Festival "Wagen und Winnen" – auf Entdeckungsreise durch Altmark und Wendland

Wer meint, die Altmark sei kulturell eher traditionell als modern, wird vom 9. bis zum 11. September eines besseren belehrt: An etwa 35 Orten in der westlichen Altmark und im Wendland wird auf dem "Wagen und Winnen"-Festival neue Kunst gezeigt. Das Motto "etwas wagen und gewinnen" trifft dabei auf alle zu: auf die Künstlerinnen und Künstler genauso wie auf das Publikum, das sich auf 45 Ausstellungen an teils ganz besonderen Orten wie einem sanierten Schweinestall freuen kann.

Ein Mann und eine Frau hängen Bilder in eine Reihe an eine Wand.
Der Initiator des Kunstfestivals, Heinrich Herbrügger, gemeinsam mit Anne Buch, die hauptberuflich mit Kindern und Jugendlichen arbeitet und beim "Wagen und Winnen"-Festival für die Jugendutopienale zuständig ist. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl

Teilweise bis halb drei Uhr nachts hat Thorsten Franz über Gesetzestexten gegrübelt. Aber nicht für seinen Job als Dozent für Verwaltungsrecht, sondern für das Altmärker Kunstfestival "Wagen und Winnen". Franz hat Wort-Collagen zusammengestellt über besonders lange, besonders merkwürdige, besonders verwirrende Gesetzesnamen und -texte. Die Ausstellung in seiner Scheune in Dahrendorf ist Teil des Festivals. In einer anderen Scheune werden Musik gespielt und Fotografien ausgestellt. Es gibt Kaffee und Kuchen für die Besucher. Der ganze Hof wird zwei Tage lang angefüllt sein von neugierigen Geistern, von Lachen, Stimmgewirr und intensiven Gesprächen.

So funktioniert "Wagen und Winnen": In vielen Orten, vorwiegend im Altmarkkreis Salzwedel, aber auch in der östlichen Altmark und im benachbarten niedersächsischen Wendland, finden Besucher solche Besonderheiten. Jeder kann kommen, niemand zahlt Eintritt.

45 Ausstellungen überall in der Altmark

Seit zehn Jahren geht dieses Rezept für das Kunstfestival auf. Die Zahl der Teilnehmenden und Ausstellungsorte ist seit 2013 stetig gestiegen. In diesem Jahr werden es 45 Ausstellungen und etliche kleine Konzerte an 34 Orten sein. Manche mit harmonischen Klängen und schmeichelnden Bildern, andere eher provokativ und ungewöhnlich.

Wir überschreiten Grenzen, Landesgrenzen, die einstige innerdeutsche Grenze. Das Grüne Band ist für uns eine Verbindung und kein Trenner.

Heinrich Herbrügger, Fotograf und Initiator des "Wagen und Winnen"-Festivals

Festival-Eröffnung in Salzwedel

Ein kleines Boot mit angeformten, bunten Figuren in einem Ausstellungsraum.
Eine der Skulpturen im Bürgermeisterhof. Etliche Kunstschaffende haben sich auf dem diesjährigen Festival mit Utopien beschäftigt.  Bildrechte: MDR/Katharina Häckl

Eröffnet wird das Festival am 9. September um 19 Uhr in Salzwedel, der Kreisstadt der westlichen Altmark. Zentraler Ort ist der Bürgermeisterhof, ein Fachwerkensemble mitten in der Altstadt mit märchenhafter Attitüde. In den verschachtelten Räumen einer früheren Kittelschürzen-PGH stehen Skulpturen, ungewöhnliche handgearbeitete Möbel, an den Wänden hängen Bilder und Collagen. Ihre Utopien von einer lebenswerteren Salzwedeler Innenstadt haben Künstler mit Pergamentpapier auf Fotografien übertragen.

Etliche Arbeiten – vor allem Druckarbeiten – stammen von jungen Salzwedelern. Der Bürgermeisterhof ist auch Platz der "Kinder- und Jugend-Utopiennale". Es ist das erste Mal, dass die junge Generation einen eigenen Schwerpunkt beim "Wagen und Winnen"-Festival hat. Und weil es vor allem Spaß machen soll, gibt es am Sonnabend einen Stelzenlauf vom Rathausturmplatz zum Bürgermeisterhof, Theateraufführungen und Filme.

Wenn wir uns mit dem Thema Utopie und Zukunft beschäftigen, spielen Kinder eine maßgebliche Rolle. Wir haben am Samstag eine Kinder- und Jugendutopienale, zu der eine Theatergruppe aus Havelberg und eine Filmgruppe kommen.

Anne Buch, Akteurin im "Bürgermeisterhof"

Kunst und Kultur im sanierten Schweinestall

Ein Mann und eine Frau posieren in einer Hausecke, unter unverputzten Stellen sind Backsteine zu sehen.
Extra für das Kunstfestival haben Reinhilde und Peter Lahmann ihren alten Schweinestall in Riebau hergerichtet. Bildrechte: MDR/Katharina Häckl

In Riebau östlich von Salzwedel öffnen Reinhilde und Peter Lahmann ihren privaten Hof. Nun, da sie Rentner sind, können sie sich die von ihnen geliebte und geförderte Kultur direkt nach Hause holen. Lahmanns sind seit langem Mitglieder des Salzwedeler Jazz-Klubs und empfangen im Rahmen von "Wagen und Winnen" das Lenzener Kammer-Orchester. Das Ensemble hat mit klassischer Musik allerdings nichts am Hut: Die Jungs spielen Blues und Bluegrass. Im extra für das Kulturfestival liebevoll sanierten Schweinestall auf dem Lahmannschen Hof sind textile Kunst und Malerei zu sehen. Den Ansturm der Besucher – immerhin kommen erfahrungsgemäß etwa 150 Menschen auf den Hof – nutzen Lahmanns für ihr großes Anliegen: Sie sammeln Spenden für die Rettung der Orgel in der Riebauer Kirche.

Den Charme von "Wagen und Winnen" macht die Vielfalt auf dem Lande aus: auf dem KulturGut Bandau bei Klötze zum Beispiel, im Kuhlturstall in Böddenstedt oder im Kaulitzer "Kunst Werk". Neugierigen sei empfohlen, sich einfach ins Auto zu setzen und loszufahren in die westliche Altmark. Auf das Kunstfestival "Wagen und Winnen" stößt man unwillkürlich.

Weitere Informationen Das Festival "Wagen und Winnen" zeigt vom 9. bis zum 11. September 2022 an 34 Orten in der ganzen Altmark moderne Kunstwerke.

Feierliche Eröffnung im Bürgermeisterhof Salzwedel
9. September, 19 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. September 2022 | 14:15 Uhr

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