Gründung vor 35 Jahren Der lange Kampf um die Lyonel-Feininger-Galerie in Quedlinburg

In Quedlinburg befindet sich die größte Sammlung von Grafiken des deutsch-amerikanischen Malers Lyonel Feininger, der mit seinen Arbeiten am Bauhaus zu den bedeutendsten Künstlern der Klassischen Moderne zählt. Dass sich die Sammlung heute ausgerechnet in dem kleinen Städtchen im Harz befindet, hat viel mit den politischen Turbulenzen des 20. Jahrhunderts zu tun. Und auch die Gründung der Lyonel-Feininger-Galerie in Quedlinburg am 17. Januar 1986 ist letztlich deren Resultat.

Außenansicht der Lyonel-Feininger Galerie in Quedlinburg
Bildrechte: MDR/Michael Rosebrock
Lyonel Feininger
1937 emigriert Lyonel Feininger in die USA Bildrechte: dpa

Im März 1984 treffen 49 Gemälde Lyonel Feiningers in New York ein. Fast zeitgleich verfasst die Kulturabteilung des Kreisrates Quedlinburg eine Beschlussvorlage. Darin heißt es: "Mit der Bildung und Errichtung der Lyonel-Feininger-Galerie sichert unsere sozialistische Gesellschaft die Erhaltung, Pflege, Erschließung und den Schutz der Lyonel-Feininger-Sammlung in Quedlinburg als Bestandteil des international bedeutsamen Kulturgutes der DDR."

Der erbitterte Streit um Feiningers Bilder

Lyonel Feiningers Marktkirche in Halle
Lyonel Feininger fertigte insgesamt elf Stadtansichten von Halle im expressionistischen Stil an. Darunter auch das Gemälde "Marktkirche in Halle, 1930" Bildrechte: imago images/Photo12

Dass es eine bedeutsame Feiningersammlung in Quedlinburg gibt, bekommen die DDR-Behörden Anfang 1971 mit, als die Söhne Feiningers die Rückgabe von einigen Dutzend Gemälden ihres Vaters fordern. Diese hatte der Künstler vor seiner Emigration Hermann Klumpp anvertraut. Der promovierte Jurist studierte ab 1929 am Bauhaus und freundete sich mit Feininger an. "1933 konnte ich alle Bilder, die aus Dessau eiligst verschwinden mussten, in mein Elternhaus nach Quedlinburg bringen. Am 18. Oktober 1935 konnte ich eine beachtliche Zahl von Bildern Feiningers heimlich aus seinem zweiten Atelier im Turm der Moritzburg in Halle wegholen. 1937 war es mir möglich, aus Siemensstadt alle Bilder nach Quedlinburg zu schaffen", erinnert sich Hermann Klumpp.

Doch sind die 64 Bilder damit auch Klumpps Eigentum oder gehören sie Feiningers Söhnen? Darüber wird seit 1971 am Bezirksgericht Halle verhandelt. Das Urteil 1976 ist eindeutig: Die überwiegende Mehrheit der Bilder gehört den Amerikanern. Doch inzwischen haben sich die DDR-Behörden eingeschaltet. Als "schützenswertes Kulturgut" dürfen sie nach DDR-Recht nicht außer Landes gebracht werden. 1983 platzt den amerikanischen Anwälten der Geduldsfaden: Sie verklagen die DDR vor einem New Yorker Gericht. DDR-Außenminister Oskar Fischer richtet folgende Worte an das Politbüro: "Geht dem Gericht eine termingerechte Erwiderung nicht zu, kann ein Versämnisurteil erlassen sowie Antrag auf Zwangsvollstreckung gestellt werden."

Schwarz-Weiß-Aufnahme eines Hauses
Das städtische Museum im Baustil des Historismus von 1901, der Ursprungsbau der späteren Feininger-Galerie Bildrechte: Jürgen Meusel

Nun kommt endlich Bewegung in die Verhandlung. Die Amerikaner geben einige im Jahr 1945 geraubte Bilder zurück und Feiningers Söhne bekommen ihr Erbe. Drei Bilder bleiben als Entschädigung für Restaurierungsarbeiten in Ostberliner Museen. Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann ist zufrieden: "Die genannten Werke stellen eine wichtige Bereicherung des Bestandes der Nationalgalerie über einen Bauhauskünstler dar, der den bürgerlich-progressiven Vertretern der deutschen Kunst gehört." Hermann Klumpp jedoch gerät in die Zwickmühle. Solche Kulturschätze in privater Hand sind dem Kulturministerium ein Dorn im Auge. Doch in einer internen Vorlage des Amtes für Rechtsschutz heißt es: "Klumpp ist nicht bereit, mit staatlichen Institutionen zur Sicherung und Nutzung der Sammlung zusammenzuarbeiten."

Gründung der Lyonel-Feininger-Galerie im Jahr 1986

Schließlich gelingt es doch: der Rat des Kreises gründet 1986 die Lyonel-Feininger-Galerie und Hermann Klumpp übereignet ihr seine Sammlung und kümmert sich persönlich intensivst um deren Aufbau. "K. hat täglich die Bauarbeiten besichtigt, bis er der Baustelle verwiesen wurde", heißt es in den Akten, in denen sich auch ein Schreiben findet, im dem er Verzicht auf bunte Fenstergläser und weiße Wände fordert und außerdem "eine persönliche Würdigung seiner Verdienste in der Vorhalle". Als wenige Tage nach Feiningers 30. Todestag die Lyonel-Feininger-Galerie in Quedlinburg eröffnet wird, da erinnert eine Tafel an den Retter vieler Feininger-Werke.

Ausstellung in der Lyonel-Feininger-Galerie
Ein Blick in die Ausstellungsräume der Lyonel-Feininger-Galerie Bildrechte: MDR/Jan Dörre

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Januar 2021 | 08:40 Uhr

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