Das Altpapier am 12. März 2020 Wenn Corona die Öffentlichkeit zum Spagat zwingt

Vorsichtsmaßnahmen und Quarantäne zwingen Gesellschafts- und Arbeitsleben in den digitalen Raum. Im Digitalisierungs-Entwicklungsland Deutschland kann es angesichts der aktuellen Dringlichkeit eigentlich nur eine steile Lernkurve geben. Schade, dass es dafür erst einen Coronavirus braucht. Deutsche Medienpolitik erschöpft sich währenddessen in gemächlicher Dringlichkeit. Und tätliche Angriffe auf Journalist:innen scheinen sich in Deutschland zu etablieren. Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 12. März 2020: Porträt Autorin Nora Frerichmann
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Ein Virus definiert Öffentlichkeit um

Die Bilder von Candida Höfer werden eigentlich in Auktionshäusern verkauft oder in Museen ausgestellt. Die Fotokünstlerin hat viele öffentliche Räume eingefangen, in einem dissoziativ wirkenden Zustand: verlassene Konzertsäle und Schauspielhäuser, menschenleere Bibliotheken, Museen und Wartesäle. Die Abbildung dieser Leere zwingt dazu, sich mit unserem Konzept von Öffentlichkeit auseinanderzusetzen: Wie prägen Menschen Öffentlichkeit und wie werden Menschen dabei wiederum von Öffentlichkeit geprägt? Aktuell könnten die Fotos aber auch als Symbolbilder dienen, als Ausblick auf einen für die kommenden Wochen durch das Coronavirus zu befürchtenden Zustand.

In der Süddeutschen ist z.B. heute im Feuilleton eine Übersicht zusammengetragen worden, welche kulturellen Veranstaltungen vorsorglich wegen der Verbreitung von Covid-19 ausfallen oder vor leeren Rängen stattfinden. Leere Redaktionsräume und TV-Studios gibt es mittlerweile auch – nicht von Höfer, soweit ich weiß, sondern beim Tagesspiegel, und teilweise beim ZDF und beim RBB.

Wie Höfers Bilder, nur viel unmittelbarer, zwingt das Virus Deutschland nun also, sich mit dem Konzept von Öffentlichkeit auseinanderzusetzen. Vieles wird wohl abgesagt, einiges aber auch über digitale bzw. mediale Kanäle umgeleitet: So plant z.B. der RBB laut Tagesspiegel verschiedene Konzerte und Opern, Diskussionsrunden, Sport- und Museumsveranstaltungen im Radio, TV oder als Stream zu übertragen. Eine Art virtuelle Buchmesse setzen die ARD-Kulturprogramme auf – als kleinen Ersatz für das abgesagte Leipziger Großereignis.

In Österreich wird ab kommender Woche der Schulunterricht eingestellt, berichtet die Kleine Zeitung. Das ORF wolle darauf eingehen und sein Programm entsprechend ändern. Michael Jungwirth berichtet:

"Sobald die von der Regierung verordnete Schulschließung in Kraft ist, soll zumindest in den Vormittagsstunden auf ORF-1 ein schülergerechtes Bildungsprogramm gesendet werden."

Erste Details sollen heute nach einem Treffen von ORF-1-Chefin Lisa Totzauer und Bildungsminister Heinz Faßmann bekanntgegeben werden. Zur Debatte stehe u.a. auch die Schaffung einer Edu-Thek, einer Mediathek in der Lerninhalte abgerufen werden können.

Schön, dass die Öffentlich-Rechtlichen nun die Chancen nutzen, so flexibel auf aktuelle Ereignisse zu reagieren, das Programm dementsprechend kurzfristig umzukrempeln und so nah an den Kern ihres gesetzlichen Auftrags heranzurücken. Schade, dass es dafür scheinbar erst ein Coronavirus braucht.

