Studie Sexuelle Gewalt im Sportverein: Ehrenamt-Strukturen helfen Tätern

Der Albtraum aller Eltern: Das Kind treibt Sport und erlebt dort sexuelle Gewalt. Eine Studie beleuchtet, was Missbrauch im Sport begünstigt und warum die Taten oftmals unbemerkt bleiben. Was muss sich ändern, damit Kinder sicher sind im Sportverein? Immerhin sporteln sieben Millionen Kinder in 90. 000 Sportvereinen.

STOP steht auf den Handflächen eines fünfjährigen Jungen.
Bildrechte: imago images/Roland Mühlanger

"Fallstudie der vertraulichen Anhörungen und schriftlichen Berichte der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs": So heißt die Forschungsarbeit, die anhand von Interviews mit Menschen, die sexuelle Gewalt im Sportverein erlebt haben, herausgearbeitet hat, welche Faktoren sexuelle Übergriffe in Sportvereinen begünstigen. Insgesamt flossen in die Studie von Prof. Dr. Bettina Rulofs, Kathrin Wahnschaffe-Waldhoff, Marilen Neeten und Annika Söllinger 72 Berichte von sexualisierter Gewalt im Bereich des Sports ein. 61 Mal schilderten Missbrauchsüberlende selbst, was ihnen passiert war, elf Mal berichteten Zeitzeugen und Zeitzeuginnen.

Die Täter: Erwachsene Männer mit Vorgeschichte

Was genau haben die Forscherinnen aus den Schilderungen und Berichten herausgefiltert? Knappe Fakten einerseits: Drei Viertel der Betroffenen sind weiblich und knapp ein Viertel männlich. Ein Drittel der Betroffenen, deren Berichte in der Studie untersucht wurden, waren 50 Jahre und älter, ein weiteres Drittel zwischen 30 bis 50 Jahre, 15 Prozent der Betroffenen jünger als 30 Jahre. Es wurden also sowohl länger zurückliegende Vorfälle als auch jüngere Ereignisse berichtet. In vielen Fällen haben die Betroffenen erst nach Jahren über ihre Gewalterfahrungen gesprochen. Zwei Drittel der Betroffenen erlebten sexualisierte Gewalt im Sport regelmäßig. Bei den Tätern handelt es sich fast ausschließlich (93 Prozent) um erwachsene Männer, die Kindern sexuelle Gewalt antun. Auffällig in den Beschreibungen der Betroffenen laut Studie: Einige Täter waren vor ihrer Zeit als Trainer oder Übungsleitung vorbestraft (z.B. wegen Kinderpornografie oder Vergewaltigung), oder mussten ihre Arbeit nach Anzeigen wegen sexueller Belästigung aufgeben. Oder sie hatten schon mehrfach Vereine gewechselt, da es dort Vorfälle gegeben hatte. Und obwohl das in den Vereinen bekannt war, wurden sie in den Vereinen zugelassen. "Unternommen wurde dennoch in den wenigsten Fällen etwas. In der Studie beschreibt eine Betroffene einen Trainer mit Spitznamen "Pädo-*(Name)", "Porno-* und "Pädo-Bär". Ein andere Frau erinnert sich an einen Trainer, der als "Kinderficker" bekannt war.

Warum ist die Mauer des Schweigens so hoch?

Es sind erschütternde Berichte, sagt Professor Rudolfs, die einige ausschnittweise in der Studie zitiert. Betroffene erzählen von Sportfreizeiten, bei denen Alkohol und sexuelle Handlungen, "alle mit allen", Standard gewesen seien. Eltern von Betroffenen berichten von Trainern, die quasi zur Familie gehören, und genau wussten, wann sie Zuhause allein Zugriff auf das Kind hatten. "Ein Bild vom Sport, das nicht zum positiven Image passt", sagt Studienleiterin Professor Dr. Bettina Rulofs. Sozusagen die Kehrseite der Medaillen, über die niemand spricht, und die sich auch niemand anschauen mag, weil Sport gesellschaftlich zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten junger Menschen zählt.

"Sport wird romantisiert", bestätigt Prof. Dr. Heiner Keupp, Mitglied der Aufarbeitungskommission: "Sport stiftet Identität, man erlebt Gemeinschaft, man erfährt Anerkennung über Medaillen. Das ist die dominante Erzählweise, wie über Sport berichtet und gesprochen wird." Die Kehrseite der Medaillen glänzt nicht, wenn der Preis für die Höchstleistung "lebenslänglich" für die Sportlerinnen und Sportler bedeutet: Scham, das Gefühl missbraucht worden zu sein, die Beschämung, zum Schweigen verdonnert zu werden, weil die Berichte unglaublich seien und weil Kinder keine Uhrzeiten, Daten und Zeugen für ihre Erfahrungen mit übergriffigen Trainer haben. So, wie der Junge, der in der Studie zitiert wird, der auf einer Sportfreizeit vom Trainer im Zelt vergewaltigt wird.

