Meteorologie und Klimaforschung Warme Luft und dünnes Eis – die Klimaveränderungen in Arktis und Antarktis sind dramatisch

Das Klima an den Polen verändert sich dramatisch. Die Temperaturen in der Antarktis liegen 30 Grad Celsius höher als für diese Jahreszeit üblich. Gleichzeitig treffen Warmlufteinschübe auf die Arktis und bringen starken Regen mit sich. Das hat Auswirkungen auf das Eis, das dortige Klima, aber auch auf unser heimisches Wetter. Mit speziellen Forschungsflugzeugen sammeln Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen im Rahmen der HALO-(AC)³ Forschungskampagne aktuelle Wetterdaten aus der Region.

Ein Eisberg schwimmt im Meer
Wann schmilzt der letzte Eisberg? Der Klimawandel erwärmt Arktis und Antarktis schneller als den den Rest der Welt. Bildrechte: colourbox.com

Die Welt ist im Krisenmodus, erst die Pandemie, nun der Krieg gegen die Ukraine. Da vergisst man schnell, dass es noch andere, wirklich dringende Baustellen gibt, die sehr besorgniserregend sind und massive Auswirkungen auf unsere Zukunft und die unserer Kinder haben. Der Klimawandel macht keine Pause, auch wenn wir sie dringend nötig hätten.

Besonders deutlich wurde das jüngst in der Antarktis. Obwohl der Sommer auf der Südhalbkugel gerade zu Ende geht und es deutlich kälter werden sollte, verzeichneten Meteorologen an der Forschungsstation Dome Concordia einen Hitzerekord von minus 11,5 Grad Celsius. Hitze bei Minusgraden? Ja, Hitze! Seit Beginn der dortigen Aufzeichnungen, also seit 66 Jahren, sind das die höchsten Temperaturen, die je gemessen wurden. Der Meteorologe Dr. Jonathan Wille von der Universität Grenoble kommentierte diese Messergebnisse auf Twitter: "Die Höchsttemperatur für Concordia von gestern lag bei minus 12,5 Grad Celsius, richtig? Ich hätte nicht gedacht, dass sie noch steigen könnte. Das ist verrückt."

Und leider ist dieser traurige Rekord keine Ausnahme. Auch im Osten, an der Vostok-Station sieht es ähnlich aus. Hier wurden minus 17,7 Grad Celsius gemessen. Nur zum Vergleich, eigentlich sind Temperaturen um die minus 53 Grad Celsius üblich.

Wir bewegen uns auf dünnem Eis

Diese "Hitze" hat auch Einfluss auf das antarktische Meereis. Das EU-Programm Copernicus verzeichnete im Februar den niedrigsten Punkt der antarktischen Meereisausdehnung seit Beginn der Aufzeichnungen 1979. Die Ausdehnung liegt 27 Prozent unter dem Monatsdurchschnitt des gesamten Zeitraums 1991-2020.

Und auch auf der Nordhalbkugel, in der Arktis, verändern sich die Verhältnisse drastisch. Während die Durchschnittstemperaturen auf dem restlichen Planeten "nur" ca. 1,1 Grad Celsius über dem Niveau der vorindustriellen Zeit liegen, sind sie in der Arktis in den letzten 50 Jahren zwischen zwei und drei Grad angestiegen. Dieses Phänomen nennt sich polare Verstärkung. Die Klimaveränderungen wirken sich an den Polen stärker aus als auf dem restlichen Planeten.

