Trauriger Jahrestag Vor 50 Jahren stürzte eine Il-62 der Interflug bei Berlin ab – 156 Menschen starben

Es ist die schlimmste Flugkatastrophe in Deutschland seit dem 2. Weltkrieg: Vor 50 Jahren stürzte eine Interflug-Maschine Iljuschin bei Königs Wusterhausen ab. Keiner der 156 Insassen überlebte.

Ein Flugzeug vom Typ Iljuschin Il-14 steht seit Mai im Technikpark. Im April 1991 ging die Reise der DDR-Airline zu Ende, eine Geschichte mit Licht und Schatten.
In einem Passagierflugzeug der DDR-Fluglinie Interflug fanden vor 50 Jahren 156 Insassen den Tod. Bildrechte: dpa

Es ist der 14. August 1972 – Sommerferien in der DDR: Auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld tummeln sich die Urlauber. 148 steigen in die Interflug-Maschine vom Typ Iljuschin IL-62 nach Bulgarien. Rund 3.500 Flugstunden hatte die Maschine mit dem Luftfahrzeugkennzeichen DM-SEA zu diesem Zeitpunkt bisher absolviert. Im Cockpit der Pilot Heinz Pfaff, ein äußerst erfahrener Mann mit mehr als vier Millionen Flugkilometern.

Sterwardessen der Aeroflot gehen vor einer Ilyushin Il-62 auf dem Rollfeld, 1963
Stewardessen der Interflug-Airline in den 1970er-Jahren. Bildrechte: IMAGO/Dmitriy Kozlov

Der Flug von Berlin-Schönefeld bis zum Flughafen Burgas in Bulgarien sollte eigentlich eine Routineangelegenheit sein. 16:29 Uhr hob die Maschine ab. Die meisten Passagiere stammten aus Cottbus, Dresden und Berlin. 

Blick ins Innere der «Lady Agnes», einer Iljuschin 62 der Fluggesellschaft Interflug, die auf dem Flugplatz Stölln/Rhinow steht. Das 1973 gebaute Passagierflugzeug war am 23. Oktober 1989 auf einer nur 800 Meter langen Ackerpiste gelandet.
Ein Blick ins Innere einer Iljuschin 62. Bildrechte: dpa

Mayday, Mayday

Doch bereits knapp 100 Kilometer von Berlin entfernt, bemerkte die Besatzung in 8.900 Metern Höhe Probleme mit dem Leitwerk – die Rückkehr nach Berlin-Schönefeld wurde umgehend eingeleitet. Die IL-62 ließ Treibstoff ab, um leichter zu werden. Dann ging alles ganz schnell: Trotz mehrerer Versuche, die Katastrophe abzuwenden, zerbrach das Passagierflugzeug 17:01 Uhr in der Luft – und schlug am Stadtrand des Örtchens Königs Wusterhausen ein. Keine 300 Meter von den ersten Häusern entfernt. Noch zwei Minuten zuvor hatten die Piloten einen Notruf abgegeben. Man habe zunehmende Probleme mit der Höhensteuerung. Keiner der 156 Insassen an Bord überlebte.

Trauer in der DDR

Wenig später trauerte die DDR in einem Staatsakt. 60 Opfer konnten nicht mehr eindeutig identifiziert werden. Sie befanden sich im Rumpf des Flugzeuges und waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Sie wurden in einem gemeinsamen Grab auf dem Waldfriedhof Wildau-Hoherlehne bestattet.

Der Gedenkstein für die Opfer des Flugzeugabsturzes von 1972 auf dem Waldfriedhof. Links neben dem Stein sind die nicht identifizierten Toten des Absturzes bestattet. Eine Iljuschin IL-62 der DDR-Gesellschaft Interflug war am 14.08.1972 kurz nach dem Start bei Königs Wusterhausen abgestürzt. Alle Passagiere und Besatzungsmitglieder kamen ums Leben.
Der Gedenkstein für die Opfer des Flugzeugabsturzes auf dem Waldfriedhof Wildau-Hoherlehne. Bildrechte: dpa

Image-Katastrophe für die Sowjetunion

Menschlich gesehen war der Absturz der IL-62 eine Tragödie. Und für die Interflug, der staatlichen Fluggesellschaft der DDR, neben einer Imagekatastrophe auch ein politischer Drahtseilakt.

Die Iljuschin IL-62 war das erste mit Strahltriebwerken ausgestattete Langstrecken-Verkehrsflugzeug der Sowjetunion – ein Vorzeige-Objekt, mit dem man auch den Vergleich zum Westen suchte.

Die Ursache blieb lange ein Geheimnis

Die Familien der Opfer blieben über die genauen Ursachen des Absturzes lange im Unklaren. Dabei wurde extra eine Untersuchungskommission einberufen – allerdings ohne das Wissen der Öffentlichkeit.

Ihr Ergebnis: Ein Konstruktionsfehler führte im Heck zu einem Kurzschluss. Durch eine undichte Heißluftleitung strömte 300 Grad heiße Luft so lange auf einen Kabelbaum, bis die Isolierung verkohlt war und erst die Kabel, dann das ganze Heck Feuer fing. Den Brand bemerkte man allerdings nicht gleich, da es keinen Feuermelder gab.

Ein Flugzeug der DDR-Fluggesellschaft Interflug vom Typ Iljuschin IL-62 auf dem Zentralflughafen Berlin-Schönefeld.
Eine Interflug vom Typ Il-62 auf dem Zentralflughafen Berlin-Schönefeld. Bildrechte: dpa

Technische Mängel wurden aus politischen Gründen unter den Tisch gekehrt

Die sowjetischen Konstrukteure der Iljuschin wollten sich die Schuld nicht in die Schuhe schieben lassen und bestätigten die Ergebnisse nicht. Ost-Berlin wollte keinen Ärger. Also empfahl Paul Wilpert, damaliger Leiter der Regierungskommission, den Streit mit den sowjetischen Genossen am besten auf sich beruhen zu lassen.

Allerdings wurden die Maschinen technisch aufgerüstet: Brandmelder wurden eingebaut, zusätzliche Wartungen eingeführt. Während der Ermittlung galt außerdem ein Flugverbot für alle anderen Maschinen vom Typ IL-62 der Interflug.

Die volle Wahrheit über den Absturz der Interflug IL-62 kam erst nach dem Mauerfall ans Licht.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | BRISANT | 13. August 2022 | 17:15 Uhr

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