Corona als Digitalisierungs-Indikator

Mit den Vorsichtsmaßnahmen gegen Verbreitung von Covid-19 nimmt laut Hamburger Abendblatt (dpa) einerseits die TV-Nutzung zu, andererseits verzeichnet laut FAZ die Internetnutzung einen neuen Rekord. Inga Janović berichtet:

"Mitte Dezember galten noch acht Terabit pro Sekunde als unvorstellbare Größe, am Abend des 10. März waren es nun 9,1 Terabit an Daten, die innerhalb von einer Sekunde am Internetknoten Frankfurt ausgetauscht wurden. Der neue Weltrekord wurde am Dienstag gegen 21 Uhr gemessen. Er entspricht der Datenmenge von zwei Millionen hochauflösenden Videofilmen oder dem Informationsgehalt von zwei Milliarden beschriebenen Din-A4-Seiten."

Einerseits spiele das durch das Virus gesteigerte Informations- und Diskussionsbedürfnis der Menschen über Nachrichtenportale und Social Media dabei eine Rolle, andererseits seien auch die Abrufe von Streaming-Angeboten und Online-Games eine gestiegen, teilte der Betreiber Ce-Dix mit.

Das Virus zwingt das Digitalisierungs-Entwicklungsland Deutschland auch dazu, sich verdammt nochmal mit "neuen", beziehungsweise digitalen Arbeits-Tools auseinanderzusetzen. Ähm, ja, dass das nicht auf Anhieb reibungslos klappt, war wohl abzusehen. Unter Politiker:innen wird wohl jetzt zwangsweise die Videokonferenz der heißeste Shit. Verrückt, was mit diesem Internet heutzutage so alles geht. Die Staats-und Regierungschef:innen der EU haben sich am Dienstag auf diesem virtuellen Weg zusammengefunden und auch das bayerische Innenministerium nutzt ein Videokonferenzsystem, um sich über das Vorgehen rund um Covid-19 auszutauschen.

Letztere stand nach einer Recherche von c‘t allerdings zunächst mal frei zugänglich im Netz herum. Der einzige Schutz der Räume habe darin bestanden, dass die URL nicht jedermann bekannt war, berichten Achim Barczok und Ronald Eikenberg. So habe man unbehelligt an einer internen Konferenz mit Innenminister Joachim Herrmann teilnehmen können:

"Obwohl c't unangemeldet diese Konferenz betrat, schien keinem der Teilnehmer die vierte zugeschaltete Kamera aufzufallen, die einen leeren Büroraum zeigte. So wurde weder nachgefragt, wer sich dahinter verbarg, noch wurden wir aus dem Raum entfernt."

Nach einem Hinweis der Redaktion scheint das Ministerium zumindest eine PIN eingerichtet zu haben. Man darf also gespannt sein, welch digitaler Analphabetismus nun bei verstärkter Home-Office-Nutzung und digitalen Methoden für Unis und Schulen zutage tritt.

Die in Deutschland noch recht große Lücke zwischen virtuellen und analogen Öffentlichkeiten wird durch das Virus vermutlich etwas kleiner – und die Frage, warum zum Henker Deutschland in den vergangenen Jahren so wenig für funktionierende Verbindungen dazwischen getan hat, größer.

Digitalisierungstechnisch kann die Lernkurve durch Corona jedenfalls allein dadurch, dass viele virtuelle Arbeitsmöglichkeiten zwangsweise für einige Zeit intensiv genutzt werden müssen, eigentlich nur rasant nach oben gehen – wenn auch vielleicht nicht ganz so extrem, wie sich die Infektionsrate grade entwickelt.

Gemächliche Dringlichkeit

In Berlin treffen sich heute mal wieder die Ministerpräsident:innen – nicht nur wegen Corona, sondern auch, um über den Rundfunkbeitrag zu beraten. Der wird wahrscheinlich 2021 um 86 Cent auf 18,36 Euro steigen.

Dazu steht nun das bereits gestern im Altpapier erwähnte FAZ-Interview von Helmut Hartung frei online. Darin zeigt sich Heike Raab, Medienstaatssekretärin aus Rheinland-Pfalz (das Land koordiniert die Arbeit der Rundfunkkommission der Länder) optimistisch, dass das Verständnis für die Erhöhung in der Kommission

"in der großen Mehrheit vorhanden ist, denn auch bei den Rundfunkanstalten müssen Tarifsteigerungen umgesetzt und Kostenerhöhungen für Lizenzverträge, übliche Preissteigerungen, Verträge mit den Produzenten entsprechend den marktwirtschaftlichen Bedingungen berücksichtigt werden."

