Ernährung Guter Score für Nutri-Score: Super gegen Fett und Zucker. Verstand braucht's trotzdem

Der Nutri-Score bzw. die Nährwertampel soll ungesunde Lebensmittel auf einen Blick erkennbar machen. Zumindest in süßer Hinsicht wurde dieser Nutzen jetzt wissenschaftlich untermauert. Für gesunde Ernährung braucht es aber mehr als eine bunte Skala von A bis E.

Nahaufnahme einer Packung mit einer Art Knäckebrot und Vegan-Label sowie Nutri-Score. Wird von Hand gehalten, Hintergrund unscharf. Bild abgedunkelt. Nutri-Score noch einmal groß ins Bild montiert mit Verlaufslinie zur Originalstelle auf Verpackung. Nutriscore enthält die Buchstaben A bis E nebeneinander, jeder Buchstabe mit Farbe im Verlauf der Ampelfarben von Grün über Gelb nach Rot.
Mit einer Art veganem Knäckebrot lässt sich der Nutri-Score zufolge offenbar nicht viel falsch machen. Bildrechte: MDR WISSEN, IMAGO/photothek (M)

  • Nutri-Score überzeugt durch einfache Handhabung und verlässlichen wissenschaftlichen Background
  • insbesondere für verarbeitete Lebensmittel gutes Kontrollmittel
  • Lebensmittelampel reicht nicht, um gesunde Ernährung sicherzustellen


Dass die Deutschen bunte Siegel auf ihren Lebensmittelpackungen lieben, hat die dahinterstehende Industrie schon vor Jahren wohlwollend zur Kenntnis genommen: Neben durchaus berechtigten Logos (z.B. verschiedene Bio-Siegel oder solche für fair gehandelte Produkte), gesellen sich immer wieder die abenteuerlichsten Auszeichnungen dazu – teilweise sogar Stempel, die vom Hersteller selbst kreiert wurden, im Kühlregal stinkt Eigenlob eben nicht. Jüngst hat sich eine neue Kennzeichnung in den Supermarktregalen breit gemacht, von der man sich wieder mehr Hand und Fuß versprechen darf.

Der Nutri-Score, deutsch auch Lebensmittelampel, ist eigentlich mehr eine Skala als ein Siegel. Ausgestattet mit einem flotten Farbverlauf und den fünf ersten Buchstaben des lateinischen Alphabets soll sie Verbrauchenden einfacher denn je klarmachen, wie viel Gutes oder Schlechtes sie ihren Körpern mit dem ausgewiesenen Lebensmittel zuführen (oder dem Körper ihrer Zöglinge). Und Vereinfachung hat auch immer ihre Schattenseiten, dazu später.

Rückhalt in der Bevölkerung für Ampel-Verpackungen

Zunächst lässt sich sagen: Die Nährwertampel ist, nach anfänglicher Skepsis, mittlerweile sowas wie irische Butter im Kühlregal oder das Weizenteilchen aus dem Brötchenknast: Ein Selbstläufer im Supermarkt schlechthin, der drauf und dran ist, bald fest dazuzugehören. Ein saftig grünes A ist super, ein tiefrotes E deutet hingegen auf einen ungesunden Lustkauf hin – das versteht jede Verbraucherin und jeder Verbraucher. Mittlerweile findet sich die Einordnung, wohlgemerkt als europäische Lösung, auf vielen Lebensmittelverpackungen – vom Markenprodukt bis hin zur Discounter-Eigenmarke. Vor allem hat die Nährwertskala Anerkennung in der Bevölkerung gefunden: Eine Umfrage des Marktforschungsinstitut Appino bescheinigte dem Nutri-Score bereits 2020 einen großen gesellschaftlichen Rückhalt – über achtzig Prozent wünschen sich eine verpflichtende Kennzeichnung.

Gute Noten gibt's jetzt auch aus der Wissenschaft: Forschende aus Göttingen haben untersucht, wie gut Verbrauchende mit der Nährwertampel klarkommen und inwieweit sie ihr Einkaufsverhalten beeinflussen kann. Dabei nahmen sie den Zuckergehalt eines Produkts ins Visier. Für Kaufwillige ist es nicht immer einfach, richtig einzuschätzen, ob ein Produkt viel oder wenig Zucker enthält und vor allem wie bedenklich es gegenüber vergleichbaren Produkten aus einer Kategorie ist. Das liegt auch an galanten Marketing-Versprechen à la "ohne Zuckerzusatz" oder "weniger süß".

