidet gerade über Ausrufung Notlage
  • Betroffene von Affenpocken sind bisher fast ausschließlich Männer
  • Studie simuliert besondere Verbreitung bei Personen mit häufig wechselnden Sexualkontakten
  • eine gezielte Aufklärung und Impfung von Risikogruppen könnte Ausbreitung eindämmen

Die Analyse des Affenpockenvirus gibt Forschern immer mehr Rätsel auf. Eigentlich galt der Krankheitserreger lange Zeit als sehr selten. Wie Wissenschaftler jetzt in einer Studie herausfanden, sind die Erreger des ersten großen Ausbruchs außerhalb von Afrika eine klare Mutante, die sich jedoch außergewöhnlich schnell verändert. Das schreibt eine Arbeitsgruppe um João Paulo Gomes vom portugiesischen nationalen Gesundheitsinstitut in einer Studie über die Genomdaten, die im Wissenschaftsmagazin "Nature" veröffentlicht worden ist.

"Der Virusstamm, der im Mai 2022 sequenziert wurde und mit dem aktuellen Ausbruch in Europa in Verbindung gebracht wird, ist ein klar abweichender Zweig von den Affenpockenviren des Ausbruchs 2018/19 in den Ländern Afrikas", heißt es in der Studie. Die Ergebnisse wiesen auch auf Mutationen in einer laufenden Evolution bei der Mensch-zu-Mensch Übertragung hin. Laut den Forschern könnte diese "anhaltende beschleunigte Evolution" auch die zunehmende Übertragung des Stammes in Europa erklären.

Positives Testergebnis für Affenpocken-Infektion
Bildrechte: IMAGO/Christian Ohde

Erster länderübergreifender Ausbruch im Frühjahr 2022

Affenpocken sind eine seltene Infektionskrankheit, die sich zwischen verschiedenen Arten, auch von Tieren auf Menschen, ausbreitet. Sie wird durch das Affenpockenvirus (MPXV) aus der Gattung der Orthopoxviren (zu ihnen gehört auch das Pockenvirus) verursacht. Die Affenpocken traten bislang vor allem örtlich begrenzt in den west- und zentralafrikanischen Ländern auf, seltene Berichte über Fälle außerhalb dieser Regionen werden mit der Einfuhr aus diesen Ländern in Verbindung gebracht. Bis zum Frühjahr 2022. Erstmals breiteten sich die Affenpocken-Viren länderübergreifend aus – auch in Europa. Weltweit wurden mehr als 3.000 Fälle bestätigt. (Stand: 24. Juni).

Das vom Institute of Tropical Medicine Antwerp zur Verfügung gestellte Foto zeigt Hautsymptome von Affenpocken-Patienten.
Affenpocken zeigen bei einer Erkrankung kleine Pusteln. Hier zeigt das Institute of Tropical Medicine Antwerp die Aufnahme von Hautsymptomen eines Patienten. Bildrechte: dpa

Wie kommen die Wissenschaftler zur Annahme der schnellen Mutation?

Um zu untersuchen, wie der Ausbruch Im Frühjahr 2022 begann, rekonstruierten João Paulo Gomes und Kollegen die Genomsequenzen des Affenpockenvirus (MPXV), das mit dem Ausbruch in Verbindung gebracht wurde. Ihr Ergebnis: Das MPXV aus dem Jahr 2022 gehört zum MPXV-Klon 3 und hat wahrscheinlich einen einzigen Ursprung. Es unterscheidet sich von den verwandten Viren aus den Jahren 2018 und 2019 durch etwa 50 Einzelnukleotid-Polymorphismen (das Auftreten mehrerer Genvarianten) oder genetische Variationen – das sind mehr als gewöhnlich für Orthopoxviren erwartet werden. Ein solch abweichender Zweig könnte nach Ansicht der Autoren eine laufende beschleunigte Evolution darstellen.

Eine Hand mit Pocken, darunter der Text: "So gefährlich sind Affenpocken wirklich" 1 min
Bildrechte: MDR/actionpress
1 min

Die Affenpocken haben Sachsen-Anhalt erreicht. Woran man die Krankheit erkennt und ob jetzt eine Pandemie droht, erklärt MDR-Redakteur Jan Schmieg kurz und knapp in 60 Sekunden.

