Weltbevölkerung Wir sind 8 Milliarden – und werden (ab 2064) weniger und älter

Ein Baby wurde geboren, das die 8-Milliarden-Marke der Weltbevölkerung knackt. Eines von zwei Kindern, das am 15. November 2022 pro Sekunde das Licht der Welt erblickt, wird es sein oder ist es schon. Denn auf die Stunde genau weiß niemand, wann die 8-Milliarden-Marke überschritten wurde oder wird. Geht das Wachstum so weiter? Nicht mehr lange, sagen die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung und Forschende aus den USA voraus.

Menschenmenge in belebter Straße
Acht Milliarden - irgendwann in diesen Tagen Mitte November 2022 überschreitet die Weltbevölkerung diese Marke Bildrechte: Colourbox.de

Die Mutter des achtmilliardsten Menschen könnte Nummer 6.158.260.217 gewesen sein, seine Großmutter Nummer 4.007.523.626, so der Weltbevölkerungsrechner, mit dem man per Geburtsdatum errechnen kann, die wievielte Person man zu diesem Zeitpunkt war. Von einer Generation zur nächsten sind wir zuletzt also rund zwei Milliarden Bewohner mehr geworden. Doch dieser Trend wird sich nicht fortsetzen, sagen Experten voraus. Bereits seit 30 Jahren verlangsamt sich das Wachstum der Weltbevölkerung um rund ein Drittel. Laut Deutscher Stiftung Weltbevölkerung (DWS) sank die Geburtenrate in dieser Zeitspanne von durchschnittlich 3,2 Kindern pro Frau auf heute 2,3 Kinder. Nach wie vor unterscheidet sie sich jedoch deutlich zwischen den einzelnen Ländern und Regionen, je nach wirtschaftlicher Situation vor Ort. Am höchsten liegt sie immer noch in Afrika südlich der Sahara, der ärmsten Region der Erde, mit 4,7 Kindern pro Frau. Länder mit hohem Einkommen haben dagegen eine durchschnittliche Geburtenrate von 1,8.

Bevölkerungsentwicklung seit 1800
Die Entwicklung der Weltbevölkerung seit 1800 und die möglichen Szenarien bis zum Ende des Jahrhunderts. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wendepunkt 2064 erwartet

Eine Analyse der School of Medicine der University of Washington erlaubt einen Blick in die Zukunft. Sie erschien im Fachmagazin "The Lancet" und prognostiziert die Entwicklung von Bevölkerung, Sterblichkeit, Fruchtbarkeit und Migration für 195 Länder weltweit. Daraus lassen sich auch soziale und wirtschaftliche Szenarien für die einzelnen Staaten ableiten. Global betrachtet wird die Bevölkerungszahl voraussichtlich noch bis 2064 steigen und dann mit rund 9,7 Milliarden Menschen weltweit ihren Höhepunkt erreichen. Bis 2100 wird sie dann auf rund 8,8 Milliarden zurückgehen, in einigen Ländern bereits eher. In Deutschland könnte schon 2035 mit etwa 85 Millionen Einwohnern das Maximum erreicht sein. In 23 Ländern, darunter Japan, Thailand, Italien und Spanien, schrumpfe die Bevölkerung bis zum Ende des Jahrhunderts sogar um mehr als die Hälfte, prognostiziert die Studie.

Die UN-Prognosen weichen etwas von den diesen Zahlen ab. Demnach solle es ab 2080 kein weiteres Wachstum geben. Dann läge die Zahl der Menschen bei rund 10,4 Milliarden.

Bildung und Verhütung senken die Geburtenrate

Entscheidend für den Rückgang seien der verbesserte Zugang zu moderner Empfängnisverhütung in bisher unterversorgten Teilen der Welt und zunehmende Bildungschancen für Mädchen und Frauen, so die Studienautoren. Das führe zu einem anhaltenden Rückgang der Geburtenraten, die im Jahr 2100 in 183 von 195 Ländern auf unter 2,1 Geburten pro Frau sinken werden. Damit würde die Bevölkerung dieser Länder ohne Einwanderung schrumpfen.

Den stärksten Rückgang der Geburten erwarten die Forschenden in Ländern mit bislang hoher Geburtenrate. In Nigeria etwa bekam eine Frau 2017 durchschnittlich sieben Kinder. 2100 werden es voraussichtlich noch 1,8 sein. Trotzdem geht das Team davon aus, dass sich die Bevölkerung der Region im Laufe des Jahrhunderts immer noch verdreifacht: Von geschätzten 1,03 Milliarden auf 3,07 Milliarden. Grund dafür seien sinkende Sterblichkeitsraten und mehr Frauen, die das gebärfähige Alter erreichten. Auch in Nordafrika und im Nahen Osten werde die Anzahl der Bewohner weiter steigen. In Asien sowie in Mittel- und Osteuropa hingegen werden die Zahlen deutlich sinken. Sogar China wird demnach seine Bevölkerungszahl bis 2100 fast halbieren genauso wie Südkorea, Japan und Thailand.

