Interview Zweiter Versuch: So will Görlitz UNESCO-Welterbe werden

Görlitz bewirbt sich zum zweiten Mal um den Welterbetitel. Während beim ersten Versuch 2012 noch die Hallenhäuser im Fokus der Bewerbung standen, will die Stadt nun die eigene Bedeutung für den Handel im Mittelalter und der frühen Neuzeit in den Blick nehmen. Wie sich Görlitz auf den Besuch der UNESCO-Jury vorbereitet und wie gut die Chancen auf den Titel stehen, verrät der scheidende Bürgermeister für Kultur und Bau, Michael Wieler, im Interview.

MDR: 2012 hat sich Görlitz das erste Mal beworben, um auf die UNESCO-Welterbeliste zu kommen. Das Konzept ist nicht abgelehnt worden, aber Sie haben die Bitte übermittelt bekommen, noch mal über das Konzept nachzudenken. Inwiefern haben Sie das Konzept jetzt überarbeitet?

Michael Wieler: Wir wurden aufgefordert, nochmal nachzulegen, nochmal zu vertiefen. Und wir haben dann gegrübelt und zwar einige Jahre lang gegrübelt, in welche Richtung sollen wir denken? Die Hallenhäuser in Görlitz sind wirklich einzigartig und wir denken, dass wir das auch damals schon nachgewiesen haben. Aber wir hatten einen ganz klaren bauhistorischen Fokus. Da hatte uns die Jury damals – das war auch öffentlich einsehbar – in der Begründung ihrer Entscheidung einen Satz hingeschrieben, dass sie nämlich der Auffassung sei – und deswegen Görlitz nicht abgelehnt hat –, dass Görlitz in der Lage sei, den Wandel des Handelssystems vom späten Mittelalter zur frühen Neuzeit darzustellen. Und damit haben wir uns dann beschäftigt und gefragt, wie können wir das tun?

Wir haben jetzt ein richtig gutes Gefühl.

Michael Wieler, Kulturbürgermeister Görlitz

Wir haben geschaut, wie kommen wir an Fachleute, die uns hier gut beraten können. Wir haben eine große Tagung gemacht in Görlitz mit mehreren hundert Fachleuten, die sich mit dem Thema Welterbe im weitesten Sinne befasst haben. Da haben wir unter anderem eine Persönlichkeit kennengelernt, die bereits verschiedene Städte beraten hat in ihrem Bewerbungsverfahren, und mit dem haben wir zusammengearbeitet. Sein [Barry Gambles, Anm. der Redaktion] Ansatz war ganz einfach der: Erzählt doch die Geschichte dieses Wandels des zentraleuropäischen Handelssystems an dieser Wendezeit vom späten Mittelalter zur frühen Neuzeit.

Wir reden hier über das 15., 16., Anfang des 17. Jahrhunderts. Und das haben wir getan. Dann hat er gesagt, jetzt schaut doch mal, wo ihr diese Geschichte an den Görlitzer Architekturen festmachen könnt. Da sind wir eben weit über die Hallenhäuser, die nach wie vor die Spitze bleiben, hinausgeraten. Natürlich gehört auf einmal die eine oder andere Kirche dazu. Es gehören auch die Gebäude dazu, die letztlich Teil dieser Handelsstadt geworden sind und die notwendig waren, damit dieses Ensemble der Händler entstehen konnte. So ist eine komplexe Geschichte entstanden, die diesen Wandel erzählt.

Wir können in Görlitz einzigartig darstellen, wie sich dieser Wandel letztlich in Architekturen widerspiegelt. Ich hab das immer so ein bisschen verglichen mit einem Korallenriff. Da war ein Leben drin, was dieses Korallenriff gestaltet hat. Und wir haben einfach geschaut, was war das für ein Leben? Und wie hat dieses Leben zu diesen Formen geführt? Da haben wir jetzt ein richtig gutes Gefühl.

Porträt von Michael Wieler.
Michael Wieler ist seit über 14 Jahren Bürgermeister in Görlitz und tritt 2022 nicht erneut für das Amt an. Bildrechte: Stadtverwaltung Görlitz

Jetzt müssen wir mal über die zeitlichen Distanzen sprechen. Herr Wieler, wann würde Görlitz konkret erfahren: Ja, wir werden in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen?

Ja, das ist wirklich eine sehr breite Spanne, die auch davon abhängt, ob wir auf die sogenannte Tentativliste kommen. Auf diese Tentativliste sollen wieder 15 potenzielle Welterbestätten kommen, und die werden dann nach und nach abgearbeitet. Deswegen jetzt auch nach zehn Jahren die neue Tentativliste, das heißt jedes Jahr – das ist das Ziel und so ist es auch bisher realisiert worden – wird wieder eine Welterbestätte auf die UNESCO-Liste gebracht. Und dann wird es einfach davon abhängen: Erstens, kommen wir in zwei Jahren auf die Tentativliste, also sind wir die offiziellen Kandidaten von Deutschland, um auf die UNESCO-Weltliste zu kommen? Und dann die Frage, an welcher Position rangieren wir?

Da wird sich die Jury einfach anschauen: Wie weit sind die einzelnen Welterbestätten mit der Ausarbeitung ihrer Bewerbung? Wer kann am schnellsten zu dem Punkt kommen, dass man die Bewerbung konkret machen kann für ein Jahr? Das ist für uns natürlich schwer einzuschätzen, weil wir kennen natürlich andere Bewerber. Aber wie weit sie jetzt wirklich sind und wie weit sie aus Sicht der einschlägigen Jury sind, das werden wir erst dann erfahren, wenn das Jury-Urteil gesprochen ist, das heißt im schnellsten Falle kann es in wenigen Jahren sein. Es kann aber auch sein, dass es erst in zehn oder elf Jahren der Fall ist.

