Psychologie Work-Life-Balance: Macht viel Arbeit manchmal doch glücklich?

Was die Generationen Y und Z besser können als ihre Eltern und Großeltern? Die Arbeit auch mal Arbeit sein lassen und sich den schönen Dingen des Lebens widmen. Allerdings kann für manche Menschen ausgerechnet das auch Arbeit sein.

Mann (Unternehmer) sitzt mit Smartphone in der Hand und darauf blickend zufrieden am Schreibtisch mit Laptop, Telefon, Dokumenten, Vordergrund unscharf, Hintergrund mit Klebezetteln an der Wand.
Viel Arbeit kann auch glücklich machen. Echt jetzt. Bildrechte: imago images/Westend61

  • Eine ausgeglichene Work-Life-Balance trifft nicht auf alle Menschen zu
  • Es kann zwischen verschiedenenen Typen der Glückssuche unterschieden werden
  • Auch zu viel Freizeit kann unglücklich machen


Wann haben Sie das letzte Mal die Raufasern Ihrer Raufasertapete gezählt? Oder nicht mal das, sondern sie einfach nur angestarrt? Wenn Sie ein Mensch sind, dem die Vierzig-Stunden-Plus-Woche so langsam an die Substanz geht, scheint Ihnen ein solch sinnloses Vorhaben wie ein traumhaftes Szenario vorzukommen. Sollten Sie gerade arbeitssuchend sein oder Freiberufler*in mit unterschiedlichen Auftragslagen, dann wissen Sie: Es gibt schönere Dinge, als den Montagmorgen auf der Couch zu verbringen und den Wandbelag zu betrachten.

Es gibt offensichtlich nicht nur eine Work-Life-Balance

Auf die richtige Balance kommt es an, ein gleiches Maß an Freizeit und Arbeit, das haben wir gelernt, verinnerlicht und versuchen diesen Ansatz als gesunde Work-Life-Balance jeden Tag zu verfolgen. Aber so simpel ist das gar nicht. Darauf weist die Psychologin Lis Ku von der De Montfort University im britischen Leicester im Fachblatt The Conversation hin. Dort fasst sie den aktuellen Forschungsstand zusammen. Statt nur einer einzigen Work-Life-Balance gibt es vielmehr unterschiedliche Typen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, das Leben mit Sinn und Glück zu füllen.

Frau (Freiberuflerin) sitzt in gemütlicher Kleidung auf Sofa mit Laptop, dahinter Katze. Seitliche Aufnahme, im Hintergrund Fenster und Balkon.
Im Homeoffice ist es gar nicht mal zu leicht, eine klare Linie zwischen Arbeit und Freizeit zu ziehen. Bildrechte: imago images/Westend61

Die Psychologin schreibt, es ginge nicht unbedingt darum, wann wir arbeiten, sondern warum eigentlich. Es sei eine Frage, Glücksquellen zu verstehen (und eben für uns zu nutzen). So ist es erstmal überhaupt nicht verwunderlich, dass Arbeit einen großen Beitrag zu unserem Glücksempfinden leistet. Das liegt zum Beispiel daran, dass sie Teil unserer Identität ist. Falls Sie neulich mal Menschen kennengelernt haben, werden Sie möglicherweise auch recht bald davon berichtet haben, was Sie für Ihren Broterwerb tun und gleiches von Ihrer/Ihrem Gegenüber in Erfahrung gebracht haben.

Kompetenz, Bestätigung, Sinn und Glück

Unser Beruf kann uns ein Gefühl von Kompetenz und Bestätigung geben. Ein hohes Gut – wenn es fehlt, tendieren wir zu härterer Arbeit. Manchmal stellt sich allerdings der Schweinehund in den Weg. Ku verweist auf Experimente, bei denen die Teilnehmenden entweder 15 Minuten auf ein Experiment untätig warten oder die Zeit für einen Spaziergang zu einem anderen Experiment nutzen konnten. Die meisten entschieden sich für die Untätigkeit. Die, die sich aufrafften bzw. mit einem guten Grund gelockt wurden (Schokolade!), waren am Ende aber glücklicher.

Neben der Kategorie der Menschen, die das Glück in den Gelüsten der Freizeit suchen – also einen hedonistischen Lebensansatz verfolgen – gibt es noch zwei weitere Ansätze: den eudaimonischen und den erlebnisorientierten Ansatz.

"Zu viel und zu wing ist ein Ding..."

So stehen sich hedonistisch und eudaimonisch im Prinzip gegenüber. Bei einer hedonistischen Lebensweise sind die Freunden und Genüsse des Lebens vordergründig, die vorzugsweise in der Freizeit zu finden sind. Menschen arbeiten, um zu leben. Beim eudaimonischen Ansatz wird das Glück aus der Arbeit gezogen, aus der Anstrengung und dem Realisieren des eigenen Potenzials. Menschen, die leben, um zu arbeiten - sofern der Job zufrieden macht, versteht sich.

Mann sitzt im heimischen Musikstudio an Tasteninstrument und Mischpult, mit Laptop und Boxen. Aufnahme von schräg hinten, kontrastreiche Farben, Tiefenunschärfe.
Ist das Arbeit oder macht das Spaß? Na, warum nicht beides? Bildrechte: imago images/Westend61

Nun ist es so, dass wir uns gut vorstellen können, zu viel zu arbeiten. Allerdings kann auch zu viel Freizeit unglücklich machen. Mehr als fünf Stunden am Tag würden das Wohlbefinden beinträchtigen. Hier kommt der erlebnisorientierte Ansatz ins Spiel: ER beschreibt Menschen mit einem Sinn für Experimente im Leben und dem Wunsch, Erfahrungen zu sammeln. Das kann ein Halbmarathon über den Rennsteig sein, das kann Winterbaden im Cospudener See sein oder, wie Lis Ku schreibt, eine Nacht im Eishotel.

Gut die Hälfte hedonistisch

Die Psychologin verweist auf eine Studie, die in neun Ländern mit zehntausenden Teilnehmenden untersucht hat, woraus Menschen ihr Glück ziehen. So streben etwa die Hälfte der Befragten nach hedonistischen Zielen in der Freizeit. Allerdings bevorzugt ein Viertel eudaimonisches Glück aus einer sinnvollen Tätigkeit. Und immerhin zehn bis 15 Prozent seien erlebnisorientiert.

Das sind Erkenntnisse, die angesichts aktueller Fragen unserer Zeit nicht unberücksichtigt bleiben sollten. Vier- oder Fünf-Tage-Woche? Dreißig oder vierzig Stunden? Grundeinkommen: ja, nein, vielleicht? Work-Life-Balance ist keine Schablone, die sich über jeden Lebensentwurf legen lässt – und kein Garant für einen glücklichen Alltag. Wie der aussieht, muss im Prinzip jeder selbst herausfinden.

flo

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