Ökologie Die Domino-Effekte der Nachtbeleuchtung

Es stimmt uns auf die Weihnachtszeit ein, wenn es überall glitzert und glänzt: Es schimmern Häuser, Bäume, Sträuche feierlich beleuchtet. Doch die nächtliche Pracht hat Nebenwirkungen.

Beleuchtete, verschneite Ortschaft
Winterliche Festbeleuchtung. Wie wirkt sie sich auf die Natur aus? Bildrechte: imago/Roland Mühlanger

  • Die Folgen von Lichtverschmutzung sind noch nicht in allen Bereichen der Natur durchleuchtet.

  • Forscher beleuchten verschiedene Beleuchtungs-Nebenwirkungen.

  • Ein Katalog mit elf Fragen könnte helfen, den weiten Raum der Nebenwirkungen von Lichtverschmutzung zu erhellen.

Sind die Lichter angezündet, draußen auf Bäumen, Sträuchern, Hecken, strahlen viele Gesichter. Ob und wie stark sich der weihnachtliche Beleuchtungsrausch im Freien auf die Natur auswirkt, ist noch nicht untersucht. Möglicherweise verstärkt er nur die ohnehin schon bekannten Nebenwirkungen unserer sonstigen Beleuchtungspolitik, die eine Forschungsgruppe des Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) untersucht hat.

Sie weisen in einer Arbeit auf bislang weniger bekannte Nebeneffekte der nächtlichen Beleuchtung hin: Wenn Bäume ihre Blätter nicht verlieren, fehlt ihnen das Signal der kürzer werdenden Tage. Ergebnis: Der Baum behält die Blätter an den Ästen, sagt Dr. Franz Hölke, Ökologe am IGB, der das auch an den Robinien in seiner Straße beobachtet hat. Auf der Baumseite, die der Laterne zugewandt ist, tragen Bäume auch im Winter weiter ihre Blätter. Aber ist das so schlimm, schließlich sammelt sich dann ja auch weniger rutschiges Laub auf der Straße und dem Bürgersteig? Ist es doch, erklärt der Experte für die ökologischen Auswirkungen von Lichtverschmutzung, denn: "Der Laubabwurf soll den Baum vor Frostschäden schützen."

Vögel verfliegen sich oder brüten zu früh

Aber nicht nur die Stoffwechselprozesse von Bäumen bringt das Dauerlicht durcheinander, auch Vögel sind irritiert. Für Zugvögel können nächtliche Lichtquellen Barriere und Ablenkung gleichzeitig werden, sagt Hölke.

Studienmitautor Dr. Gregor Kalinkat ergänzt: "Noch sind die Mechanismen weitgehend unerforscht. Man weiß aber, dass sich einige Arten neben dem Magnetfeld der Erde an den Gestirnen orientieren. Sie können dabei durch große beleuchtete Gebäude oder Skybeamer von ihrem Kurs abgebracht werden. Deren Lichtkegel können regelrecht wie optische Staubsauger wirken, in die die Tiere hineingeraten, schwer wieder herausfinden und möglicherweise verenden." Für Singvögel, die hier überwintern, kann sich die saisonale Fruchtbarkeit verfrühen, warnt Ökologe Hölke.

Bekannt ist dieser Effekt ihm zufolge bislang von Lachsen. Durch Beleuchtung wurde eine Verlängerung der Laichzeit festgestellt. Hintergrund dafür ist das kurzwellige Licht, also der blaue Anteil des sichtbaren Lichtes. Er sorgt dafür, dass das Hormon Melatonin gebildet wird, das sich wiederum auf Stoffwechselprozesse wie Immunabwehr, Wachstum oder Fortpflanzungsphysiologie auswirkt. "Solche Verschiebungen der Reproduktionsphase können die Synchronisierung in Ökosystemen stören und sich negativ auf die Populationen auswirken, beispielsweise, wenn das Futterangebot nicht geeignet ist, oder wie bei den Lachsen, wenn der Druck durch Räuber zu hoch wird", verdeutlich Gregor Kalinkat die Kettenreaktionen.

Beleuchteter Teich bringt Unterwasser-Reinigungstrupps durcheinander

Frösche nachts im Teich
Was sich im Wasser nachts tut, sehen wir nur indirekt: Das intakte Ökosystem zeigt sich am Leben im Teich. Bildrechte: IMAGO / blickwinkel

Die Folgen der Lichtverschmutzung bekommen übrigens auch unsere Teiche zu spüren. Deren Kleinstlebewesen sind ja so eine Art Reinigungskolonne und zuständig für die Sauberkeit des Wasser. Das Zooplankton macht das ganz diskret, Wasserflöhe zum Beispiel sind im Schutz der Dunkelheit aktiv. Dann können sie - ohne Fressfeinde fürchten zu müssen - in oberen Gewässerschichten Algen und andere Mikroorganismen fressen. Bringt Licht den Lebensrhythmus der winzigen Wasserreinigungskräfte durcheinander, spiegelt sich das irgendwann in der Wasserqualität wieder.

Wo steht die Forschung?

Nachtbeleuchtung löst also viele, für uns Normalsterbliche, unsichtbare Kettenreaktionen aus. Noch weiß auch die Forschung nicht, welche Lebewesen am empfindlichsten auf Lichtverschmutzung reagieren, ab welcher Intensität sie Bäumen, Vögeln, Insekten oder Zooplankton schadet oder welche Art sich wie schnell anpasst. Die vorliegende Forschungsarbeit benennt elf wichtige Fragen, an denen sich die Forschung orientieren sollte, um die Folgen der Lichtverschmutzung im Detail zu erfassen.

Die komplette Arbeit zur Lichtverschmutzung leben Sie hier im Original.

Beleuchteter Biergarten an einem Teich
Romantisch und gemütlich, so ein beleuchteter Teich? Kommt auf die Perspektive des Betrachters an. Wasserbewohner sehen das wohl anders. Bildrechte: IMAGO / Jochen Tack

(lfw)

Das könnte Sie auch interessieren

404 Not Found

Not Found

The requested URL /api/v1/talk/includes/html/06d1df9b-de41-4a35-9430-ee4af191787e was not found on this server.