Wäre ein Welterbetitel für Görlitz auch ein bisschen das Äquivalent dafür, dass damals die Bewerbung für die europäische Kulturhauptstadt nicht geklappt hat?

Das sind natürlich zwei völlig unvergleichbare Dinge. Das eine ist eine einmalige Veranstaltung in einem Jahr, eine wichtige natürlich, eine herausgehobene. Das andere ist eine Anerkennung, die grundsätzlich dauerhaft gilt. Oft wird ja gesagt, das ist ein tolles touristisches Label, Welterbestätte zu sein. Das ist sicherlich auch der Fall. Aber ich glaube, dass auch nach innen für die Görlitzer Bevölkerung, hier für die Region, das einfach eine Anerkennung ist, welche Substanz da ist und die Arbeit, die jahrzehntelang in diese Stadt geflossen ist. Wir sind immer wieder total froh, das baut immer wieder auf, wenn Menschen zum ersten Mal nach Görlitz kommen und diese Stadt sehen und sagen: Wow, das hätte ich gar nicht gedacht, dass es so etwas noch gibt.

Wir sind nicht nur die Stadt mit den meisten Baudenkmälern nördlich der Alpen. Sondern diese Stadt ist auch in ihrer Substanz so weit saniert und renoviert worden in den letzten gut 30 Jahren, dass man sie in einer Qualität erleben kann, wie möglicherweise noch nie in dieser Stadt, vielleicht Anfang des 16. Jahrhunderts, als der Untermarkt gebrannt hatte vorher und man viele Gebäude neu gebaut hat.

Aber so, wie sie jetzt da steht, ist es eigentlich nur dann möglich, wenn eine Stadt in einer solchen außergewöhnlichen Zeitraffer-Situation, die wir nach den 90er-Jahren dann eben hatten – wo in sehr kurzer Zeit ganz viele Mittel vom Substanzerhaltungsprogramm des Bundes bis hin zu europäischen Fördermitteln bereit standen – und das Engagement privater Investoren, und die sind immer an erster Stelle zu nennen, uns unterstützt hat, um das zu leisten. Und man kann einfach nur sagen: Kommt nach Görlitz und schaut euch das an. Es gibt wirklich kaum Vergleichbares.

Laubengang am Untermarkt in Görlitz
Görlitz will mit dem Welterbetitel auch der Bevölkerung Anerkennung schenken. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Den Zeitkorridor, den ich kenne, ist, dass im Oktober 2023 die Kultusministerkonferenz den Beschluss fassen möchte, welche deutschen Städte vorgeschlagen werden und im Januar 2024 soll dann diese Tentativliste bei der UNESCO eingereicht werden. Passiert jetzt eigentlich ihrerseits aus Görlitz aus immer noch etwas? Oder steht jetzt das Konzept?

Das Konzept steht erstmal, aber wir arbeiten natürlich dennoch weiter, weil es gibt unterschiedliche Ebenen, die relevant sind. Wir haben gelernt in den Jahren, dass die UNESCO durchaus auch Erwartungen an eine Welterbestätte hat. Es ist eben nicht nur das touristische Label, sondern der Grundgedanke des Welterbes ist ja, den Menschen weltweit deutlich zu machen durch konkrete Stätten, dass die Menschen und Kulturen in aller Welt herausragende Kulturleistungen erbracht haben und dadurch Verständnis und Respekt und – letztlich weitergedacht – auch Frieden zu erzeugen. Und da ist jede Welterbestätte gefragt: Welchen Beitrag können wir denn zu diesem Welterbe-Gedanken leisten? Da haben wir ein Konzept, an dem wir weiter arbeiten.

Peter und Paul und das Waidhaus. Diese Aufnahme wurde von der Altstadtbrücke gemacht, die sich als 80-Meter-Bogenbrücke über die Neiße spannt.
Das Waidhaus Görlitz gehört zur Architektur, mit der sich die Stadt um den Welterbetitel bewerben will. Bildrechte: MDR/René Römer

Wir wollen eine Kulturerbe-Ausstellung in einer Görlitzer Kirche, die quasi säkularisiert werden soll, die Görlitzer Dreifaltigkeitskirche, installieren. Wir möchten im Waidhaus, dem ältesten säkularen Gebäude, was wir in der Stadt haben, in em das Waid, das Färbemittel, mit dem das Tuch gefärbt wurde, nutzen, um Restaurierungspraktiken, Handwerkspraktiken zu präsentieren und weiterzuvermitteln, die notwendig sind, um Denkmäler zu erhalten. Weil hier haben wir eine unglaubliche Kompetenz, und ich könnte schon sagen, vielleicht gibt es in Italien noch die eine oder andere Stadt, die dem gleichwertig ist.

Aber wir haben in den letzten 30 Jahren so viel an Denkmälern lernen können und Experten hier gehabt – ich glaube, wir können der ganzen Welt etwas erzählen davon, wie man historische Baumaterialien erhält, wie man sie pflegt und welchen Wert sie auch bedeuten. Und das wollen wir tun. Das soll unser Beitrag sein, aktiv um den Welterbe-Gedanken nicht nur hier in der Region, sondern allen Besuchern, die sich für das Welterbe interessieren, zu vermitteln.

Das Gespräch für "Aufgefallen" von MDR SACHSEN führte Moderator Andreas Berger.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Aufgefallen - der sächsische Kulturpodcast | 11. Juli 2022 | 17:00 Uhr