Medizin und Kosten Mehr Geld heilt Krebs nicht besser

Die USA geben unter den Industrieländern das meiste Geld für Krebsbehandlungen aus. Das hat jedoch kaum Einfluss auf das Ergebnis. Andere Länder erzielen mit weniger Einsatz bessere Behandlungsergebnisse.

Vom Anatomie-Saal in den OP. Fachärztinnen und Fachärzte lassen sich von Gynäkologe Prof. Michael Höckel an einer Körperspende schulen. Er stellt seine neue Krebs-Behandlung vor.
Krebsbehandlungen sind oft mit viel Technik, teuren Medikamenten oder aufwändigen Operationen verbunden. Hier stellt Gynäkologe Prof. Michael Höckel (vorn rechts) in Leipzig eine neue Krebstherapie vor. Bildrechte: MDR/werkblende/Jan Siegmeier

"Unser System wird dafür gerühmt, dass es neue Behandlungen entwickelt und sie den Patienten schneller zur Verfügung stellt als andere Länder." So beschreibt Ryan Chow, ein Doktorand an der Yale University in New Haven (Connecticut/USA) und Mitautor der Studie, den Ausgangspunkt der Forschung. Und tatsächlich lässt sich das auch in Zahlen ausdrücken. So geben die USA nach aktuellen Berechnungen doppelt so viel pro Patient aus. 200 Milliarden Dollar werden in den Vereinigten Staaten derzeit jedes Jahr für die Krebsbehandlung ausgegeben, "etwa 600 Dollar pro Person, im Vergleich zu durchschnittlich 300 Dollar pro Person in anderen Ländern mit hohem Einkommen", sagt Cary Gross. Er ist Hauptautor der Studie und Professor für Medizin ebenfalls in Yale.

Frühere Studien waren zu dem Schluss gekommen, dass diese Kosten gerechtfertigt seien. Die Forschenden waren skeptisch. Cary Gross: "Wir wollten wissen, ob die erheblichen Investitionen der USA in die Krebsbehandlung tatsächlich mit besseren Behandlungsergebnissen verbunden sind." Dafür untersuchten sie die Ausgaben für Krebsbehandlungen in den USA und weiteren 21 Industriestaaten, von Australien über Deutschland bis zur Schweiz und dem Vereinigten Königreich (die komplette Liste finden Sie am Ende des Artikels).

Die Ergebnisse waren eindeutig. Die nationalen Ausgaben für die Krebsbehandlung standen in keinem Zusammenhang mit der Krebssterblichkeitsrate auf Bevölkerungsebene. "Mit anderen Worten: Länder, die mehr für die Krebsbehandlung ausgeben, haben nicht unbedingt bessere Ergebnisse bei Krebs", so Chow. Sechs der untersuchten Länder – Australien, Finnland, Island, Japan, Südkorea und die Schweiz – wiesen eine geringere Krebssterblichkeit aus, bei niedrigeren Ausgaben im Vergleich zu den Vereinigten Staaten.

Faktor Rauchen verschlechtert die Bilanz der USA noch weiter

Da Rauchen immer noch einer der stärksten Risikofaktoren für Krebssterblichkeit ist (in Deutschland bei Männern die häufigste und bei Frauen nach Brustkrebs die zweithäufigste Krebstodesursache), untersuchten die Forschenden diesen Aspekt gesondert. Denn die Raucherquote war in den Vereinigten Staaten im Vergleich zu anderen Ländern schon immer niedriger. Unter Berücksichtigung dieser Zahlen, ergab sich eine noch schlechtere Bilanz für die USA. Danach unterschieden sich die Krebssterblichkeitsraten in den USA nicht von denen des Durchschnitts der Länder mit hohem Einkommen wie etwa Deutschland, während neun Länder – Australien, Finnland, Island, Japan, Südkorea, Luxemburg, Norwegen, Spanien und die Schweiz – eine niedrigere rauchbereinigte Krebssterblichkeit aufwiesen als die USA.

Angesichts der Diskussionen über hohe Kosten für medizinische Versorgung auch in Deutschland klingen die Aussagen, die das Forschungsteam für die USA trifft, seltsam vertraut. "Das Muster, mehr auszugeben und weniger zu bekommen, ist im US-Gesundheitssystem gut dokumentiert; jetzt sehen wir es auch bei der Krebsbehandlung", so Mitautorin Elizabeth Bradley, Präsidentin des Vassar College und Professorin für Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft. "Andere Länder und Systeme können den USA viel beibringen, wenn wir offen für Veränderungen sind."

Zehn Köpfe zeigen die Krebsstatistik
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Krebsbehandlung: Länder und Zahlen

Die Forschenden untersuchten folgende Länder für das Jahr 2020: Australien, Österreich, Belgien, Kanada, Dänemark, Finnland, Frankreich, Deutschland, Irland, Island, Italien, Japan, Südkorea, Luxemburg, Niederlande, Neuseeland, Norwegen, Spanien, Schweden, Schweiz, Vereinigtes Königreich

Spanien gab pro Kopf und Jahr mit 132 Dollar am wenigsten für Krebsbehandlungen aus, die USA mit 584 Dollar am meisten, Deutschland liegt mit 370 Dollar im oberen Mittelfeld. Die Mortalität, also die Todesfälle durch Krebs waren jedoch in Spanien mit 90,3 Fällen auf 100.000 Einwohner nur unwesentlich höher als in den USA mit 86,3 Fällen. Deutschland liegt auch hier im oberen Mittelfeld, mit 102,3 Fällen auf 100.000 Einwohner. Am besten steht unter den 22 untersuchten Ländern Südkorea da (75,5), am schlechtesten Dänemark (113,7).

Links/Studien

Die Studie Ryan D. Chow et.al. "Comparison of Cancer-Related Spending and Mortality Rates in the US vs 21 High-Income Countries" ist in JAMA Health Forum erschienen.

gp

Illustration - Bauchspeicheldrüse 3 min
Bildrechte: imago/Science Photo Library
Kind malt im Spielzimmer eines Krankenhauses 3 min
Bildrechte: IMAGO / ITAR-TASS
3 min

Chemotherapie oder Bestrahlung: So wurden bisher Kinder mit Krebs behandelt. Eine Studie hat jetzt gezeigt, dass ein Medikament, das bisher nur Erwachsenen bekamen, auch erkrankten Kindern helfen kann.

MDR AKTUELL Di 16.11.2021 17:34Uhr 03:16 min

https://www.mdr.de/wissen/krebsbehandlung-kinder-tablette-statt-bestrahlung100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio
Computergrafik: Eine Zelle (dendritische Boten-Zelle) mit wellenförmiger, wabbeliger Oberfläche, an die blau-glänzende, umherschwirrende, kugelige T-Killerzellen teilweise angedockt sind, Hintergrund schwarz. 3 min
Eine dendritische Boten-Zelle informiert T-Killerzellen (Illustration) Bildrechte: imago/Science Photo Library
404 Not Found

Not Found

The requested URL /api/v1/talk/includes/html/69c927d1-f497-4d2e-a713-284f4d218ce0 was not found on this server.