"Silicon Saxony" - Das Mikroelektronik-Zentrum in Dresden

Dresden war das Zentrum der Mikroelektronik der DDR. 1993 siedelten sich hier namhafte IT Firmen an - die Grundlage für das "Silicon Saxony".

Kontrollstation Infineon Dresden
Bildrechte: Infineon Technologies AG

Es war 1998, als Richard Hornik, Reporter des renommierten "Time Magazine", nach Sachsen reiste, um zu erfahren, warum der amerikanische Weltkonzern "AMD Inc." ausgerechnet in Dresden seine neue Produktionsstätte für Mikroprozessoren eröffnet hat. "It’s all about people", bekam er von den euphorischen Managern des Konzerns zu hören. Seinen Artikel überschrieb Hornik mit zwei Worten, die der Region von da an ihren Namen geben sollten: "Silicon Saxony".

Der Visionär Werner Hartmann

Begonnen aber hatte alles schon Jahrzehnte vorher. 1958 erfuhr der Physiker Werner Hartmann vom ersten integrierten Festkörperschaltkreis, den Jack Kilby in den USA vorgestellt hatte. Hartmann begriff sofort, welch enorme Bedeutung diese Erfindung haben würde und gründete - ohne den Segen der SED-Staatsmacht - ein eigenes Institut in Dresden: die "Arbeitsstelle für Molekularelektronik" (AME). Im August 1961 nahm das Institut mit seinen zunächst acht Mitarbeitern die Arbeit auf. Es war gewissermaßen die Geburtsstunde des "Silicon Saxony". Forschen und produzieren an einem Ort hieß das Motto von Hartmanns "AME".

"Amerikanischer Spion"

Werner Hartmann wurde 1974 wegen angeblicher Spionage für einen amerikanischen Geheimdienst von der SED aus seinem eigenen Institut gejagt. Im "AME" waren aber inzwischen schon knapp 1.000 Wissenschaftler beschäftigt, denn die Staatsmacht im fernen Berlin hatte mittlerweile auch erkannt, was Hartmann bereits 1958 wusste: Die Mikroelektronik könnte für die rohstoffarme DDR ein einzigartiger Wirtschaftsfaktor sein. Folgerichtig wurde sie nun zur "Schlüsseltechnologie" erklärt und in Dresden das Zentrum der DDR-Mikroelektronik etabliert. Ein Höhepunkt der DDR-Mikroelektronik war schließlich die groß angelegte Präsentation des 1-Megabit-Speichers 1988. Produziert werden kann der Speicher aber nicht – es fehlen schlicht die Produktionsanlagen.

"Silicon Saxony"

Schon fünf Jahre nach der Wende siedelten sich im einstigen "Tal der Ahnungslosen" die ersten Mikroelektronikfirmen an, darunter Global Player wie Siemens/Infineon oder "AMD". Und Dutzende kleinerer Zulieferfirmen folgten. Angelockt wurden sie von milliardenschweren Subventionen der sächsischen Staatsregierung. In Dresden sollte ein Wachstumskern geschaffen werden. Man wird es später auch als "Politik der "Leuchttürme" bezeichnen. Die Region Dresden soll zum europäischen High-Tech- Zentrum aufgepäppelt werden. "Wo Tauben sind, fliegen Tauben hin", umreißt der damalige sächsische Ministerpräsident Biedenkopf die Strategie seiner Regierung. Und der Erfolg scheint ihm Recht gegeben zu haben.

DDR-Ingenieure als Ansiedlungsgrund

Eine wichtige Rolle bei der Ansiedlung der weltweit agierenden Chiphersteller spielten aber die Menschen, die zu DDR-Zeiten bei "AME" oder "Robotron" Pionierleistungen erbracht und mit ihren unter schwierigen Arbeitsbedingungen entwickelten Computern die westlichen Geheimdienste oftmals in hektische Betriebsamkeit versetzt hatten. Sie bildeten die Grundlage für den märchenhaften Aufstieg einer scheinbar am Rande liegenden Region zu einem der wichtigsten Standorte der Chipproduktion in Europa.

Hartmann erlebt "Silicon Saxony" nicht mehr

Werner Hartmann, der 1961 das Fundament für das "Silicon Saxony" legte, starb übrigens 1988, ein Jahr vor dem Ende der DDR. Bis zum Schluss wurde er vom Ministerium für Staatssicherheit beschattet und als "Schädling" bezeichnet.

(zuerst veröffentlicht am 02.04.2009)

Über dieses Thema berichtete der MDR auch im TV: MDR um 2 | 25.10.2017 | 14:00 Uhr