Die Bausteine der Schweigemauer

Einer der Bausteine, die die Studie auflistet, ist die Angst vor dem Imageverlust eines Vereins. Wer auf den Dreck hinweist, wird selber zum Dreckspatz und Nestbeschmutzer. Kinder werden aus dem Verein ausgeschlossen, wenn sie nicht aufhören, auf Fehlverhalten von Trainern hinzuweisen, Eltern erhalten Platzverweise, es wird mit Klagen gedroht, oder Befragungen werden verschleppt, zeigen die Berichte, die in der Studie ausgewertet wurden. Bagatellisierung und Individualisierung sind weitere Elemente, die Schweigen befördern: Was ein Kind erlebt hat, muss ein Einzelfall sein, wird den Eltern suggeriert. Die Angst der Betroffenen, ihre Zweit- oder Ersatzfamilie, nämlich den Verein mit den Freunden, zu verlieren, wenn Übergriffe thematisiert werden, befördert ebenfalls das Schweigen. Angst um die herausragende Position im Verein, die Zuwendung, die besondere Förderung des Trainers – ebenfalls Bausteine der Schweigemauer. Und immer wieder der Baustein namens Scham: "Betroffene fühlen sich mitschuldig, weil sie mit Hilfe der sexuellen Handlungen in privilegierte Positionen kamen. Das macht es für Betroffene schwer, sich selbst als Opfer anzuerkennen," führt Rulofs aus. Und sie schweigen, weil sie ihre Welt nicht gefährden wollen, weil sie ein scheinbar funktionierendes System stören. "Sportvereine wollen das nicht wahrhaben, um die wenigen Engagierten nicht zu verlieren. Im Leistungssport gibt die Selektionsmacht für spezielle Förderung den Trainern Macht über die Kinder und eben auch für sexuelle Übergriffe."

Wie die Täter die Kinder umgarnen

Es sind Männer mit guter Reputation, manchmal sogar Freunde der Familie; oftmals sind Vereins- und Familienleben wie ein Teppich miteinander verwoben, zeigt die Studie auf. Rulofs: "Die Täter stammen aus dem nahen Umfeld: Trainer, Betreuer, Lehrer. Meist nette charmante Menschen, die sich im Verein unentbehrlich machen." Anders sei es im Leistungssport: Hier gebe es die strengen, autoritären Täter, die auf Gehorsam und Disziplin achteten: "Sie manipulieren ihr Umfeld, mit klassischen Grooming-Strategien. Auch Eltern werden eingebunden, die nahe Beziehungen zum Täter haben. Manche der Täter gerieren sich auch als allseits begehrte Lover, die mehrere Beziehungen zu Minderjährigen unterhalten. Sie verlangen sexuelle Aufmerksamkeiten", umreißt die Wissenschaftlerin der Sporthochschule Köln diese Strategien.

Ist das Risiko überall gleich groß?

Teenager-Mädchen reitet auf einem weißen Pferd und trainiert für einen Hindernislauf
Eigene Kosmen: exklusive Sportarten Bildrechte: IMAGO / Westend61

Fußball, Turnen, Tennis, Handball, Leichtathletik und Schwimmen sind die Sportarten mit den meisten Mitgliedern in Deutschland. Die Studie zeigt: Sportarten, bei denen viel Geld und Materialaufwand anfällt und spezielle Trainingsorte, wie Reiten oder Eissportarten, sind risiko-anfällig dafür, dass Übergriffe nicht benannt werden. Nämlich dann, wenn es regional nur wenige Anbieter gibt. Findet dort Missbrauch statt, greifen Schweige-Mechanismen, um den Orchideen-Sport zu schützen statt die betroffenen Kinder. Aber auch Sportarten wie Judo, bei denen Grenzen verwischt werden zwischen den Geschlechtern, kommen in der Studie vor. Vereine, die einen eigenen Mikrokosmos mit eigenen Gesetzen leben, die nicht hinterfragt werden dürfen, wenn man dazugehören will. Duschen mit dem Trainer? Ist eben so. Wer das hinterfragt, wird stigmatisiert, als prüde, hinterm Mond, seltsam.

DDR-Geschichte: Der Preis der exklusiven Förderung

Junge Turner bei ihrem Auftritt VII. Turn - und Sportfest 1983
Die DDR glänzte oft mit sportlichen Höchstleistungen Bildrechte: IMAGO / Camera 4

Ein Fünftel der Berichte in der Studie bezieht sich auf DDR-Sport, sagt Prof. Rulofs. "Die sehr frühe Talentsichtung, Unterbringung in Jugendsportschulen mit Internaten, hat ermöglicht, dass Kinder Tätern schutzlos ausgeliefert waren. Der Vorgang der Auswahl war hochbedeutsam für die Kinder. Die wollten ihre hervorgehobene Position nicht gefährden, und das Umfeld trug dazu bei, dass nichts nach außen dringt, um keine Schande über die Familie zu bringen". Disziplinieren, Strafen und Unter-Druck-Setzen gehörte den Schilderungen zufolge oft zum sportbezogenen Alltag und Training der Kinder. Allgemein akzeptiert war das Schweigen unter den Gleichaltrigen.

