Invasive Arten Bad Liebenstein: Haben die Nilgans-Küken eine Überlebensschance?

Im Winter Küken ausbrüten – auf die Idee kommen vermutlich hierzulande nur die Nilgänse. In Bad Liebenstein ist das gerade am Parkteich zu beobachten. Wie ist das eigentlich: Können solche Küken den Winter überstehen?

Nilgans in Bad Liebenstein
Nilgans-Küken im Winter in Bad Liebenstein (Thüringen). Die Tiere sind vor allem am ausgeprägten Augenfleck zu erkennen. Bildrechte: M. Thimann

So manch privater Hühnerhalter kennt das: Liegt Schnee im Auslauf oder im Garten, setzt kaum ein Huhn seinen Fuß vor die Tür, sondern vertreibt sich die Zeit lieber im gemütlichen Stall. Wildvögel dagegen kennen es gar nicht anders – sie sind bei Wind und Wetter draußen und gehen auf Futtersuche. So auch die Nilgans, Alopochen aegyptiata, eine äußerst robuste invasive Art, die man inzwischen auch in Thüringen antrifft. In einer Zuschauerzuschrift an MDR WISSEN fragt eine Nutzerin:

Eine Nilgans auf dem Parkteich in Bad Liebenstein hat zu dieser Jahreszeit drei Junge. Haben sie denn eine Überlebenschance?

T. Thimann, Bad Liebenstein

Für einheimische Brutvögel ist diese Brutzeit ungewöhnlich, sagt Ornithologe Winfried Nachtigall vom NABU Sachsen auf Anfrage von MDR WISSEN. Nicht aber so für Nilgänse, deren Brutverhalten sich von dem der einheimischen Arten unterscheidet.

Die brüten im Prinzip, wann sie wollen. Wir müssen davon ausgehen, dass die das ganze Jahr über Nachwuchs produzieren können.

Ein Auslöser für den Nachwuchs in dem kleinen Kurort im Wartburgkreis während der kalten Jahreszeit könne zum Beispiel sein, dass die Vögel merken, es gibt genug Nahrung, sagt der Ornithologe.

Ob der Nilgans-Nachwuchs tatsächlich auch diesen "richtigen" Winter mit Schnee und Eis übersteht, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Das geht los beim Nahrungsangebot, das die drei Küken in Bad Liebenstein vorfinden und der Konkurrenzsituation mit anderen Vögeln. Wobei die Nilgänse hier klar im Vorteil sind: "Sie sind sehr wehrhaft gegenüber anderen Wasservogelarten," sagt Winfried Nachtigall. Wo Enten sind, übernehmen Nilgänse rigoros das Regime, besetzten oft Nester, auch von Greifvögeln oder Weißstörchen. Und nicht nur in Thüringen, wie man in einem aktuellen Untersuchungsbericht aus Hessen lesen kann.

Die Auflistung der okkupierten Nistplätze zeigt, wie wenig wählerisch die Nilgans ist, wenn es um ein trautes Heim geht: Nistkästen für Turmfalken oder Wanderfalken, Brutkästen für Schleiereulen, Nester von Graureihern, Horste von Rotmilanen. Einen Nachweis, dass das die Populationsdichte der betroffenen Vogelarten in Hessen beeinträchtige, gebe es noch nicht, heißt es in dem Bericht aus Hessen.

Wieviel Nilgänse gibt es in Thüringen?

Für Thüringen steckt das Nilgans-Monitoring noch in den Kinderschuhen; das Land erfasst das Vorkommen der robusten Vogelart seit 2018, als eine mehrjährige systematische Erfassung der Brutbestände in Auftrag gegeben wurde. Demnach wurde 2018 ein Bestand von 432 Paaren festgestellt. Angaben zu Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen durch Nilgänse erhebt die Landesregierung nicht.

Nach einem ersten Brutnachweis 2000 an den Cumbacher Teichen (Gotha) folgten 2002 die Besiedlung der Werraaue und des Thüringer Beckens sowie 2003 die von Goldener Aue und Pleißeaue. Spätestens ab 2006 setzte eine fast exponentielle Zunahme ein. Ende 2009 wurde bereits ein landesweiter Brutbestand von 80 bis 100 Paaren ermittelt.

Drucksache 6/6892 Thüringer Landtag

Seit wann gibt es die Nilgans in Deutschland und wo kommt sie her?

Ursprünglich war sie in Afrika südlich der Sahara und im oberen Niltal verbreitet. Die heute in Europa vorkommenden Populationen beruhen auf ausgesetzten und ausgebüxten Exemplaren. in England beispielsweise wurden Nilgänse im 17. Jahrhundert als Ziervögel gehalten. Für das europäische Festland ist nachgewiesen, dass die ersten freien Populationen auf zwei Individuen von 1967 aus einem niederländischen Park bei Den Haag zurückgehen. Die erste Freilandbrut in Belgien wurde 1982 gesichtet, in Deutschland 1981 in Rheinland-Pfalz. Inzwischen listet die EU die Nilgans seit August 2017 als invasive Art auf. Umfassende, detaillierte Studien zum Einfluss der Wildgans auf die einheimischen Arten und deren Nachwuchs in der EU liegen noch nicht vor.

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