Süß ist, was die Ampel sagt

In einer Umfrage sollten gut 1.100 Probandinnen und Probanden fiktive Verpackungen von Instant-Cappuccino, Hafermilch und Knusper-Müsli bewerten. In ihrer Auswertung konnten die Forschenden zum einen bestätigen, dass Marketing-Angaben zum Zuckergehalt tatsächlich den Eindruck erweckten, ein Produkt sei gesünder. Zum anderen zeigten die Ergebnisse, dass der Nutri-Score half, den wahren Zuckergehalt besser zu hinterschauen.

Drei einfache Grafiken von fiktivem Instant-Cappuccino, Haferdrink und Knuspermüsli. Produkte haben Hinweise wie "weniger süß" oder "ohne Zuckerzusatz"; Lebensmittelampel zeigte Werte zwischen B und C.
Die "Testprodukte" der Untersuchung – damit es zu keinen voreingenommenen Ergebnissen kommt, stammt das Knuspermüsli besser von der Müslimacher GmbH. Bildrechte: Jürkenbeck et al., 2022, PLOS ONE, CC-BY 4.0

Und sich damit automatisch besser zu ernähren? Ne, nicht automatisch: "Der enthaltene Zucker in einem Lebensmittel ist nur ein Teilaspekt, welcher in die Nutri-Score-Berechnung einfließt. Sicherlich ist der Zuckeranteil eines Lebensmittels ein wichtiger Aspekt, da der Zuckerkonsum insgesamt deutlich zu hoch ist." Das sagt Kristin Jürkenbeck gegenüber MDR WISSEN. Sie beschäftigt sich an der Uni Göttingen u.a. mit Lebensmittelmarketing und dem Verhalten von Verbrauchenden und ist eine der Autorinnen und Autoren der Studie. "Die anderen Aspekte dürfen jedoch nicht außer Acht gelassen werden. Die weiteren Aspekte, welche in die Nutri-Score-Berechnung einfließen – wie zum Beispiel der Kalorien-, Salz-, Ballaststoff- oder auch Eiweißgehalt – sind für eine gesunde Ernährung genauso wichtig."

Nutri-Score statt Fremdwörterbuch

Der Nutri-Score ist eine freiwillige und eigenverantwortliche Angabe der Herstellenden, aber klar geregelt. Wer die Ampel-Skala auf die Verpackung bringen möchte, darf das zunächst nicht ausschließlich bei Produkten tun, die gut abschneiden, sondern muss stets die gesamte Produktpalette berücksichtigen. Auch wenn der Müsliriegel dann ein zinnoberrotes E bekommt und sich herausstellt, dass er kein Nahrungsmittel, sondern ein ausgesprochenens Naschwerk voller Fett und Zucker ist. "Die Berechnung des Nutri-Scores basiert auf einem Berechnungsmodell, das von Wissenschafler:innen der Universität Oxford entwickelt wurde und das in der Wissenschaft als zuverlässig gilt", so Kristin Jürkenbeck. "Im Vergleich zur gesetzlich vorgeschriebenen Nährwertkennzeichnung fließen mehr Aspekte in die Bewertung."

Die Forschung zeigt klare Vorteile gegenüber anderen Nährwertkennzeichnungen.

Kristin Jürkenbeck Universität Göttingen
Frontales Porträt Junge Frau mit schulterlangen, glatten blonden Haaren, Oberteil mit Feder-Illustrationen, darüber Anzugjacke.
Dr. Kristin Jürkenbeck Bildrechte: Juliane Fellner

Als Faustregel gilt: Der Nutri-Score ist dort sinnvoll, wo auch eine gesetzliche Nährwerttabelle vorgeschrieben ist. Das ist insbesondere bei (hoch-)verarbeiteten Lebensmitteln der Fall. Während bei einer Pampelmuse oder einem Bund Radieschen die gesundheitsfördernde Wirkung klar ersichtlich sein sollte, ist sie das kaum bei Zutatenlisten in Fremdwörterbuchmanier. Und weil gesetzliche Nährwerttabellen eher unattraktive Etiketten-Prosa sind, schafft der Nutri-Score eine Art Erst-Orientierung: "Die Forschung zeigt klare Vorteile gegenüber anderen Formen der Nährwertkennzeichnung. Ein weiterer Vorteil ist auch, dass mehr Menschen erreicht werden – auch Gruppen mit wenig ernährungsbezogenem Vorwissen", erklärt Kristin Jürkenbeck.

