"Relax, it’s only paranoia" Stefan Vogel verwandelt die Kunstsammlungen Chemnitz in einen Keller voller Kunst

Wolfgang Schilling, Moderator im Frühprogramm von MDR KLASSIK
Bildrechte: Stephan Flad

Der Künstler Stefan Vogel hat für seine Chemnitzer Ausstellung die Räume der Kunstsammlungen am Theaterplatz komplett umgestaltet und sogar einen neuen Keller eingebaut. Zu sehen gibt es eine Badewanne voller Beton, Gläser mit farbigen Flüssigkeiten oder Frittierfett, das bei einer Geburtstagsparty übrig geblieben ist. Und ganz nebenbei zeigt Vogel, dass selbst misslungene Zeichnungen noch Kunstwerke werden können.

"Relax, it´s only paranoia" ist doch mal ein schöner Titel für eine Ausstellung mit aktueller Gegenwartskunst. Auch Kerstin Drechsel, die Kuratorin der Schau an den Kunstsammlungen Chemnitz, scheint sich nach einer gewissen Phase der Verunsicherung inzwischen ganz entspannt zu haben, erklärt sie doch zum ersten Presserundgang, dass sie so etwas während ihrer langen Tätigkeit an diesem Haus noch nicht erlebt habe.

Sie spricht von LKW-Ladungen voller Baumaterialien, die da angekommen seien. Und einer vierwöchigen Bauphase, in der der Künstler Stefan Vogel die heiligen Hallen der Kunstsammlung in ein Kellerverlies verwandelte. Noch vor dem Betreten dieses Kunstkellers hört man intensive Arbeitsgeräusche. Auf einem Bildschirm sieht man den Künstler bei Stemmarbeiten im Fußboden.

Ein Keller in der Belletage

Obwohl der Rundgang durch einen Keller führt, müssen die Besucher erst einmal die Treppe nach oben nehmen. Denn die Kunstsammlungen Chemnitz haben Vogel ihre besten Räume überlassen.

Was reizt ihn eigentlich am Thema Keller? Er spricht von seiner Vorliebe für dunkle, feuchte Räume und erklärt den Keller zu seinem liebsten Arbeitsraum. Auch im übertragen Sinn. Findet sich dort doch vieles wieder, was sich im Laufe eines Lebens so angesammelt hat.

Der Künstler Stefan Vogel

Der 1981 in Fürth geborene Stefan Vogel hat in Hamburg studiert und lebt derzeit in Leipzig. Nach diversen Ausstellungen in Galerien, Kunstvereinen und dem öffentlichen Raum des In- und Auslands präsentiert er sich und seine Installationskunst hier in Chemnitz zum ersten Mal mit einer Personalausstellung in einem großen deutschen Museum.

Kunstwerke im Zwielicht

Auf dem Weg durch das Kellerlabyrinth geht es vorbei an Kunstwerken, die im diffusen Licht mal in Ecken stehen oder halbhoch an die Wände gepinnt wurden. In einem großen Regal stehen hell beleuchtete Gläser. Das kennt man ja vielleicht noch aus den Kellern der eigenen Kindheit, das Regal mit den Einweckgläsern voller verstaubter Etiketten mit Jahreszahlen drauf, die meist jenseits aller vorstellbaren Verfallsdaten liegen. Doch Vogel präsentiert hier nicht "Birnen 98" oder "Süßkirschen 02", sondern, wie er es nennt "Trennungsgründe." – in Form von sich gegenseitig separierenden farbigen Flüssigkeiten.

Stefan Vogel: Der Blick zurück hält die Geschichte auf, 2021, Verschiedene Medien, 200 x 280 cm, gerahmt
Stefan Vogel: Der Blick zurück hält die Geschichte auf, 2021, Verschiedene Medien, 200 x 280 cm, gerahmt Bildrechte: Stefan Vogel und Jahn und Jahn, München, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2021

Fettecken und Beton

Stefan Vogel: Chi sa chi sa chi sa, 2018, Syker Vorwerk, Installationsansicht, Verschiedene Medien
Stefan Vogel: Chi sa chi sa chi sa, 2018, Syker Vorwerk, Installationsansicht, Verschiedene Medien Bildrechte: Tobias Hübel, Stefan Vogel und Jahn und Jahn, München, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2021

Gleich nebenan trennt sich auch etwas. Es sieht auf den ersten Blick gelb und fettig aus. Vom Künstler ist zu erfahren, dass dies die Überreste einer Geburtstagsparty sind: Frittierfett, Sekt und Bier. Was man am Morgen danach so findet, lässt sich mit etwas Witz und ganz im Beuys'schen Sinn zur Kunst erklären.

Wie es Meister Vogel mit der Kunst sonst so hält, erfahren wir in seinem Hobbykeller. Ein Schreibtisch ist hier untergebracht, mit Musikanalage und einer betongefüllten Badewanne. An den Wänden darüber merkwürdig versteifte Kunst. Zeichnungen sind das. Auf den ersten Blick vom Künstler selbst als misslungen eingestuft, hat sie Vogel kurzerhand in den Beton der Wanne getaucht. Und sie sind plötzlich perfekt.

Es gibt also gar keinen Fehler, kein Scheitern mehr, so sehe ich das generell in der Kunst.

Stefan Vogel

Fußboden von Gips geflutet

Dann gibt es Kunst, die er nach dem Verlassen des Kellers im großen Lichtsaal der Kunstsammlungen Chemnitz auf morbide Weise präsentiert: Der Fußboden ist mit Gips geflutet, an den Wänden großformatige, mit Silikon beschriftete Tafelmalerei, halb verborgen von muffigen Vorhängen, die den Raum das Ambiente eines verlassenen Dracula-Schlosses verleihen.

Nicht mehr lange allerdings, nur noch bis zum 13. Februar ist diese verstörende schöne Ausstellung zu sehen.

Stefan Vogel: o.k., danndenkicheinfachnichtmehrmehrmehr, 2020
Stefan Vogel: o.k., danndenkicheinfachnichtmehrmehrmehr, 2020 Bildrechte: Stefan Vogel und Jahn und Jahn, München, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2021

Die Ausstellung "Relax, it’s only paranoia"
Kunst von Stefan Vogel

5.12.2021 bis 13.2.2022

Kunstsammlungen Chemnitz
Kunstsammlungen am Theaterplatz
Theaterplatz 1, 09111 Chemnitz

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Januar 2022 | 17:10 Uhr

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