Insektenforschung Besser als ihr Ruf: Die Wespe hat ein Image-Problem

Wespen-Bashing hat vermutlich einen ähnlich hohen Unterhaltungswert wie das Wetter: Alle können mitreden, alle finden sie gleich doof. Alle? Nein, nicht alle. Ein britisches Forschungsteam nennt uns jetzt viele gute Gründe, die gestreiften Flugräuber zu schätzen und achten, denn nur eine Handvoll Wespen ruiniert den Ruf der ganzen Spezies.

Franzoesische Feldwespe
Na, schon mal einer französischen Feldwespe so nahe gekommen? An den Markierungen zwischen ihren Augen lassen sich Wespen gut unterscheiden. Bildrechte: imago images/blickwinkel

Die britische Entomologin und Verhaltensökologin Seirian Sumner hat für ihre Metastudie Forschungsarbeiten der letzten 37 Jahre und unveröffentlichte Vorträge der letzten 16 Jahre durchforstet, in denen Bienen und Wespen vorkamen. Schon hier wurde klar: Westen sind nicht gerade beliebt. Von 904 Publikationen, in denen es um Bestäubung und Ökodiensleistung ging, untersuchten 22 Arbeiten Wespen, die übrigen 886 Arbeiten drehten sich um Bienen. Außerdem untersuchte sie mit ihrem Team in einer Umfrage in 46 Ländern das "Wespen-Image", indem sie Sprachgebrauch und Emotionen in Bezug auf Insekten untersuchte. Es zeigte sich: Das Image der Wespen ist lädiert, das der Bienen glänzend. Die Forschungsgruppe kommt zu dem Schluss: Die Nützlichkeit der Wespen wird unterschätzt und der Ruf der Wespen fatal. Das spiegelt sich sogar in der Forschung wieder, wobei die heutige Wissenschaft in illustrer Gesellschaft ist. Schon Aristoteles schrieb 300 vor unserer Zeitrechnung, Wespenstiche seien "stärker" als Bienenstiche:

Hornissen und Wespen (...) haben nicht die außergewöhnlichen Merkmale, die die Bienen kennzeichnen; das sollte man erwarten, denn sie haben nichts Göttliches an sich wie die Bienen.

Aristoteles, um 300 v.C.

Eine Handvoll Wespen ruiniert das Image einer ganzen Sippschaft

Abscheu vor Wespen ist also steinalt, evolutionär gesehen ein überlebenswichtiger Reflex, indem wir das, was uns Schmerzen zufügen kann, meiden und ablehnen. Und ein zweiter menschlicher Mechanismus greift, wenn es um die Abneigung gegen Wespen geht:

Wespe auf Kuchen
Als Mitesser unerwünscht... Bildrechte: MDR/Mark Michel

Nur eine Handvoll von Wespenarten, weniger als ein Prozent der stechenden Wespen, versaut den Ruf der ganzen Spezies. Das muss man sich mal näher anschauen. Es gibt weltweit 75.000 Arten von Wespen. 67 Arten sozialer Wespen, die am häufigsten mit Menschen in Kontakt kommen, stechen. Und diese paar sorgen dafür, dass wir den generellen Nutzen von Wespen vergessen. Vielleicht liegt das daran, dass wir diese Wespen immer genau da erleben, wo sie uns stören: beim Picknicken am See, beim Bier im Biergarten, beim Frühstücken auf dem Balkon.

Wespen: Da wo sie nutzen, gucken wir nicht hin

Puppe des Buchsbaumzünslers wird von Gemeiner Wespe (Vespula vulgaris) gefressen.
Die gemeine Wespe - frisst nicht nur Kuchen - auch Buchsbaumzünsler Bildrechte: IMAGO / blickwinkel

Da, wo Wespen nützlich sind, für uns arbeiten, gucken wir selten hin: Wenn sie Raupen, Blattläuse, Larven von Blattkäfern oder Spannerlarven fressen. Wenn sie Pflanzen bestäuben, die keine anderen Bestäuber haben. Oder wenn sie Pflanzen bestäuben, deren richtige Bestäuber nicht mehr vorbeikommen. Oder wussten Sie, dass das Gift einzelner Arten oder der Speichel antibiotische Anteile enthalten kann, oder für die Krebsbekämpfung benutzt wird?

