"Revolution im Sehen" Ausstellung in Apolda: Japanische Holzschnitte treffen auf französische Kunst

Nicht weniger als eine "Revolution im Sehen" soll diese Begegnung ausgelöst haben: Auf der Pariser Weltausstellung 1867 entdeckten französische Künstler wie Renoir erstmals japanische Holzschnitte. In Farbe, Motiv und der kühl-klaren Gestaltung waren sie so ganz anders als der flirrende Impressionismus, der gerade en vogue war. Dega, Monet oder Toulouse-Lautrec wurden eifrige Sammler. Wie sich die französische Avantgarde direkt inspirieren ließ, zeigt bis zum 18. Dezember 2022 eine Ausstellung im Kunsthaus Apolda Avantgarde mit dem Titel "Cézanne, Degas, Matisse, Hokusai, Hiroshige, Utamaro".

Bild einer Frau im Kimono, im Saum versteckt sich ein kleines Kind
Utagawa Kunisadas Holzschnitt zeigt eine von "100 Schönheiten", 1858. Jetzt ist das Werk im Kunsthaus Apolda neben den Werken französischer Avantgardisten zu sehen. Bildrechte: Kunsthaus Apolda Avantgarde / Scharf Collection

Als eine "Revolution im Sehen" bezeichnen Kunsthistoriker das Staunen der Künstler, als sie mit den Farben, Motiven und dem Stil japanischer Holzschnitte in Berührung kamen. 

Kuratorin Susanne Flesche vom Kunsthaus Apolda erklärt: "Renoir sagte, dass er irgendwann auch in eine Sackgasse geraten ist mit dem Impressionismus, und da kam dann plötzlich auf der Pariser Weltausstellung 1867 erstmals der japanische Pavillon, der japanische Holzschnitte ausstellte. Das war eine unglaubliche Sensation für die Künstler, weil sie Werke sahen mit einer Farbkraft und einer Flächigkeit, die im Impressionismus so nicht gegeben war."

Susanne Flesche in einer Ausstellung
Kuratorin Susanne Flesche in der Ausstellung Bildrechte: MDR/Blanka Weber

Wenn die Ausstellung in Apolda nun ihre Räume für diese Kunst öffnet, ist das ein Blick in die Gedankenwelten und Inspiration beider Kulturen – der japanischen und der französischen Avantgarde. Man übernahm dort – davon gehen die Kunsthistoriker aus – manch eine Geste, manch eine Idee zur Raumteilung eines Bildes, die Flüchtigkeit eines schönen Momentes im Alltäglichen und auch den Mut zur Farbe Schwarz, zu harten Konturen und geraden Linien. Und den Mut zur Leere auf einem Blatt Papier.

Neue Landschaften: Matisse und Cézanne fassen "Mut zur Leere"

"Hier ein Werk von Matisse", sagt Susanne Flesche und zeigt auf ein vergilbtes Blatt mit sparsamen Linien. Dargestellt ist sinnlich, aber nicht voyeuristisch der Rücken einer Frau. Mehr angedeutet als exakt umrissen, die Schönheit des Normalen, des Momentes, des Natürlichen. Matisse, so Flesche, sei ein gutes Beispiel "für den Mut zur Leere und dafür, dass Leere auch gleichzeitig Fülle sein kann." Das sei etwas, "dass wir auch bei Holzschnitten aus dem alten Japan finden." Wenngleich es die Gegenbeispiele gibt: flächige Landschaften mit blauschimmernden Bächen und Seen, Pagoden, filigranen Bäumen, einem weiten Horizont, wo am Ende der heilige Berg, der Fuji, mit schneebedeckter Kappe im Nebel schimmert. 

Figuren zu Fuß und zu Pferd in japanischer Landschaft mit Berg im Hintergrund
Katsushika Hokusai mit einer von 36 Ansichten des berühmten japanischen Berges Fuji, 1829-33 Bildrechte: Kunsthaus Apolda Avantgarde / Scharf Collection

Landschaften scheinen wie Schichten übereinander zu liegen und doch stört es das Auge des Betrachters nicht. Licht und Schatten, romantisches Abend- oder Morgenrot, kaum ein Holzschnitt, der nicht die spröde Natur mit einem besonderen Moment des Tages verbindet. 

Apoldaer Ausstellung zeigt starke Kontraste und neue Farbigkeit

Überhaupt: Die Kontraste und Farbigkeit, die Freude an wallenden Gewändern und üppigen Ornamenten, klaren Gesichtern, kühl und stolz, aber auch sinnlich oder verschmitzt. Die Künstler aus dem meist 18. und 19. Jahrhundert halten – in Holz geschnitten und sorgsam gedruckt – die Magie ihrer Umwelt und vieler Lebensaugenblicke fest. "Im japanischen Holzschnitt ist es oftmals so, dass man den Ort gar nicht zuordnen kann", erklärt Flesche. Weil es den Künstlern schlicht egal war, während man in anderen Kulturen oftmals den Hintergrund betonte, in ein Bild einbezog und in Perspektive setzte. 