MDR S-ANHALT Di 24.05.2022 17:00Uhr 00:50 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/video-so-gefaehrlich-sind-affenpocken-wirklich-100.html

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Mutationen während der Übertragung von Mensch zu Mensch

In weiteren Analysen fanden die Wissenschaftler tatsächlich auch Hinweise auf eine fortlaufende Evolution. Während der Übertragung von Mensch zu Mensch im Rahmen des aktuellen Ausbruchs analysierten sie 15 Einzelnukleotid-Polymorphismen, kleinere Varianten und den Verlust eines DNA-Abschnitts (Fachbegriff Gendeletionen).

These: Erhöhtes Risiko für Menschen mit wechselnden Sexualkontakten

Laut einer weiteren Studie könnte die Weitergabe des Virus von wenigen Infizierten mit überproportional vielen Sexualpartnern in kurzer Zeit vorangetrieben worden sein. Forschende um Sebastian Funk von der London School of Hygiene & Tropical Medicine haben anhand von Daten zu Personen mit häufig wechselnden Sexualkontakten den Beginn der Epidemie in Großbritannien modelliert und untersucht, wie schnell sich das Virus abhängig von der Anzahl und Häufigkeit an Sexualkontakten verbreiten kann. Ihr Modell kann erklären, weshalb das Virus gerade in MSM-Communities (men who have sex with men) mit häufigen sexuellen Wechselkontakten so schnell weitergegeben wird.

Betroffene fast ausschließlich Männer

Obwohl das Virus über engen Kontakt jede und jeden infizieren kann, handelt es sich bei den bisher Betroffenen laut Science-Media-Center fast ausschließlich um Männer, die über häufig wechselnden Sex mit anderen Männern berichteten. Daten des European Surveillance System (TESSy) zufolge, sind bisher 99,4 Prozent der Betroffenen Männer.

Nachweise in Plasma, Spermien und Fäkalien

Zwei unabhängige klinisch-virologische Untersuchungen von Affenpockenfällen in Deutschland und Italien ergaben dem Science Media Center zufolge, dass das Virus in Abstrichen der Haut, in genitalen und analen Läsionen, in Blutserum, Plasma, Samenflüssigkeit, Fäkalien und Nasen-Rachen-Abstichen nachgewiesen werden konnte.

"Affenpocken werden vergleichbar wie Chlamydien oder HPV durch Tröpfchen und enge Körperkontakte wie zum Beispiel durch Schmierinfektionen übertragen. Eine Übertragung durch Sperma ist fraglich, die Konzentrationen sind sehr niedrig und auch nicht bei allen bisher untersuchten Infizierten nachweisbar“, erklärte Professor Norbert Brockmeyer, Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft zur Förderung sexueller Gesundheit. "Besonders gefährdet sind Menschen mit häufig wechselnden unterschiedlichen engen Körperkontakten." Die Infektionsketten in Europa hätten nachweislich in der MSM-Community begonnen. Gefährdet seien auch Heterosexuelle mit häufig wechselnden Partnern.

Besonders gefährdet sind Menschen mit häufig wechselnden unterschiedlichen engen Körperkontakten.

Professor Norbert Brockmeyer Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft zur Förderung sexueller Gesundheit

Infektionen durch sexuellen Kontakt

"Ich halte die Ergebnisse der Studie für hoch relevant. Sie decken sich gut mit der klinischen Erfahrung, dass die Erkrankung bisher ausschließlich bei Männern mit wechselnden Sexpartnern auftrat", sagte Professor Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie an der Klinik I für Innere Medizin der Uniklinik Köln. Die Studie solle damit auch eine wichtige Grundlage für Prävention sein. Zudem sei wichtig, dass klar kommuniziert würde, dass die Infektion durch sexuellen Kontakt übertragen wird. "Personen mit häufig wechselnden Geschlechtspartnern sollten intensiv beraten werden – zum Beispiel durch Ärzte mit Schwerpunkt Infektiologie, Ambulanzen für Geschlechtskrankheiten oder Hausärzte“, sagte Fätkenheuer.