Wespen sparen der Landwirtschaft Milliarden

Rein rechnerisch erspart die Wespe der Landwirtschaft weltweit durch ihre Ernährung 417 Milliarden US-Dollar, die man sonst zur Insektenbekämpfung ausgeben würde, heißt es in der Metastudie.

Feld-Wespenbiene
... andere sind als Bestäuber effektiv, wie die Feld-Wespenbiene. Sie wird nur dann "stichig", wenn sie ihr Nest verteidigen will. Bildrechte: IMAGO / blickwinkel

Wespen verputzen je nach Art und Spezialisierung Insekten, die der Landwirtschaft schaden. Man könnte das sogar noch weiterdrehen, sagen Sumner und ihr Team. Warum nutzt man in tropischen Ländern nicht bewusst heimische Wespen als Schadinsekten-Vertilger? In Brasilien ließe sich demnach so Mais und Zuckerrohr vor Schädlingen schützen. Unterschätzt wird der Forscherin zufolge auch die Bestäubungsleistung der Wespen. 1.500 Kulturpflanzen sind von Bestäubung abhängig, Wespen besuchen 960 Pflanzenarten. 164 von denen sind sogar auf Wespen als Bestäuber angewiesen, bei denen keine anderen Bestäuber vorbeikommen. Die Wespenart Vespula pennsylvanica ist Forschungen zufolge sogar effektiver beim Bestäuben als Bienen.

Die komplette Forschungsarbeit lesen Sie hier.

Wespe ist nicht gleich Wespe

Deutsche Wespe, Vespula Germanica
Sie ist eine von denen, die den Ruf der Wespen an sich versauen: Vespula Germanica, die Deutsche Wespe. Man erkennt sie an ihren ein bis drei gelben Punkten auf dem Kopfschild. Sie fressen Mücken, Fliegen und Raupen, aber auch überreifes Obst, Honigtau, (Grill-)Fleisch und Aas. Bildrechte: IMAGO / blickwinkel
Deutsche Wespe, Vespula Germanica
Sie ist eine von denen, die den Ruf der Wespen an sich versauen: Vespula Germanica, die Deutsche Wespe. Man erkennt sie an ihren ein bis drei gelben Punkten auf dem Kopfschild. Sie fressen Mücken, Fliegen und Raupen, aber auch überreifes Obst, Honigtau, (Grill-)Fleisch und Aas. Bildrechte: IMAGO / blickwinkel
Puppe des Buchsbaumzünslers wird von Gemeiner Wespe (Vespula vulgaris) gefressen.
Vespula Vulgaris beim Verspeisen einer Puppe des Buchsbaumzünslers. Bildrechte: IMAGO / blickwinkel
Mauerlehmwespe (auch Schwarzfühlerhakenwespe) frisst eine Raupe
Gestatten: Ancistrocerus nigricornis, die Lehmwespe. Das Weibchen füttert seine Larven mit erbeuteten und betäubten Schmetterlingsraupen. Sie selbst ernährt sich von Honigtau, Pflanzensaft und -Nektar.
Bildrechte: IMAGO / blickwinkel
Große Stängelwespe
Die große Stängelwespe Symmorphus murarius frisst Larven der Pappelblattkäfer. Bildrechte: IMAGO / blickwinkel
Gallische Feldwespe
Die Haus-Feldwespe, oder Gallische Feldwespe Polistes dominula wohnt in Nestern aus papierähnlichem Material und hat orange gefärbte Fühler und Beine. Sie füttert große Mengen an Fliegen und Raupen an ihre Brut, adulte Tiere ernähren sich von kleinen Spinnen und Blütennektar.     Bildrechte: imago images/STAR-MEDIA
Sichelwespe (Therion circumflexum) sitzt an einer Knospe
Die Sichelwespe Ophion luteus. Ihre Larven parasitieren in Schmetterlingsraupen wie Liguster- oder Kiefernschwärmern. Die adulten Wespen lecken gerne am Honigtau von Blattläusen. Bildrechte: IMAGO / blickwinkel
Alle (6) Bilder anzeigen

(lfw)

Bienenweide 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
404 Not Found

Not Found

The requested URL /api/v1/talk/includes/html/c51956ac-0253-4ffe-ae70-d329fe1296f1 was not found on this server.