Umwelt Hunderte Millionen Tonnen Plastikmüll – allein im Atlantik

Dass es in den Ozeanen ein Problem mit Plastikmüll gibt ist nichts Neues. Das Ausmaß, das eine neue Studie jetzt beschreibt, aber schon. Denn gerade die Mengen an Mikroplastik wurden bisher nicht gemessen.

Seitenansicht Unterwasserfoto einer Seeschildkröte, die nach einem Plastikbecher schnappt. Im Hintergrund schwimmt weiterer Müll im blauen Wasser.
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Manchmal denkt man, dass es schlimm ist und plötzlich kommt's noch schlimmer. Die Müllberge an Plastik in den Weltmeeren sind verheerend, das ist soweit bekannt. Wie eine Studie, die jetzt im Fachjournal Nature Communications veröffentlicht wurde, aber zeigt, befinden sich viel mehr Kunststoffe im Ozean als bisher angenommen.

Und wieso auf einmal? Katsiaryna Pabortsava vom britischen National Oceanography Center: "Frühere Studien hatten nicht die Konzentrationen von 'unsichtbaren' Mikroplastikpartikeln unter der Meeresoberfläche gemessen", so die Hauptautorin der Studie. "Unsere Forschung ist die erste, die das über den gesamten Atlantik von Großbritannien bis zu den Falklandinseln gemacht hat." Bei ihrer Forschung einmal 10.000 Kilometer schräg von Europa nach Übersee hat das Team das Vorkommen von drei besonders häufigen Plastiktypen analysiert. Polyethylen, Polypropylen und Polystyrol heißen die und machen weltweit die Hälfte des Kunststoffabfalls aus. Die Messungen fanden an zwölf Stationen statt, pro Station wurden Proben aus drei verschiedenen Tiefen entnommen.

Damit bestätigen Pabortsava und ihr Team Untersuchungsergebnisse des Leipziger Helmholtz Zentrums für Umweltforschung (UFZ). Erste Auswertungen von Proben einer UFZ-Untersuchung im Pazifik zeigten ebenfalls, dass vor allem Polyethylen das Problem ist.

Forschungsschiff Sonne 4 min
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Die Forschenden haben sich dabei auf Plastikmüll konzentriert, den man im Grunde gar nicht sieht – was ihn besonders tückisch macht. In der Untersuchung wurden nur Kunststoffe bis zu einer Größe von 25 Mikrometern analysiert. Das ist weniger als die Hälfte der Größe eines menschlichen Spermiums und weniger als ein Drittel der Dicke eines Blatt Papiers. Kein Wunder also, dass der Atlantik nach wie vor so schön blau schimmert als sei nix. Der Müll ist praktisch unsichtbar.

200 Millionen Tonnen – mit nur drei Sorten Plastik

Dabei sind die Mengen gewaltig: Pabortsava und ihr Team kommen auf 12 bis 21 Millionen Tonnen. In den oberen 200 Metern wohlgemerkt. Nur ist der Atlantik eben tausende Meter tief. Studien-Co-Autor Richard Lampitt: "Wenn wir annehmen, dass die Konzentration von Mikroplastik, die wir in einer Tiefe von etwa 200 Metern gemessen haben, repräsentativ für die Konzentration der Wassermasse bis zum Meeresboden mit einer durchschnittlichen Tiefe von etwa 3.000 Metern ist, dann könnte der Atlantik etwa 200 Millionen Tonnen Plastikmüll in dieser Plastikart in dieser Größe enthalten. Dies ist viel mehr, als angenommen wurde."

Poly… bitte was?

Polyethylen, Polypropylen und Polystyrol – für die meisten schlicht Plaste oder Plastik – sind Kunststoffe, die besonders häufig vorkommen. Der Wortstamm Poly stammt von den Polymeren. Das sind Stoffe, die aus sehr großen Molekülen bestehen und die Basis für Kunststoffe bilden. Polyethylen, kurz PE, ist das mit Abstand am häufigsten verwendete Plastik und kommt insbesondere in Verpackungen vor. Auf Platz zwei steht Polypropylen (PP), das PE ähnelt, aber etwas härter und hitzebeständiger ist. Polystyrol (PS) ist der vierthäufigste Stoff, ihn kennt man aus Joghurtbechern oder Schaumstoffen. Andere bekannte Kunststoffe sind Polyethylenterephthalat – Stichwort PET-Flasche – oder Polyvinylchlorid (PVC) für Schallplatten oder Bodenbeläge. Abgesehen von biologisch abbaubaren Kunststoffen eint alle das Problem der Entsorgung.

So sind Unternehmungen wie The Ocean Cleanup zwar Meilensteine im Umweltaktivismus, aber trotzdem unzureichend. Und gerade die aus Mikroplastik resultierenden ökologischen Schäden sind noch gar nicht absehbar. Um das herauszufinden, müssen eine Reihe von Faktoren berücksichtigt werden. Der erste Schritt ist aber eine Schätzung, wie viel von dem Material in die Weltmeere gelangt. Richard Lampitt:

Dieses Papier zeigt, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst den einfachsten dieser Faktoren – wie viel es gibt – völlig unzureichend verstanden haben und es scheint, dass die Schätzmenge, wie viel in den Ozean abgeladen wird, massiv unterschätzt wurde.

Richard Lampitt National Oceanography Center

Grundsätzlich ist es natürlich am günstigsten, wenn erst gar kein Plastik, ob Mikro oder nicht, ins Meer gerät. Recycling heißt das Zauberwort, das Kunststoffmüll eine Wiedergeburt bescheren soll. Dass das nicht so einfach ist, zeigte zuletzt eine Studie im Juli: Fast die Hälfte der sortierten (!) Plastikabfälle aus europäischen Ländern werden in südostasiatische Staaten exportiert. Dort seien Wiederverwertungs- und Entsorgungssysteme jedoch unterentwickelt. Die Folge: Der Müll aus Europa landet teilweise im Meer. Erst vergangenen Sommer wurde das Ausmaß in Malaysia bekannt – als Müllkippe der Welt, zumindest Europas. Und wer sagt, dass es tatsächlich europäischer und gar deutscher Müll ist, der in Übersee Land und Meer verdreckt? Nun, solange es sich nicht um Mikroplastik handelt, steht das praktischerweise auf der Verpackung:

Das liefert auch einen bitteren Beigeschmack, wenn es darum geht, dass Deutschland sich gern als Recyclingweltmeister brüstet. Nur 17 Prozent werden tatsächlich nachvollziehbar recycelt. Gerade bei Hausabfällen ist das ein schwieriges Unterfangen, weil die Materialverbindungen von Verpackungen nicht mehr getrennt werden können. (Machen Sie bitte künftig wenigstens den Deckel vom Joghurtbecher ab.) Immerhin: In Freiberg entsteht beim Helmholtz-Institut für Ressourcentechnologie gerade eine Versuchsanlage, die die Sortierung von Müll viel effektiver machen will. Außerdem arbeiten dort Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler daran, Stoffe wieder zu trennen, um sie wiederzuverwerten. Bis dahin hilft vor allem: Wenig Plastikmüll verursachen und nicht darauf verlassen, dass die gelbe Tonne schon alles gut machen wird.

flo

Link zur Studie

Die Studie erschien am 18. August 2020 unter dem Titel High concentrations of plastic hidden beneath the surface of the Atlantic Ocean in Nature Communications.
DOI: 10.1038/s41467-020-17932-9

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