Fragen an Fred Gehler "Der Mythos ist kritisch zu hinterfragen"

Filmfest-Direktoren im Interview - Fred Gehler

Fred Gehler, Jahrgang 1937, studierte zunächst Journalismus. Ab Mitte der Sechzigerjahre war er freischaffender Filmpublizist, später wurde er dann künstlerischer Leiter des Festivalkinos "Casino". Für das DDR-Fernsehen und den ORB hat er mehrere filmhistorische Essays verfasst. Von 1994 bis 2003 war er Leiter des Leipziger Festivals.

Herr Gehler, wie sah Ihre erste Begegnung mit dem Dokfilmfestival Leipzig aus? Wann war das?

Ich lernte als studentischer Filmfan 1960 die erste internationale Variante des Festivals kennen. Also das Jahr von Karabasz' "Musikanten" und Karel Reisz' "We are the Lambeth Boys".

Welches war das beste Festivaljahr für Sie? Welches das schlechteste? Warum?

In den Kriterien bestes und schlechtestes Festivaljahr kann und will ich nicht urteilen. Das reduziert meines Erachtens den Focus auf das Festival auf banale oder populistische Weise. Als "Ersatz" benenne ich die für mich emotional aufregendsten Jahre: Mein erstes und mein letztes Jahr als Festivaldirektor - aus verständlichen Gründen!

Was war oder ist das Besondere am Leipziger Festival?

Es trat mit einer Vision von der Mission des Dokumentarfilms an, verlor oder vergab sie zwischendurch und versuchte sie später wiederzubeleben. Der Mythos vom "Mekka" des Dokumentarfilms ist sicherlich etwas "Besonderes". Allerdings ist dieser Mythos immer wieder kritisch zu hinterfragen.

Was, glauben Sie, war Ihr wichtigster Erfolg als Festivaldirektor?

Dazu beitragen zu können, das sehr drohende Aus für das Festival zu verhindern und es wieder mit einem Publikum zusammenzuführen.

Nennen Sie bitte drei Filme, die in den vergangenen fünf Jahrzehnten in Leipzig gelaufen sind, die aus Ihrer Sicht heute noch Bestand haben. Wodurch?

Eine gängige Quizfrage, die nichts bringt. Ich würde meine eigene Vorstellung von den sehens- und bewahrenswerten Schatzkammern des dokumentaren und Animations-Films nur durch eine "Auswahl" beschädigen.

Wird es den Dokumentarfilm auch in fünfzig Jahren noch geben? Wenn ja, wie müsste er aussehen?

Ich habe eher apokalyptische Gedanken über die zukünftige Entwicklung der Medien und ihrer sogenannten "Verwertung". Also bleibt nur Skepsis!