Und führt zu manch absurdem Ergebnis: Käse etwa bekäme auf Grund des hohen Fett- und Salzgehaltes nach der grundlegenden Berechnung eher ein E. Das Modell musste für bestimmte Warengruppen angepasst werden, so dass etwa Käse – wenn man nicht gerade auf einzeln folierte Scheibletten zurückgreift –, ein eher naturnahes, wenig verarbeitetes Produkt, nun immerhin in Richtung C anlandet. Auch die Honorierung des Balaststoffgehalts sei eine Baustelle des Nutri-Scores, sagt Kristin Jürkenbeck: "Dieser wird nur bis zu einem Gehalt von 4,7 Gramm pro hundert Gramm Lebensmittel positiv berücksichtigt, was zum Beispiel dazu geführt hat, dass die Nährwertvorteile von Vollkornbroten gegenüber Broten aus Auszugsmehl [helles Weizenmehl Type 405, Anm. d. Red.] nicht hinreichend abgebildet werden konnten."

Wer sich nur von grünen Nutri-Score Produkten ernährt, ernährt sich nicht automatisch gesund.

Kristin Jürkenbeck Universität Göttingen

Gleichzeitig prangt auf mancher an Kinder gerichteten Cerealien-Packung plötzlich ein lindgrünes Nutri-B. Ab sofort also kräftig Schokoknusperkugeln schaufeln, alles für eine gesunde Entwicklung des Kindes? Sicher nicht. Reduzierte Zucker- und Fettmengen oder der Umstieg auf Vollkorn können in so einem Fall für das gute Ergebnis gesorgt haben, was nichts daran ändert, dass sie im Grunde ein zünftiges Naschwerk sind. Zudem liefert der Nutri-Score insbesondere Orientierung hinsichtlich der Nährwerte innerhalb einer Produktgruppe: Also wenn ich schon klebrige Cerealien kaufe, dann doch solche mit einem B statt mit einem C.

Jetzt müssen sich alle richtig Mühe geben

Dabei hat die neue Lebensmittelampel noch einen interessanten Nebeneffekt: Dass Herstellende einen möglichst attraktiven Buchstaben auf die Verpackung drucken möchten, steht außer Frage, betont Ernährungsexpertin Sabine Schütze bei SWR Marktcheck. "Das ist genau der Punkt: Dass die Hersteller in Hinblick auf den Nutri-Score die Rezepturen schon geändert haben, so dass sie besser dastehen – das ist ja schließlich auch eine gute Werbung." Eine, die sich in der Cerealienbranche möglicherweise bereits rumgesprochen hat.

Trotzdem, mahnende Worte von Kristin Jürkenbeck: "Für einen gesunden Lebensmitteleinkauf sollten aber Obst und Gemüse im Einkaufswagen landen. Wer sich nur von grünen Nutri-Score Produkten ernährt, ernährt sich nicht automatisch gesund. Hinzu kommt, dass der Nutri-Score bisher von vielen Herstellern nicht genutzt wird, da es sich derzeit um eine freiwillige Kennzeichnung handelt. Für Verbraucher:innen sind Produktvergleiche dadurch schwieriger."

Neben der Tatsache, dass eine ausgewogene, naturnahe Ernährung mit möglichst un- oder wenig verarbeiteten Produkten entscheidend ist und auch gesundheitsschädliche Aspekte der Lebensmittelindustrie, z.B. Pestizidbelastung und Anbaubedingungen, nicht berücksichtigt werden, ist eine gesunde Ernährung dann am gesündesten, wenn Lebensmittel so nachhaltig wie möglich produziert werden: Denn eine gesunde Natur kommt auch der Menschheit zu Gute, irgendwann zumindest. Wem das nicht reicht, der male sich auf die rote Biotomate aus regionalem Anbau vor Verzehr einfach ein grünes A.

Link zur Studie

Die Studie “Nutri-Score” label may counter misleading sugar claims on groceries erschien im August 2022 in PLoS ONE.

DOI: 10.1371/journal.pone.0272220