Geschlechteridentität Erhöhtes Selbstmordrisiko bei Transgender-Jugendlichen

Eine kanadische Studie zeigt, dass Jugendliche, die sexuellen Minderheiten angehören und Transgender-Jugendliche im Vergleich zu ihren heterosexuellen cisgender Altersgenossen ein deutlich erhöhtes Risiko für suizidale Gedanken und Selbstmordversuche haben. Suizid ist in Kanada die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren.

Mann mit Transgender-Fahne
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Die Nummer 1 Todesursache von Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren in Kanada sind Unfälle. Gleich danach folgt der Tod durch Selbstmord. Transgender-Jugendliche und Jugendliche aus sexuellen Minderheiten haben im Vergleich zu ihren cisgender und heterosexuellen Altersgenossen ein erhöhtes Risiko für psychische Probleme, Selbstmordgedanken und Selbstmordversuche.

Eine sensible Lebensphase

"Der Übergang vom Jugend- zum Erwachsenenalter ist für alle jungen Menschen eine sehr belastende Zeit, besonders aber für Jugendliche aus geschlechtlichen und sexuellen Minderheiten. Diese Ergebnisse, die einen dramatischen Anstieg des Selbstmordrisikos zeigen, sollten ein deutliches Signal sein, dass zusätzliche Unterstützung benötigt wird", sagt Dr. Ian Colman, Professor an der Universität Ottawa und am Norwegischen Institut für öffentliche Gesundheit in Oslo, Norwegen.

Er und seine Mitautoren und Autorinnen untersuchten in ihrer Studie, die kürzlich im Canadian Medical Association Journal veröffentlicht wurde, die Daten von insgesamt 6.800 Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren in Kanada. Davon waren 99,4 Prozent cis-gender, fühlten sich also dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugeschrieben wurde, zugehörig. 0,6 Prozent der Jugendlichen waren transgender. Sie identifizierten sich mit einem anderen Geschlecht als dem, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Die Mehrheit der befragten Jugendlichen bezeichnete sich als heterosexuell. 14,7 Prozent fühlten sich zu mehreren Geschlechtern hingezogen, 4,3 Prozent waren sich ihrer sexuellen Anziehung nicht sicher, 1,6 Prozent fühlten sich als Mädchen zu Mädchen hingezogen und 0,8 Prozent als Jungen zu Jungen hingezogen.

Tägliche Konfrontation mit Diskriminierung

Zwar hat sich die Stigmatisierung von Menschen aus sexuellen Minderheiten und Transgender-Personen in den letzten zwanzig Jahren verringert, doch auch heute noch werden sie täglich mit Vorurteilen, Diskriminierung und Hass konfrontiert. Diese Jugendlichen scheinen eine höhere Wahrscheinlichkeit für Risikofaktoren zu haben, die Suizidalität, also eine Selbstmordgefährdung, begünstigen. Dazu zählen zum Beispiel die Diskriminierung durch Gleichaltrige, familiäre Probleme und Schwierigkeiten beim Zugang zu angemessener psychosozialen Versorgung. Rund 14 Prozent der Transgender-Jugendlichen und Jugendlichen aus sexuellen Minderheiten gaben an, dass sie in den letzten 12 Monaten ernsthaft an Selbstmord gedacht haben. Dabei war die Wahrscheinlichkeit bei Transgender-Jugendlichen fünf Mal höher, dass sie einen Selbstmordversuch unternommen haben.

Laut Fae Johnston ist das ein sehr beunruhigendes Ergebnis. Sie ist Mitautorin der Studie, Geschäftsführerin der Organisation Wisdom2Action und selbst trans*Frau. Für Johnston ist das eine Krise und zeigt, dass noch viel mehr getan werden muss, damit Transgender-Jugendliche unterstützt werden. Suizidpräventionsprogramme, die sich speziell an transgender, nicht-binäre und sexuelle Minderheiten richten, sowie geschlechtsspezifische Betreuung für Transgender-Jugendliche können dazu beitragen, die Selbstmordgefährdung dieser Gruppen zu verringern.

Verbindung zwischen Mobbing und Selbstmordrisiko

Ebenfalls wichtig ist die Tatsache, dass das Selbstmordrisiko der Jugendlichen mit Erfahrungen durch Mobbing im eigenen Umfeld oder Cybermobbing einhergingen. Auch hier muss dringend gehandelt werden. Es bedarf primären Präventionsprogrammen, einer Sensibilisierung der Öffentlichkeit und einer Förderung der Inklusivität. Die Diskriminierung gegenüber sexuellen Minderheiten und Transpersonen ist in allen Bereichen der Gesellschaft zu finden. Sei es in der Sprache, im öffentlichen Raum, im Bildungswesen oder Gesundheitswesen. So zum Beispiel wurde der Begriff "Transsexualität" erst in der ICD 11 (International Classification of Diseases 11th Revision, das ist die aktuelle internationale statistische Klassifikation der Krankheiten der WHO) in den Begriff "Geschlechtsinkongruenz" umgewandelt und nicht mehr als psychische Krankheit eingestuft. Die ICD 11 ist am 1. Januar 2022 in Kraft getreten.

Der gesellschaftliche Druck auf Menschen, die sich außerhalb einer heteronormativen Cis-Weltanschauung bewegen, ist enorm. Und das obwohl Gender und Sex, also das soziale Geschlecht und das biologische Geschlecht, nicht per se binär sind, sondern viele Facetten haben – ähnlich einem Farbspektrum. Auch historisch gesehen sind unterschiedliche geschlechtliche Identitäten keine Neuheit. In vielen Kulturen gibt es schon seit langer Zeit Alternativen zur binären Geschlechterordnung. So etwa wurde schon vor 4.000 Jahren in Babylonien von einem dritten Geschlecht gesprochen, erklärt Historiker Frank Becker von der Universität Duisburg-Essen in einem Interview.

langsame Fortschritte

Trotzdem hat es lange gedauert bis die Anerkennung alternativer Geschlechteridentitäten auch endlich im gesetzlichen Rahmen Fortschritte zeigt. So können intersexuelle Menschen, also Menschen, die weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht eindeutig zugeordnet werden können, den Geschlechtseintrag "divers" angeben. Weitere Forschung und vor allem Aufklärung kann dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und den gesellschaftlichen Druck, der auf Angehörigen sexueller Minderheiten und transgender Menschen lastet, zu lindern.

Hilfsangebote

Sollten Sie Opfer von Diskriminierung und Gewalt geworden sein oder Selbstmordgedanken haben, können Sie sich an folgende Stellen wenden. Hier wird Ihnen geholfen:

JeS

Pfarrerin Elke Spörkel. 29 min
Pfarrerin Elke Spörkel. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
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Mann mit Transgender-Fahne 33 min
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