Messdaten von Forschungsflugzeugen

Ein weißes Flugzeug auf der Rollbahn. Aufgedruckt ist das Symbol der DLR und das HALO Logo.
Eines der drei HALO Forschungsflugzeuge, dass die Atmosphäre über der Arktis untersucht. Bildrechte: Henning Dorff/Universität Hamburg

Forschende, die sich mit dieser arktischen Verstärkung im Rahmen der HALO-(AC)³ Forschungskampagne beschäftigen, sind aktuell auf ungewöhnliche Phänomene gestoßen. Mittels Forschungsflügen in fünf speziellen Flugzeugen untersuchen die Forschenden einen massiven Warmlufteinschub in die Arktis. Dabei beobachteten sie starken Regen über dem Meereis, der schwerwiegende Auswirkungen auf ein möglicherweise frühes Abschmelzen des Meereises hat. Außerdem wurden sehr hohe Wolken registriert, die fast so hoch sind wie die in den Tropen. Problematisch ist das, weil Wolken in der Arktis nicht kühlend, sondern eher erwärmend wirken. Sie verhindern, dass die Wärme zurück ins All abgestrahlt werden kann. Darüber hinaus sind auch die Oberflächentemperaturen der Framstraße (Seeweg zwischen Spitzbergen und Nordostrundingen im Nordosten Grönlands) besorgniserregend. Sie liegen 20 Grad Celsius höher als von den Langzeitaufzeichnungen erwartet.

HALO-(AC)³: Über 100 Forschende aus 12 Ländern

Das Innere des Flugzeuges. Forscherinnen und Forscher sitzen mit ihren Laptops an den Tischen und betrachten die Messdaten und Karten.
Im Inneren des HALO-Forschungsflugzeuges werten die Forschenden die Messdaten aus. Bildrechte: Marlen Brückner/Universität Leipzig

HALO-(AC)³ ist eine gemeinsame Forschungskampagne der Universität Leipzig, des Alfred-Wegener-Instituts Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, des Leibniz-Instituts für Troposphärenforschung, der Max-Planck-Institute für Meteorologie und Chemie sowie der Universitäten Bremen, Hamburg, zu Köln, Mainz und der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie internationaler Partner. Über 100 Forschende aus 12 verschiedenen Ländern sind an diesem Projekt beteiligt, ungeachtet internationaler politischer Krisen. Und das ist auch nötig, denn der Klimawandel wartet auf niemanden, auch nicht, wenn es andere Konflikte zu bewältigen gibt.

Das Wetter kennt keine Grenzen

Mit Blick auf diesen Hintergrund findet auch die 8. Tagung der Meteorologischen Gesellschaften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz (D-A-CH-MT 2022) in Leipzig statt. "Wir leben in Krisenzeiten. Das verdeutlicht uns täglich: Alles hängt mit allem zusammen, wir haben nur diese eine Erde, auf der wir gemeinsam leben. Deshalb ist internationale Zusammenarbeit, auch in der Meteorologie, so wichtig", so Prof. Dr. Gerhard Adrian, Präsident der Weltorganisation für Meteorologie (WMO).
Während der Tagung diskutieren mehr als 350 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Fachleute aus der Praxis die neuesten Erkenntnisse und Fragen aus allen Bereichen der Meteorologie sowie der Klimaforschung.

Herausforderungen auf allen Seiten

Ein besonderes Augenmerk wird auf den Schwerpunkt "Kriege, Krisen und Konflikte" gelegt. Dabei wird nicht nur besprochen, welche Rolle die Meteorologie bei der Bewältigung von Krisen und Naturkatastrophen spielen kann, sondern auch das Thema Klimakommunikation steht im Vordergrund. "Es wird in den kommenden Jahren nicht mehr nur entscheidend sein, dass wir Entwicklungen im Klimasystem kommunizieren, sondern auch wie wir dieses tun. Denn wir beobachten, dass ein Teil der Gesellschaft quer durch die Bildungsschichten wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse nicht akzeptiert. Dies ist übrigens nicht nur bezüglich des Klimawandels, sondern auch in anderen Bereichen wie der Pandemie offensichtlich", verdeutlicht Prof. Dr. Clemens Simmer, Vorsitzender der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft.

Wir stehen also nicht nur vor den Herausforderungen von Krieg, Pandemie und Klimawandel, sondern auch vor der Frage, wie gewonnene Erkenntnisse wahrgenommen, ernstgenommen und schlussendlich umgesetzt werden.

JeS

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 20. März 2022 | 18:00 Uhr

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