"Der erste Schriftsteller Deutschlands" Wielandgut Oßmannstedt eröffnet mit neuer Dauerausstellung und Fest

Das kleine Dörfchen Oßmannstedt bei Weimar hat am Freitag prominente Gäste: Kulturstaatsministerin Claudia Roth und Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow erscheinen, um das Wielandgut mit neuer Dauerausstellung zu eröffnen. Damit will man dem Dichter Christoph Martin Wieland wieder Aufmerksamkeit verschaffen. Vor 250 Jahren kam er als Prinzenerzieher an den Weimarer Hof. Mit Goethe, Schiller und Herder gehörte er zum Weimarer Viergestirn, war Shakespeare-Übersetzer und einer der bedeutendsten Schriftsteller der Aufklärung. In Oßmannstedt fand er Ruhe für seine literarische Arbeit. Jan Philipp Reemtsma, Wieland-Verehrer, Literaturwissenschaftler und Mäzen aus Hamburg, hat sich das Projekt Wielandgut zur ganz besonderen Aufgabe gemacht.

Das Wielandgut in Oßmannstedt ist idyllisch gelegen, direkt am Ilmradweg lockt es mit einem weitläufigen Gelände. Christoph Martin Wieland kaufte das Gut 1798, da war er Ende 50 und hatte sich jahrzehntelang nach einem Leben auf dem Land gesehnt.

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In dem Gut bei Weimar hatte der Schriftsteller Christoph Martin Wieland (1733-1813), einer der bedeutendsten Vertreter der deutschen Aufklärung, von 1797 bis 1803 gelebt. Vor 250 Jahren – 1772 – war Wieland als Prinzenerzieher an den Weimarer Hof gekommen. Die Eröffnung der neuen Dauerausstellung ist Höhepunkt des Themenjahres Sprache der Klassik Stiftung Weimar.

Die neue Dauerausstellung in den historischen Wohnräumen des Gutsgebäudes rückt Christoph Martin Wieland als Romanschriftsteller, als Chronisten der Französischen Revolution und als Shakespeare-Übersetzer ins Zentrum. Im Zusammenspiel mit dem romantischen Park und Wieland-Grabmal an der Ilm sowie vertiefenden Medienangeboten eignet sich die Ausstellung für Zufallsbesucherinnen und -besucher, die einen Stopp auf dem Ilmradweg einlegen wollen ebenso wie für "Fortgeschrittene".

"Ungeheures Arbeitspensum" in Oßmannstedt

Ein Leben ohne Lärm, ohne Stress, mitten in der Natur, das fand er hier, weiß Jan Philipp Reemtsma: "Für ihn war das ein Ort der literarischen Arbeit, der Spaziergänge im Park, am Ufer der Ilm. Und das Sitzen am Schreibtisch. Und das Schreiben. Das Arbeitspensum auch hier in Oßmannstedt war ungeheuer groß."

Wielandgut Oßmannstedt
Das Wielandgut in Oßmannstedt bei Weimar in Thüringen: Hierher kam der Dichter Christoph Martin Wieland, um Ruhe zu finden und um zu schreiben. Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

Wieland war ein extrem produktiver Mensch. So war es Jan Philipp Reemtsmas Aufgabe in den vergangenen Jahren, gemeinsam mit der Direktorin des Goethe-Nationalmuseums und einer Kuratorin aus Wien eine Essenz dieses Schaffens herauszufiltern – eine Essenz, die in die drei kleinen Räume passt, aus denen nun die neue Dauerausstellung besteht.

"Man fängt von hinten an. Man fragt: Was darf nicht fehlen? Und dann grenzt man es soweit ein, dass man nicht das Gefühl hat, hier haben wir Wieland auf einen Aspekt seiner Tätigkeit reduziert. Es wird immer etwas wegfallen. Aber man sieht – es geht!"

Neue Dauerausstellung: Übersichtlich und wohltuend zurückhaltend

Es geht tatsächlich. Die Ausstellung wirkt wohltuend zurückhaltend, angesichts der schieren Textmassen, die Wieland hinterlassen hat. Reemtsma und Co-Kurator und Gestalter Friedrich Forssman konzentrieren sich auf vier Themenfelder: auf Wielands Wirken als Journalist, Romanschriftsteller, Dichter und Übersetzer. Zu jedem Themenfeld sind einzelne Exponate zu sehen, ausgewählte Bilder und Schriftstücke. Das können mitunter auch schlicht Wörter sein. Beim Thema Übersetzen etwa – Wieland war der erste bedeutende Shakespeare-Übersetzer. Er hatte jedoch nur ein englisch-französisches Wörterbuch zur Verfügung, musste also bei der Übertragung ins Deutsche kreativ sein.

