Sachsen-Anhalt-Plan Lockerungen in Sachsen Anhalt – Freude und Bedenken bei Kulturschaffenden

Die Landesregierung von Sachsen-Anhalt hat einen Plan für Corona-Lockerungen vorgelegt und ist dabei einen ungewöhnlichen Weg gegangen: Bevor der Plan durchs Kabinett geht, sollten sich Vertreterinnen und Vertreter der Kulturbranche dazu äußern können. Dafür hatten sie allerdings nur drei Tage Zeit.

Darsteller verneigen sich vor dem Puplikum 4 min
Bildrechte: IMAGO / Piero Chiussi

"Belastend", so beschreibt Intendant Johannes Rieger die Situation, in der sich sein Haus – das Nordharzer Städtebundtheater – seit langem befindet. Im November ging dort das letzte Stück über die Bühne. Geprobt wurde trotzdem weiter. Nun habe man eine richtige Bugwelle an fertigen Produktionen, vorbereitet inklusive Hauptprobe oder Generalprobe, und man "muss und würde die einfach irgendwann gerne mal spielen."

Theateröffnungen brauchen Vorlauf

Eine Perspektive bietet inzwischen der Sachsen-Anhalt-Plan. Über diesen freut sich Rieger – zumindest prinzipiell: Endlich werde das Thema Kultur wieder mitgedacht. Allerdings kenne er das Vorhaben nur aus der Zeitung. Von der Regierung kontaktiert wurde er nicht.

Johannes Rieger
Johannes Rieger, Intendant des Nordharzer Städtebundtheaters Bildrechte: dpa

Dabei hätte er Einiges dazu zu sagen, zum Beispiel zum Inzidenzwert. Dieser müsste stabil unter 35 liegen, dann dürfte das Drei-Sparten-Haus wieder öffnen – so der Plan. Allerdings: Ein Öffnungsszenario innerhalb weniger Tage, samt Werbung und ordentlichem Spielplan, "das ist ein Vorlauf, der funktioniert im Kulturbetrieb nicht", so der Intendant. Drei bis vier Wochen dauere es, um ein Haus wie das Städtebundtheater wieder hochzufahren. Was, wenn der Inzidenzwert zwischenzeitlich wieder steigt? Darauf müsste der Sachsen-Anhalt-Plan genauer eingehen, findet Rieger.

Wann dürfen Chöre wieder Proben?

Die Sängerinnen und Sänger des MDR-Rundfunkchors singen in festlicher Kleidung im Gewandhaus
Durch den hohen Aerosolausstoß beim Singen sind coronakonforme Chorkonzerte schwierig zu bewerkstelligen Bildrechte: MDR/Andreas Lander

Es sind auch noch weitere Fragen offen, zum Beispiel: Wann dürfen Chöre wieder proben? Das geht aus dem Entwurf nicht eindeutig hervor. Reiner Schomburg, Vorsitzender des Landeschorverbandes Sachsen-Anhalt, wünscht sich hier mehr Klarheit und hofft, dass übergeordnete Verbände wie der Landesmusikrat Sachsen-Anhalt dafür eintreten. Denn sein Verband sei von der Regierung nicht kontaktiert worden.

Eines steht für ihn jedoch fest: Er will keine Lockerungen auf Teufel komm raus. Realistischerweise würde man die Chöre erst im zweiten Halbjahr ermuntern, ihren Probenbetrieb fortzusetzen.

Wir mussten alle lernen, dass Singen nicht nur gesund ist, für Körper, Geist und Seele, sondern auch gewisse Gefahren ausstrahlt über die Aerosole, die Sänger verbreiten.

Reiner Schomburg, Vorsitzender des Landeschorverbandes Sachsen-Anhalt

Große Freude und Bedenken Museumsverband

Unter den ersten, die von dem Lockerungs-Plan profitieren könnten, sind die Museen. Eine fünf Tage lange Wochen-Inzidenz von unter 50 – dann dürften sie wieder öffnen. "Wir sind total glücklich", sagt Ulf Dräger, Vorstandsvorsitzender des Museumsverbandes Sachsen-Anhalt. Die Strategie gebe Planungssicherheit.

Ulf Dräger ist neuer Chef des Museumsverbands Sachsen-Anhalt
Ulf Dräger, Chef des Museumsverbands Sachsen-Anhalt Bildrechte: Falk Wenzel/Museumsverband Sachsen-Anhalt

Er ist einer der wenigen, der die Kommunikation der Landesregierung lobt. Diese habe den Museumsverband in der Pandemie schon oft um Rat gebeten, auch diesmal zum Sachsen-Anhalt-Plan. Der Verband wird nun also Verbesserungsvorschläge machen, zum Beispiel zu den Schnelltests, die die Museen laut Plan vielleicht am Einlass durchführen müssen. "Ich habe davor große Angst", gesteht Dräger. Die Museen seien nicht darauf eingerichtet, hätten nicht die Räumlichkeiten. Auch bräuchte es dazu mehr Arbeitskräfte, die für die Aufgabe ausgebildet sein müssten.

Besonders eine Situation fürchtet der Verbandsvorsitzende: "Wenn so ein Test positiv ausfällt. Dann sind wir laut Infektionsschutzgesetz meldepflichtig." Wie mit derartigen Situationen umzugehen wäre, dazu erarbeite der Museumsverband gerade für die Landesregierung eine Empfehlung.

Weckt der Plan falsche Hoffnungen?

Auf viele Kulturveranstaltungen wird man allerdings noch lange verzichten müssen, selbst mit Sachsen-Anhalt-Plan. Denn der setzt mitunter hohe Hürden: Eine Inzidenz von unter 35 über mindestens sechs Wochen – das wäre die vierte und letzte Stufe, ab der in geschlossenen Räumen bis zu 500 Personen zusammenkommen dürften.

Werden bei Kulturschaffenden da nicht Hoffnungen geweckt, die am Ende nicht eingelöst werden können? Sachsen-Anhalts Kulturminister Rainer Robra winkt ab: Es gehe nicht darum, Hoffnungen zu wecken, sondern Motivation zu wecken. Am Ende sei es "ein jeder von uns, der durch sein persönliches Verhalten in seinen Betrieben, in den Kultureinrichtungen durch Achtsamkeit dafür sorgen kann, dass das Virus nach und nach aus der Gemeinschaft gedrängt wird."

Auch die Kommunikationsstrategie seines Ministeriums verteidigt Robra. "Drei Tage, um zu diesem überschaubaren Papier ernsthaft Stellung nehmen zu können, das dürfte niemanden überfordern", so der Kulturminister.

So bleibt abzuwarten, ob und wie die Kulturbranche den Sachsen-Anhalt-Plan beeinflussen wird und ob er letztlich tatsächlich in Kraft tritt. Am 2. März  soll er durchs Kabinett gehen und dann in der Ministerpräsidentenkonferenz mit der Kanzlerin besprochen werden.

Kultur und Corona

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Februar 2021 | 16:10 Uhr

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