Bachs Erben

Der Weg des Erbes

Ein Laute spielender Bäcker, Veit Bach in Wechmar, begründete die Bach-Dynastie. Er wurde zum Ahnherrn einer Familie, deren Name in Thüringen als Berufsbezeichnung galt: Stadtpfeifer, Organisten, Kantoren oder Komponisten, kurz gesagt die "so genannten Bachen". Einmal im Jahr traf sich die musikalische Großfamilie in Erfurt, Eisenach oder Arnstadt zum privaten Festival. Auch das Überliefern geschriebener Noten gehörte zum Brauch. Auch Johann Sebastian wird seinen zwei ältesten Söhnen, Carl Philipp Emanuel (1714-88) und Wilhelm Friedemann (1710-1784), ein Büchlein mit dem Familienschatz mitgeben und nicht nur das. Denn der Mann starb nicht arm, eine wertvolle Instrumentensammlung und eine stattliche theologische Bibliothek gehörten neben Barem zum Erbe. Sein Testament begünstigt allerdings auffällig den Jüngsten, Christian (1735-1782), der den Vater respektlos "alte Perücke" nannte. Carl Philipp nimmt seinen Bruder nach dem Tod des Vaters auf, Christian bleibt vier Jahre bis 1754 bei ihm in Berlin. Dann macht er sich auf nach Italien, um sich dort ganz anders ambitioniert als der Vater, den neuen Opernstil anzueignen. Er macht als Signor Giovanni Bach Karriere. Auch in London darf er erleben, wie eine seiner Opern gefeiert wird. Als John Bach wird er Musikmeister der Königin. Mozart nimmt sich nicht den alten Bach, sondern den galanten und weltläufigen Christian zum Vorbild.

Rückblende: C.P.E. und W. F. starten als Juristen

1730 schreibt der glückliche Vater, Carl Philipp Emanuel und Friedemann seien beide bereits tüchtige Musiker und Jurastudenten. Ein Uni-Studium gehörte damals auch für Berufsmusiker zum guten Ton. Bach selbst hatte ja 1723 Schwierigkeiten gehabt, als er bei der Probe zum Thomaskantorat ohne einen solchen Abschluss seine akademischen und pädagogischen Fähigkeiten nachweisen sollte. Carl Philipp Emanuel eiferte bereits als Student in Frankfurt/Oder dem Vater nach und gründet ein studentisches Collegium musicum, Vorbild ist Bachs Collegium im Zimmermannschen Cafehaus in der Leipziger Katharinenstraße. 1738 gewinnt ihn Kronprinz Friedrich für sein Ruppiner Refugium. Die Hofkapelle von König Friedrich besteht auch aus anderen Freunden und Verehrern des Leipziger Meisters. So ist es folgerichtig, dass JSB den König 1747 nach langem Drängen in Potsdam besucht und König, Sohn und Hofkapelle mit seiner Tasten-, Improvisations- und Fugenkunst in Erstaunen setzt. 1748 freut sich Johann Sebastian über die ersten Enkel: "Mein Sohn (Carl) hat nun schon zwei männliche Erben!"

Aus heutiger Sicht ragt wohl Carl Philipp Emanuel aus der Nachkommenschaft heraus. Zu Hause lernt er die Musik nach Vaters Noten, macht am Hof bei Friedrich II. in Preußen 27 Jahre lang Karriere und beschließt sein Berufsleben in Hamburg. Er erbt 1767 die Stelle des Musikdirektors am Hamburger Johanneum, die sein Pate, Georg Philipp Telemann, vor ihm 46 Jahre bekleidet hatte. Er erbte die Partitur des "Magnificat", das Bach 1723 für eine Weihnachtsvesper in der Thomaskirche zu Leipzig geschrieben hatte. 1779 veranstaltet er eine Wiederaufführung in Hamburg. Um seine Stiefmutter, Anna Magdalena, kümmerte er sich allerdings nicht. Die wollte nach dem Tod ihres Mannes ihr mageres Einkommen aufbessern und war 1752 gezwungen, teure Notenblätter ihres verstorbenen Gatten zu verkaufen.

Während Carl Philipp Emanuel den überlieferten Notenschatz des Vaters hütet, geht sein Bruder Wilhelm Friedemann geradezu nachlässig mit seinem Erbteil um. Er erbte eine heute verschollene Passionsmusik seines Vaters, die er in Halle in den frühen 1760ern frech als die eigene Schöpfung ausgibt. Friedemann hatte als Organist der Marienkirche wie sein Vater für neue Musik zu den kirchlichen Feiertagen zu sorgen. Aus Faulheit, nicht weil er unbegabt war, unterlegt er die Musik seines Vaters für den Karfreitagsgottesdienst, die Passion eben, mit einem anderen Text und lässt das Plagiat als eigenes Werk aufführen. Der Schwindel fliegt auf, weil ein Kantor aus der Nähe Leipzigs den Gottesdienst zufällig besucht und die Passionsmusik als Johann Sebastians wieder erkennt. Seine Stelle in Halle kündigte er, von Frau und Tochter trennte er sich. Er strandet irgendwann in Berlin und gibt der Großmutter von Felix Mendelssohn Privatstunden. "Freunde der Kunst und des Bachschen Namens" nahmen ihn mehrfach "vom Mist", wie es heißt. Es half nichts. Dennoch war er der Lieblingssohn Bachs, nicht Carl Philipp Emanuel.

Für eine ordentliche Biografie des Vaters aber sorgten beide nicht. Friedemann behindert den ersten Bach-Biografen, Forkel, indem er die geerbten Autografen des Vaters nur gegen Gebühr ausleiht, wenn er sie nicht sogar verscherbelte. Carl Philipp Emanuel ließ sich selbst als "größten Komponisten für Klavierinstrumente" feiern. An Aufführungen von Johann Sebastians Werken in Hamburg war nicht zu denken, auch in Druckausgaben wollte er lieber nichts investieren. Schließlich war die Veröffentlichung der Kunst der Fuge ein Flop gewesen. Sechs Jahre nach dem Tod des Vaters fanden gerade 30 Exemplare Absatz. Händel beginnt eben, so richtig populär zu werden.

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