Europa schrumpft

Auch die Bevölkerung Italiens und Spaniens werde auf die Hälfte sinken: von 61 Millionen Menschen im Jahr 2017 auf 30,5 Millionen im Jahr 2100 in Italien und von 46 Millionen im Jahr 2017 auf 23 Millionen im Jahr 2100 in Spanien. Dadurch würden die beiden Länder auch in der Welt-Rangliste in Sachen Wirtschaft abrutschen: Italien von Platz neun auf Platz 25 und Spanien von Rang 13 auf Platz 28 im Jahr 2100. Für Portugal ist ein ähnlicher Trend zu erwarten. Großbritannien, Deutschland und Frankreich hingegen werden ihren Platz unter den Top Ten des weltweit größten Bruttoinlandsprodukts halten können. Doch auch in Deutschland wird die Bevölkerungszahl ab 2035 voraussichtlich sinken von 83 Millionen Menschen im Jahr 2017 auf nur noch 66 Millionen im Jahr 2100. Die Fertilitätsrate sinke in demselben Zeitraum von 1,39 Kindern pro Frau auf 1,35 Kinder.

Immer mehr ältere Menschen

Damit müssen sich diese Staaten nicht nur auf weniger Bewohner einstellen, sondern auch auf überwiegend ältere, die nicht mehr im arbeitsfähigen Alter sind. Einen wirtschaftlichen Vorteil habe dann also, wer mehr junge Menschen im Land habe. Weltweit sieht die Schätzung 2,37 Milliarden Menschen über 65 Jahre voraus, hingegen nur 1,7 Milliarden Menschen unter 20 Jahren. Deshalb müssten Länder mit deutlich rückläufiger Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter notwendigerweise auf eine liberale Einwanderungspolitik setzen, empfehlen die Forschenden.

Bevölkerungsschwund: Fluch oder Segen?

In den Studienergebnissen sehen Erstautor Prof. Stein Emil Vollset und seine Kollegen eine Möglichkeit für die Regierungen der einzelnen Länder, ihre Politik in Bezug auf Migration, Arbeitskräfte und wirtschaftliche Entwicklung zu überdenken, um die Herausforderungen des demografischen Wandels anzugehen. Denn der Bevölkerungsrückgang werde erhebliche gesellschaftliche, wirtschaftliche und geopolitische Auswirkungen haben. Besonders der Schwund der Erwerbsfähigen werde die Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts senken, das dann von weniger Arbeitnehmern und Steuerzahlern bestritten werden müsse. Positiv könne sich der Bevölkerungsrückgang nach Einschätzungen Vollsets jedoch auf die Reduzierung der CO2-Emissionen auswirken und auf die Belastung der Lebensmittelsysteme.

Natilia Kanem, Chefin des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, sieht im Sprung über die 8-Milliardengrenze viel Positives: Es sei ein bedeutsamer Meilenstein für die Menschheit und spräche für die längerer Lebenserwartung, weniger Mütter- und Kindersterblichkeit und immer effektivere Gesundheitssystemen. Sorgen im Hinblick auf eine Überbevölkerung hält sie für unbegründet:

Die reine Zahl an Menschenleben ist kein Grund zur Angst.

Natalia Kanem, UN-Bevölkerungsfonds

2100: Indien, Nigeria, China und die USA dominieren

Nach Einschätzung der UN gibt es durchaus ausreichend Ressourcen es komme auf die richtige und gerechte Verteilung an. Frank Swiaczny vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung fügt mit Blick auf die Erderhitzung hinzu: "Mehr Menschen bedeuten dabei nicht zwangsläufig auch einen größeren ökologischen Fußabdruck." Fast die Hälfte der globalen CO2-Emissionen würden von den zehn Prozent der Weltbevölkerung mit dem höchsten Einkommen verursacht, während der Beitrag der ärmsten Hälfte zu vernachlässigen sei.

Richard Horton, Chefredakteur des Fachmagazins The Lancet, in dem die Studie veröffentlicht wurde, sieht folgendes Szenario: "Das 21. Jahrhundert wird eine Revolution in der Geschichte unserer menschlichen Zivilisation erleben. Afrika und die arabische Welt werden unsere Zukunft gestalten, während Europa und Asien in ihrem Einfluss zurücktreten werden. Bis zum Ende des Jahrhunderts wird die Welt multipolar sein, wobei Indien, Nigeria, China und die USA die dominierenden Mächte sind. Dies wird wirklich eine neue Welt sein, auf die wir uns heute vorbereiten sollten."

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krm