Die Folgen für die Betroffenen

Professorin Rulofs schildert die Nachwirkungen von sexueller Gewalt im Sport bei Betroffenen: "Sie tragen lebenslange Selbstzweifel. Ihre Lebenswege sind geprägt von Belastungen und Einschränkungen, posttraumatischen Belastungsstörungen, Depressionen, vereinzelt Suizidversuchen. Eine Reihe der Betroffenen lebt mit Therapien, die nicht komplett von Krankenkassen getragen werden. Viele leben in finanzieller Unsicherheit, weil ihre Bildungs- und Erwerbsbiographien eingeschränkt sind durch die Missbrauchserfahrungen. "Opfer und Betroffene von sexueller Gewalt haben lebenslänglich", bestätigt Angela Markward.

Wie kann Kinderschutz im Sport gelingen?

Ein kleiner Junge trainiert im Schwimmbecken.
Hinschauen: Wer trainiert da eigentlich die Kinder? Bildrechte: IMAGO / Imaginechina

Angela Marquardt sieht den Staat in der Pflicht. Es könne nicht sein, dass der Schutz der Kinder auf Ehrenamtliche abgewälzt werde: Kinder hätten ein Recht darauf, dass der Staat sie schütze, auch vor den Gefahren durch Ehrenamtsstrukturen. Die Vereine müssten dafür finanziell ausgestattet werden. "Die Beschäftigung mit dem Thema darf nicht auf Freiwilligkeit beruhen. Wir müssen verpflichtende Dinge haben, sonst darfst du kein Trainer sein!", fordert sie. Professor Dr. Rulofs bestätigt das: "Es braucht eine Bewusstseinsbildung von Verbänden, verbindliche Vorgaben für Schulungen in Trainerausbildungen, Übungsleiterinnen. Sport ist die größte Bürgerbewegung, in keinem anderen Bereich der Gesellschaft gibt es so viel Ehrenamtliche. Bei acht Millionen Ehrenamtlichen müssen wir die qualifizieren, aufmerksam hinzuschauen. Jeder Verein braucht ein passgenaues Schutzkonzept, an das sich gehalten wird, das die Risiken benennt."

Prof. Heupp setzt nach: "Wir beobachten in der Politik eine Flucht in die Prävention. Für das Problem, über das wir reden, braucht es ein Fundament. Und das ist die Aufarbeitung der schmerzlichen Last der Vergangenheit. Sonst verspielt man die Zukunft für den Sport." Zur Aufarbeitung gehörten auch Entschädigungen, die Anerkennung des Leides der Betroffenen, fordern beide, Markwardt und Heupp.

Was Kinder in Sportvereinen schützt: Externe Anlaufstellen, gläserne Hallen, offene Ohren

Bezogen auf den Leistungssport fordert Bettina Rulofs: "Verbände müssen sich fragen: Wie kommen wir an die Strukturen hinter den Medaillen; wird da eine Goldmedaille durch Druck, Zwang, Gewalt erkauft? Wir brauchen einen Kulturwandel im Bereich des Leistungssports!" Professor Keupp verweist auf die gängige Praxis der finanziellen Förderung, die zurückgefahren wird, wenn der Medaillenspiegel nicht stimmt: "Das ist der falsche Weg!" Warum nicht die Oligarchen im Sport in die Pflicht nehmen, warum keine Ressourcenumverteilung, fragt sich Keupp und Marquardt verdeutlicht: "Im Sport gibt es keine Kultur des Sprechens und Zuhörens über sexualisierte Gewalt. Bis heute stoßen Betroffene auf Zurückweisung im eigenen Verein. Es braucht einen Kulturwandel." Und Marquardt setzt nach: "Betroffene haben ein Recht auf Aufarbeitung."

Weitere Bausteine für Sicherheit im Sport aus Sicht der Betroffenen: Breite und fortwährende Sensibilisierung aller Akteure und Akteurinnen für sexualisierte Gewalt, für riskante Strukturen des Sports und für Täterstrategien. Striktere situative Präventionsmaßnahmen, damit es gar keine Gelegenheit für sexualisierte Übergriffe gibt. Zum Beispiel sollten Erwachsene nicht mit Kindern alleine trainieren, sondern nur in Anwesenheit eines anderen Erwachsenen. Viele Betroffene fordern "gläserne Sporthallen" und eine nach außen transparente Vereinsstruktur.

Ein weiteres Schutzelement, das die Betroffenen laut Studie fordern: Unabhängige Anlaufstellen. "Man meldet sich eher bei Leuten, die mit dem betroffenen Verband gar nichts zu tun haben", sagt Prof. Keupp. Die Schwelle, Übergriffe zu benennen, sei unheimlich hoch. Die Institutionen müssten den Weg dafür ebnen, damit Betroffene ihre Geschichte bewältigen können.

Hilfetelefon und Anlaufstelle für Betroffene

Das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch hat die Rufnummer 0800/2255530.

Jan Hempel (Wasserspringen) 2 min
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