Hirnforschung in Leipzig Psychologische Zeit: So funktioniert die Brücke für unsere Erinnerungen

Wo waren Sie heute vor einer Woche zwischen acht und neun Uhr abends? Wenn Verdächtige so nach einem Alibi gefragt werden, ist ihnen geraten, sich gut zu erinnern. Doch wie schafft
unser Gehirn das nach so vielen Tagen? Das haben Jacob Bellmund und Christian Doeller vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften erforscht: Wir bauen uns dazu gedankliche Brücken durch eine konstruierte psychologische Zeit.

Kleiner Junge, der im Park ein Foto mit der Kamera macht.
Erinnerung. Technisch nur ein Klick auf den Fotoapparat. Aber wie macht das Gehirn das? Bildrechte: imago images/YAY Images

Wenn wir uns erinnern wollen, wann wir wo gewesen sind, orientieren wir uns an verschiedenen Informationen, die wir miteinander kombinieren, erklärt Jacob Bellmund, Erstautor der Studie. Wir überlegen: Vor einer Woche war Samstag, da gehe ich zum Sport und treffe mich später mit Freunden. Zwischendurch gehe ich nach Hause, um mich umzuziehen, also werde ich wohl zwischen acht und neun Uhr abends zu Hause gewesen sein. Diese gedanklichen Brücken haben die Forscher näher betrachtet.

Hilft eine innere Uhr, sich zu erinnern?

Aus einer früheren Studie wussten die Forscher, dass Ereignisse, die zeitlich eng beieinanderliegen, auch ähnlich im Gehirn abgespeichert werden. Aber nutzt es dafür eine Art "innere Uhr" oder ist es ein psychologischer Effekt, der für die Zeiteinschätzung wichtig ist? Um das herauszufinden, zeigten sie Studienteilnehmern Screenshots aus dem Onlinespiel "Die Sims". Dort waren Ereignisse abgebildet, die zeitunabhängig im Alltag passieren, wie zum Beispiel den Kühlschrank öffnen, putzen oder Kicker spielen. Die Probanden sollten einschätzen, wann welches Ereignis stattgefunden haben könnte. Im Hintergrund simulierte eine Uhr die ablaufende "virtuelle", also nicht reale Zeit. Gelegentlich war sie für die Teilnehmer einen Moment lang zu sehen, so als ob sie kurz auf eine Armbanduhr schauen würden. Später mussten sie schätzen, wann welches Ereignis geschehen war. Die Uhr wurde jedoch von den Wissenschaftlern manipuliert, lief mal schneller, mal langsamer.

Virtuelle Zeit formt Erinnerungen

"Im Durchschnitt verschätzten die Teilnehmer sich nur um eine Stunde – statistisch konnten wir dann zeigen, dass es die virtuelle, die psychologisch konstruierte Zeit ist, die unsere Erinnerungen formt, nicht die tatsächlich ablaufende Zeit", fasst Bellmund die Ergebnisse zusammen. Um zu sehen, was bei diesem Prozess des Erinnerns in unserem Gehirn geschieht, wurde die Aktivität des Hippocampus als zentralem Speicherort von Erinnerungen im MRT-Scanner untersucht. Die Forscher konnten anhand der Aktivitätsmuster sehen, dass verschiedene Ereignisse, die zeitlich nahe beieinanderliegen, ähnlich abgespeichert werden – im Gegensatz zu Ereignissen, die zeitlich weiter auseinanderliegen.

Unser Gehirn ordnet also verschiedene Erinnerungen auf der gleichen Zeitleiste an.

Jacob Bellmund, Neurowissenschaftler

Dadurch lerne das Gehirn sehr effizient, so Jacob Bellmund. Doch diese Generalisierung habe auch ihre Tücken. "Das kann auch dazu führen, dass man einzelne Erinnerungen miteinander vermischt und damit die Schätzung für einen bestimmten Tag beeinflusst." Bezogen auf das Alibi-Beispiel: Vielleicht war der Befragte am Samstag vor einer Woche zwischen acht und neun Uhr gar nicht zu Hause, weil der Sportkurs ausgefallen ist, er sich gar nicht umziehen musste, sondern gleich zu Freunden gehen konnte? Er glaubt es aber, weil es sonst immer so ist. Bei Krankheiten wie Alzheimer nimmt dieses Vermischen möglicherweise noch zu, weil die Patienten die einzelnen Ereignissequenzen nicht mehr so gut auseinanderhalten können. Aus diesem Grund möchte sich das Forscherteam unter der Leitung von MPI-Direktor Christian Doeller in Zukunft das Zeitgedächtnis auch bei Alzheimer-Patienten genauer ansehen.

Links/Studien

Jacob L. S. Bellmund, Lorena Deuker, Nicole D. Montijn, Christian F. Doeller "Mnemonic construction and representation of temporal structure in the hippocampal formation”, erschienen in Nature Communications

krm

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