Bild japanischer Kabuki-Schauspieler
So hat Uoya Hokkei Kabuki-Schauspieler um 1830 im Holzschnitt verewigt. Aktuell zu sehen im Kunsthaus Apolda. Bildrechte: Kunsthaus Apolda Avantgarde / Scharf Collection

Künstler wie Toulouse-Lautrec und Monet als eifrige Sammler japanischer Kunst

Bilder anders zu betrachten, dass muss auch den Sammler Otto Gerstenberg (1848-1935) gereizt haben. Finanziell war er als Versicherungsunternehmer zu Wohlstand gekommen, es gelang es ihm, ein besonders künstlerisches Gespür zu entwickeln. Er kaufte damals das, was keiner so recht haben wollte. "Durch den deutsch-französischen Krieg war die Anspannung immer noch sehr groß", erklärt dazu die Kuratorin Flesche. Keiner habe französische Kunst kaufen wollen. "Er hat es dennoch getan, aber er hat eben nicht nur die Impressionisten gesammelt, sondern auch japanische Holzschnitte."

Bild einer Frau im Kimono, im Saum versteckt sich ein kleines Kind
Utagawa Kunisada (Toyokuni III): 100 Schönheiten und berühmte Stätten in Edo, 1858. So heißt dieser Holzschnitt aus der Sammlung der Scharf Collection, die jetzt in Apolda zu sehen ist. Bildrechte: Kunsthaus Apolda Avantgarde / Scharf Collection

Zugleich entdeckten viele Impressionisten diese Kunst als Quelle der Inspiration und begannen, sie zu sammeln. "Degas hatte eine große Sammlung an japanischen Holzschnitten. Monet besaß über 200 japanische Blätter, auch Toulouse-Lautrec und Léger – das Who is Who der damaligen Künstlerschaft, aber auch Kritiker und Schriftsteller. Alle kauften japanische Holzschnitte, weil diese ganz neue Sehweise faszinierte."

Marktszenen, Landschaften, Bildnisse von Schauspielern, Theaterszenen, Menschen im Alltag, inmitten einer flüchtigen Situation: Utagawa Hiroshige, Uoya Hokkei, Katsushika Hokusai, Kitagawa Utamaro stehen den Bildern von Cézanne, Degas, Matisse und Toulouse-Lautrec gegenüber.  Eine Ausstellung, die nach Themen Landschaften, Brücken, der Heilige Berg Fuji, das Motiv der Großstadt, Theaterszenen, Sumo-Ringer gegliedert ist. 

Bild einer Brücke im Regen
Ein japanischer Holzschnitt von Utagawa Hiroshige (1797-1858), Abendregen an der Großen Brücke. Das Motiv findet sich in ähnlicher Ausführung in einem Werk von Vincent van Gogh. Bildrechte: Kunsthaus Apolda Avantgarde / Scharf Collection

Japonismus: Kunsthaus Apolda zeigt kulturellen Transfer

Wer an Edgar Degas zarte Balletttänzerinnen denkt, wird unweigerlich Parallelen finden, erklärt die Kuratorin weiter: "Er hatte sich anregen lassen von seinem japanischen Vorbild Utamaro."

Die Holzschnitte vom 17. bis Mitte des 19.Jahrhunderts haben eine fantastische Farbigkeit, eine Brillanz, die man durch Farben aus der Natur und Tusche erzielte. Steine, Rinden, Pflanzenmaterial waren die Ausgangsstoffe. Für das gute Farbergebnis war übrigens damals immer eine Druckerei zuständig, nicht der Künstler. Gefertigt wurde jedes Blatt mit Hilfe mehrerer Druckstöcke, die akkurat passen mussten. "Diese Holzschnitte haben eine ganz besondere Kraft", sagt Susanne Flesche begeistert.

Landschaftsbild in zarten Grün- udn Blautönen
Auch der französische Maler Édouard Vuillard ließ sich inspirieren zu: "Querfeldein", um 1897/98, aus: Album "Paysages et intérieurs" Bildrechte: Kunsthaus Apolda Avantgarde / Scharf Collection

Und so stellt sie französische Plakatkunst den alten Holzschnitten gegenüber, zeigt zarteste Landschaften im Vergleich, lässt uns Parallelen erkennen in Ornamenten und Farbwahl und in den immer wieder flüchtig eingefangenen Szenen des Lebens: "Für mich ist es eine wunderschöne Thematik, weil ich es faszinierend finde, wie der japanische Holzschnitt den Impressionismus beeinflusst hat - aber eben nicht nur den Impressionismus, sondern die ganze europäische Kunstgeschichte und ich glaube, das hat in der Allgemeinheit noch gar kein Bewusstsein gefunden."

Angaben zur Ausstellung und zum Begleitprogramm CÉZANNE, DEGAS, MATISSE
HOKUSAI, HIROSHIGE, UTAMARO
Der Einfluss des japanischen Holzschnittes auf die französische Avantgarde
Meisterwerke aus der Scharf Collection
25. September bis 18. Dezember 2022

Kunstverein Apolda Avantgarde
Bahnhofstraße 42
99510 Apolda

Eintritt
Erwachsene 7 Euro, ermäßigt 6 Euro,
Familienkarte 12 Euro
Schulklassen: Eintritt frei

Begleitprogramm:
Donnerstag | 29.09.2022 | 19 Uhr
Vortrag: Japan und der Westen
Dr. Ulrike Wollenhaupt-Schmidt, Kunsthistorikerin

Donnerstag | 03.11.2022 | 18 Uhr
Japanische Teezeremonie

Donnerstag | 17.11.2022 | 19 Uhr
Konzert Trio Mitsune aus Berlin

Donnerstag | 08.12.2022 | 19 Uhr
Vortrag: Paris im Japanfieber: Der japanische Farbholzschnitt
und die französischen Künstler der Moderne

Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

Redaktionelle Bearbeitung: Katrin Schlenstedt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. September 2022 | 09:40 Uhr

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