Affenpocken-Genom wurde erstmals 2018 sequenziert

Forscher sequenzierten das ursprünglich in den Ländern West- und Zentralafrikas auftauchenden Genoms erstmal 2018, nachdem es vorher in Singapur, Israel, Nigeria und Großbritannien auftauchte. In dieser Zeit wurde das Virus jedoch noch mit einer Einfuhr aus den afrikanischen Ländern in Verbindung gebracht. Der Affenpocken-Ausbruch im Frühjahr 2022 zeigte jetzt erstmals eine Vielzahl von Erkrankungen in Europa- und auch in Deutschland, die sich, wie die Forscher eben jetzt herausfanden, direkt übertragen können und dabei auch von Mensch zu Mensch mutieren. An insgesamt 47 Stellen im Erbgut unterscheidet sich das aktuelle Virus von dem Affenpockenvirus 2018.  

Evolutionspfad erkennen

Obwohl noch weitere Forschungsarbeiten erforderlich sind, tragen diese Ergebnisse dazu bei, den Evolutionspfad des Affenpocken-Ausbruchsstammes von 2022 zu erhellen, erklärten die Forscher. Die Genomsequenzierung gebe Aufschluss über die Verbreitung und Übertragung des Virus in seiner Evolution.

Stiko empfiehlt Pockenimpfstoff Imvanex

Um die Ausbreitung der Affenpocken in Hochrisikogruppen möglichst schnell einzudämmen, empfiehlt die Ständige Impfkommission den Pockenimpfstoff "Imvanex". Dieser sollte vor allem Menschen mit Infektionsrisiko und Kontaktpersonen vorbehalten werden. Laut dem Epidemiologische Bulletin 25/26 2022 betreffe diese Impfempfehlung einen für diese Indikation bisher nicht zugelassenen Impfstoff, der gegenwärtig über einen Sonderverteilungsweg zugänglich gemacht wird. Da der Impfstoff derzeit nur eingeschränkt verfügbar sei, solle er vorrangig Kontaktpersonen und Personen mit einer erhöhten Gefahr für einen schweren Verlauf – zum Beispiel bei Immundefekten – angeboten werden.

Gesundheitsministerium hat 240.000 Impfdosen bestellt

Das Gesundheitsministerium hat nach Angaben des Science Media Center zunächst 40.000 Impfdosen bestellt und für das zweite Halbjahr bei Bedarf weitere 200.000 Dosen. "Eine der Schwierigkeiten bei der Durchführung der Infektionskontrollmaßnahmen besteht derzeit darin, eine vollständige Liste der Sexualkontakte von Infizierten zu erhalten, um Schutzmaßnahmen einzuleiten", hieß es. Das sei eine der Herausforderungen, die auch zu Beginn der HIV-Epidemie aufgetreten sei.

Impfausweis mit Schriftzug Affenpocken und Impfspritze, Impfstoff gegen Affenpocken
Die Ständige Impfkommission in Deutschland empfiehlt den Pockenimpfstoff "Imvanex". Er sei jedoch nur eingeschränkt verfügbar und soll vorerst vor allem Risikopersonen vornehalten werden. Bildrechte: IMAGO / Christian Ohde

Links/Studien

João Paulo Gomes, National Institute of Health Doutor Ricardo Jorge (INSA), Lisbon, Portugal
DOI10.1038/s41591-022-01907-y
Noe S et al. (2022): Clinical and virological features of first human Monkeypox cases in Germany. Research Square.
DOI: 10.21203/rs.3.rs-1725831/v1.
Hinweis der Redaktion: Es handelt sich hierbei um eine Vorabpublikation, die noch keinem Peer-Review-Verfahren unterzogen und damit noch nicht von unabhängigen Experten und Expertinnen begutachtet wurde.
Antinori A et al. (2022): Epidemiological, clinical and virological characteristics of four cases of monkeypox support transmission through sexual contact, Italy, May 2022. Eurosurveillance.
DOI: 10.2807/1560-7917.ES.2022.27.22.2200421

(kt)

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