Neben der Kritik an den teilweise von der KEF (Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten) als zu hoch kritisierten Gehältern bei den Öffentlich-Rechtlichen, geht es in dem Gespräch u.a. um die Neudefinition ihres Auftrags, an der nun auch schon wieder seit einigen Jahren mit mäßigem Erfolg herumgeochst wird. Dass das so ein langwieriger und für Außenstehende schwerfällig und unsexy wirkender Prozess ist, war laut Raab absehbar:

"Betrachten Sie mal den Entscheidungsprozess zu 'funk'. Bis zum Start 2016 erstreckte sich die Debatte über fünf Jahre."

Für dringend notwendig hielten viele Mitglieder zudem die Entwicklung einer gemeinsamen Plattform für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Gut, diese Dringlichkeit hat angesichts einer Corona-Pandemie wohl einen eher relativen Charakter. Und, dass die ÖR eigentlich dringend ein grundlegendes Update ("Auftrag und Strukturoptimierung") bräuchten, steht schon seit Jahren im Raum.

Nach den Wahlen vergangenes Jahr in verschiedenen Ländern, vor denen natürlich kaum jemand das heikle Thema Rundfunkpolitik grundlegend diskutieren wollte, kann man sich nun auch Anfang 2020 weiterhin auf das Reizthema Rundfunkbeitrag zurückziehen. "Dringend" bleibt in der Medienpolitik also ein nicht gerade drängender Begriff – es sei denn, die MPs überzeugen uns morgen bei ihrer PK wider Erwarten vom Gegenteil.


Altpapierkorb (Angriffe auf Reporter:innen, #metoo-Berichterstattung, Corona & Lokaljournalismus, Grimme-Preisverleihung abgesagt)

+++ Tätliche Angriffe auf Journalist:innen haben sich in Deutschland in den vergangenen Jahren etabliert: Zu dem Ergebnis kommt eine Analyse des Europäischen Zentrums für Presse- und Medienfreiheit (ECPMF). Zwar sei die Zahl der Fälle im vergangenen Jahr wieder etwas gesunken, heißt es drüben beim MDR. Mehr als ein Viertel der in den vergangenen fünf Jahren gezählten Angriffe seien rechtsmotiviert gewesen und ereigneten sich auf Demonstrationen, berichtet FAZ.net.

+++ Bei Übermedien nimmt Samira El Ouassil die Gabor Steingarts "Morning Briefings" zum Coronavirus auseinander: "Nicht für die Verhinderung der Ausbreitung zu sein, ist gesellschaftsgefährdendes Trolling. Wenn ein Newsletter mit vielen Tausend Followern vermittelt, dass eine wissenschaftlich begründete Vorsicht alberner Quatsch ist, und das nur, um die eigene Coolness zu inszenieren, ist das das Gegenteil von Vernunft: Es ist unverantwortlich."

+++ Stärkt eine umfangreiche, aber sachliche Berichterstattung über das Coronavirus den Lokaljournalismus? Annika Schneider geht der Frage beim Bonner General-Anzeiger nach, zu hören bei Deutschlandfunks @mediasres.

+++ Grimme-Preisverleihung findet nicht wie geplant am 27. März statt. Das Institut wolle damit seinen Beitrag leisten, die fortschreitende Verbreitung des Coronavirus einzudämmen.

+++ Joachim Huber zeigt sich im Tagesspiegel überraschend angetan von dem Format "Maischberger vor Ort". Für die Gäste sei eine "Flucht in die Phrase" kaum möglich: "Mag in Fragen aus dem Publikum oft persönliche Betroffenheit mitschwingen, so sind sie längst nicht so taktisch abgezirkelt wie in sonstigen Polittalks. "maischberger. vor ort" überrascht Politikerinnen und Politiker durch ein aktives und aktiviertes Publikum. Es fehlt diese eingeschliffene Routine im Dialog, wie erfreulich."

Neues Altpapier gibt‘s wieder am Freitag.

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