Umweltkatastrophe Tiefseekrebse voll mit Industrie-Müll

11.000 Meter ist die tiefste Stelle des Meeres. Der Marianengraben, so heißt diese Schlucht, ist damit schier unerreichbar. Und trotzdem hat sich der Mensch auch dort schon verewigt: Britische Forscher haben herausgefunden, dass Tiere selbst in diesen Tiefen stark schadstoffbelastet sind - mit Industriemüll, der schon seit den 1970er-Jahren verboten ist.

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Bildrechte: Newcastle University /Dr. Alan Jamieson

Die Schönheit trügt

Schwarzangler oder Buckliger Anglerfisch (Melanocetus johnsonii)
Tiefseebewohner: Der Schwarzangler oder Buckliger Anglerfisch (Melanocetus johnsonii) Bildrechte: IMAGO

Eine bizarre Schönheit erstreckt sich in den Tiefen: Es ist stockdunkel und der Wasserdruck ist enorm. Dennoch leben da unten eine Vielzahl kleiner Tiefseemonster: Seegurken, Fische, wie der schaurige Anglerfisch mit scharfen Zähnen und einer leuchtenden Angel am Kopf. Und kleine Flohkrebse gibt es auch, das Objekt der Begierde für die britischen Forscher der Aberdeen University (siehe Bild). Gefangen wurden sie in speziellen Fallen in bis zu 10.000 Metern Tiefe und dann hinaufgezogen auf ein Schiff. Im Inneren der Tiere fanden die Ozeanologen unter anderem Reste aus Weichmachern und Plastik, so genannte langlebige organische Schadstoffe.
Ralf Ebinghaus, Umweltchemiker am Helmholtz-Zentrum für Küstenforschung, war überrascht über das Ausmaß der Verschmutzung..

Unsere Vermutung, dass sich solche Stoffe in solchen Tiefen anreichern können, lässt sich tatsächlich mit Messdaten belegen

Ralf Ebinghaus, Umweltchemiker am Helmholtz-Zentrum für Küstenforschung

Wie kommt das Plastik in die Tiefsee?

Besonders verheerend: Die Menge der Schadstoffe ist enorm. Die Krebse aus dem Mariannengraben haben 50 Mal mehr Gift in sich, als Krabben aus verschmutzten Flüssen in China.
Die Partikel reichern sich nicht nur in der Nahrungskette an, zum Teil wirken sie wie Hormone und können Reaktionen im Körper hervorrufen, außerdem gelten sie als krebserregend. Daher dürfen viele der langlebigen Schadstoffe seit den 1970er-Jahren nicht mehr hergestellt werden. Doch die vier Jahrzehnte der Produktion haben gereicht, um insgesamt 1,3 Millionen Tonnen herzustellen. Ein Teil des Gifts befindet sich bis heute in den Ozeanen dieser Welt. Und irgendwann kommt es vielleicht wieder zu uns zurück.

Wenn man eine lange Nahrungskette hat, dann können sich die Stoffe in jeder Stufe der Nahrungskette im Fettgewebe anreichern

Antje Boetius, Meeresbiologin vom Alfred-Wegener-Institut

Auch arktische Tiefsee betroffen

Der Müll in den Meeren wird zunehmend zum Problem. Das zeigt auch die aktuelle Studie des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) Bremerhaven. Demnach ist die Müllmenge in der arktischen Tiefsee in nur zehn Jahren um das 20-fache gestiegen. Seit 2002 beobachteten die Forscher an zwei Messpunkten in der Framstraße zwischen Grönland und Spitzbergen mit einem ferngesteuerten Kamera-System den Meeresboden. Auf 7.058 Fotos entdeckten sie dabei 89 Müllteile. Hochgerechnet führte das im Untersuchungszeitraum von 2002 bis 2014 zu einem Durchschnittswert von 3.485 Müllteilen pro Quadratkilometer. Der Höchstwert lag 2014 bei 6.333 Müllstücken.

Meeresbodes übersät mit Müll

Betrachtet man nur dieses nördliche Gebiet, ergab die Messung 2004 nur 346 Müllteile. Zehn Jahre später waren es 8.082 Teile. "Bei unseren Untersuchung haben wir nur Partikel von mindestens zwei Zentimetern Größe gezählt", betonte AWI-Forscherin Melanie Bergmann, die die Messungen zusammen mit ihrer Kollegin Mine Banu Tekmann durchführte.
Das Glas am Boden ist demnach am leichtesten zu erklären. Das Material driftet nicht über größere Distanzen. Es sinke sofort an Ort und Stelle auf den Meeresgrund, wie die Forscherinnen sagten. Die Messreihe zeige somit: Mit der Intensität der Schifffahrt in der Region nimmt auch die Mülldichte zu.

Plastik treibt durch das Meer

Schwieriger sei es, die Herkunft des Plastikmülls in den arktischen Gewässern zu erklären: Denn Plastik lege im Meer meist weite Reisen zurück, bevor es den tiefen Meeresgrund erreiche. Dabei sei der Einfluss des Golfstroms auf die Verbreitung von Plastikmüll in der Arktis unbestritten. Er transportiere die Plastikteile aus den südlichen Atlantikregionen in die Framstraße zwischen Grönland und Spitzbergen.
Zudem formulierten die Biologinnen einen neuen Ansatz: Es könnte einen Zusammenhang zwischen der Mülldichte und der Meereis-Ausdehnung geben. "Das Meereis könnte demnach ein Transportmittel für Müll sein und diesen während der Schmelzperiode im untersuchten Gebiet freigeben", sagte Bergmann. Bislang sei man vom Gegenteil ausgegangen, da man das Eis eher als eine Barriere gegen die Verschmutzung betrachtetet habe.

Über dieses Thema berichtet MDR Aktuell im Radio | 15.02.2017 | 06:48 Uhr