Büste von Christoph Martin Wieland
Eine Büste des Dichters Christoph Martin Wieland im Park des Wielandgutes in Oßmannstedt. Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

Jan Philipp Reemtsma erklärt: "Er musste viel können und improvisieren. Und es gehörte dazu, dass er sehr viele Wörter neu bilden musste, für die es im Deutschen kein Äquivalent gab. Also musste er neue Wörter erfinden, Neologismen, und viele dieser Neologismen sind in die deutsche Sprache eingegangen. So dass wir heute stutzen, wenn uns gesagt wird: Das Wort Steckenpferd für Hobby ist eine Wielandsche Erfindung."

Wieland: Kreativer Übersetzer, Wortschöpfer, Romancier und Journalist

Viele solcher Wortneuschöpfungen sind in der Ausstellung zu finden: von Säuglingsalter, Clown, Spleen, bis hin zu Mittagessenszeit, Sicherheitsklausel. Ganze Sätze zeugen dagegen an einer anderen Wand von Wielands Tätigkeit als Journalist. Mit dem "Teutschen Merkur" betrieb er rund 30 Jahre lang die wichtigste deutsche Zeitschrift seiner Zeit, er befasste sich vom beschaulichen Weimar aus mit der Weltpolitik, etwa mit der Französischen Revolution. Auch hier setzt die Ausstellung einen Fokus, bildet ab, wie Wieland über dieses einschneidende Ereignis berichtete. Trotz dieser Wort-Fülle überwältigt die Schau aber nicht, Bilder und Schrifttafeln sind auf schlanken, orangenen Metallstreben verankert, die Gestaltung wirkt geradezu filigran.

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Büste von Christoph Martin Wieland 4 min
Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar
Das Wielandgut Oßmannstedt 4 min
Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

Kurator Friedrich Forssman erklärt dazu: "In diesem Fall hatten wir es ja mit historischen Räumen zu tun, die bezaubernd schön sind. Und wir wollten diese Räume einerseits zum Klingen bringen und andererseits benutzen für unsere Informationen. Wir haben eine Installation gewählt, die einerseits doch recht viel Text enthält. Andererseits denken wir, dass wer durch diese Ausstellung geht, den Eindruck gar nicht hat, dass das nun zu viel Text sei."

Wieland für Anfänger und Fortgeschrittene

Vielleicht auch, weil extrem lange Texte fehlen. Die kann, wer mag, auf gemütlichen Mini-Sofas konsumieren und dort eintauchen in Wielands Originaltexte. Auf diese Weise will man unterschiedlichen Zielgruppen gerecht werden – den Zufallsbesucherinnen und -besuchern, die der Ilmradweg hierher gebracht hat. Wie auch den Literaturinteressierten.

Das Wielandgut Oßmannstedt
Luftaufnahme des Wielandgutes in Oßmannstedt mit seiner weitläufigen Grünanlage – ein Ausflug hierher lohnt sich. Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

"Und das war ein sehr intensiver, langer Arbeitsprozess. Und wenn ich das sagen darf – einer der schönsten meines Lebens.", sagt Jan Philipp Reemtsma. Er hofft, mit dieser Schau die eigene Wieland-Begeisterung auf den einen oder die andere überspringen zu lassen.

Weitere Informationen Wielandgut
Wielandstraße 16
99510 Oßmannstedt


Eröffnung der neuen Dauerausstellung am 2. September:
"Der erste Schriftsteller Deutschlands"

Großes Fest für alle am 3. September, 15 bis 22 Uhr
Ein Highlight ist die feierliche Rückkehr der "Wieland-Rose", die um 16 Uhr von Jan Philipp Reemtsma (Literaturwissenschaftler und Publizist), Friederike von Rosenberg (Direktorin für Schlösser, Gärten und Bauten der Klassik Stiftung Weimar) und Ortschaftsbürgermeisterin Anita Diener im Gutspark gepflanzt wird.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. September 2022 | 08:40 Uhr

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